Lage wird immer dramatischer

Freimann: Neue Munitionsfunde sind weitaus gefährlicher

Die Lage in Freimann wird immer dramatischer. Weil neue, extrem gefährliche Munitionsteile gefunden wurden, musste die Sperrzone vergrößert werden. Die Bewohner wollen endlich wieder heim.

München - Es ist Samstagvormittag, Lothar Sturm, 57, aus Freimann putzt sein Auto, als es plötzlich knallt. Er schaut in den Himmel. Kein Gewitter, kein Düsenjet, der die Schallmauer durchbrochen hat. „Oh weh“, denkt Sturm. „Jetzt ist drüben was in die Luft geflogen.“ Zehn Minuten später der nächste Knall. Sturm wohnt mit seiner Frau am Zedernweg. Er hatte Glück – erst hinter seinem Garten beginnt die Sperrzone. Wenige Meter entfernt, dort, wo sie das Munitionsdepot gefunden haben, sind die Sprengmeister zugange. Die Zünder der Granaten sind teils derart korrodiert, dass die Kampfmittel-Experten sie nicht mehr ausbauen können. In diesen Fällen bleibt nur die Sprengung. So wie am Samstagvormittag, als Lothar Sturm es knallen hört. „Ein Abtransport war wohl zu gefährlich“, schätzt er.

Die nächste Hiobsbotschaft für die Anwohner

Etwa zur selben Zeit ereilt die Anwohner des Munitionslagers die nächste Hiobsbotschaft: Die Sprengmeister haben „weitaus gefährlichere Munitionsteile“ als bisher schon gefunden. Neben phosphorhaltigen Stoffen auch solche, die andere gefährliche Gase freisetzen könnten. Am Tag zuvor hieß es noch, die Sperrzone werde von 100 Meter auf 50 verringert. Ein Hoffnungsschimmer für die Menschen, die seit drei Wochen nicht mehr in ihren Häusern schlafen dürfen. Doch jetzt, nach dem neuen Fund, gibt’s auch eine neue Lagebewertung: keine Aufhebung der äußeren Sperrzone. Hunderte Menschen müssen im Ungewissen verharren.

Seit einem Monat auf Abruf im Hotel

Laufend verändert sich die Situation. Also leben die Bewohner der Sperrzone rings um den Zwergackerweg seit nunmehr einem Monat auf Abruf im Hotel, bei Freunden oder Verwandten. Oder im Wohnmobil direkt an der Sperrzone, gleich neben dem Sperrzaun. So wie Elke Thomas, 65. „Ins Hotel will ich nicht, das ist mir zu teuer“, sagt sie. „Außerdem darf mein Hund da nicht mit.“ Also lieber Wohnmobil, zehn Quadratmeter. „Das reicht.“ Von der Tür ihres neuen Zuhauses sieht sie das rote Dach ihres alten. Dort gegenüber wohnt Melitta Meinberger, auf deren Grundstück man zehn Tonnen Munition gefunden hat. Die Grube zwischen den beiden Häusern am Zwergackerweg ist mittlerweile sechs bis sieben Meter tief. Tiefer als die Fundamente. Die müssen wegen der Grabungsarbeiten immer wieder abgestützt werden.

Explosive Arbeit: Ein Arbeiter hält eine Handgranate.

Im alten Löschteich des ehemaligen Panzerübungsgeländes hatten Militärs am Ende des Zweiten Weltkrieges alles versenkt, was gefährlich ist: Munition aller Kaliber, Granaten. Und deswegen knallt es an diesem Samstag in Freimann. Gewarnt habe ihn davor niemand, sagt Lothar Sturm. „Ich frage mich, wer bezahlt, wenn bei einer Sprengung etwas kaputtgeht.“ Er glaubt, dass das nicht der letzte Fund in Freimann war. „Es gibt viele alte Häuser hier. Wenn die Erben kommen, werden die bauen“, sagt Sturm. „Das könnte dann lustig werden.“

Die Älteren hier erinnern sich noch an den Teich mit dem dreckigen, braunen Wasser, der irgendwann mit Erdreich zugeschüttet und bebaut wurde. Das Löschwasserbecken ist rund 15 Meter breit, 22 Meter lang und 6 Meter tief. Zwei Generationen sind seither auf diesem Pulverfass aufgewachsen.

Die Nachbarn helfen sich gegenseitig

„Wir haben ein dickes Fell, wir halten viel aus!“, sagen Günther und Angelika Waiser, 68 und 66 Jahre alt. Auch ihr Haus liegt in der Sperrzone. „Aber jetzt langt’s uns dann.“ Die vergangenen Nächte hätten sie bei Freunden schlafen dürfen. „Wenn wir nicht so wunderbare Nachbarn hätten – die kochen sogar für uns!“ Günther Waiser sagt, er hoffe, hier bleibe niemand auf seinen Kosten sitzen. „Besonders nicht Frau Meinberger.“

Unter deren Garten liegen immer noch Bomben, Granaten, Minen und Patronen. Die Stadt hat angekündigt, sie mit den Kosten nicht allein zulassen. Jetzt wird erst einmal weiter gegraben. Wenn keine neuen Katastrophen zum Vorschein kommen, können die Bewohner am Montagabend vielleicht wieder heimkehren. Vielleicht.

Lesen Sie auch: Explosive Funde in Freimann - Jetzt doch! Stadt zahlt für Räumung

Blöde Lage, tolle Nachbarn

Das Ehepaar Waiser.

Günther (68) und Angelika (66) Waiser, Rentner: „Wir haben ein dickes Fell, halten viel aus – aber jetzt langt’s uns dann! Seit drei Wochen können wir nur in Ausnahmefällen ins Haus. Die letzten beiden Nächte haben wir bei Freunden schlafen dürfen. Wenn wir nicht so wunderbare Nachbarn hätten … Die kochen sogar für uns. Hunderte Menschen mussten ihre Häuser verlassen, nur wenige sind ins Hotel. Zu teuer, zu ungastlich, zu weit weg. Ich hoffe, hier bleibt niemand auf seinen Kosten sitzen.“

Zwei Mal geknallt!

Lothar Sturm.

Lothar Sturm (57), Versicherungsangestellter: „Ich war dabei, mein Auto zu putzen, als es am Samstagvormittag zweimal geknallt hat. Wie Düsenjets! Offenbar haben sie panzerbrechende Munition vor Ort sprengen müssen – weil sich die Zünder nicht mehr rausdrehen ließen. Ein Abtransport war wohl zu gefährlich. Gewarnt hat uns niemand. Wir haben noch Glück – die Sperrzone beginnt erst hinter unserem Garten. Ich frage mich, wer zahlt, wenn bei einer solchen Sprengung etwas kaputt geht. Das wird hier nicht der letzte Fund gewesen sein.“

Camping vor der Sperrzone

Elke Thomas.

Elke Thomas (65), Rentnerin: „Ins Hotel will ich nicht. Zu teuer! Außerdem darf mein Hund da nicht mit. Da wohn’ ich lieber im Wohnmobil. Zehn Quadratmeter, das reicht. Von hier sehe ich mein Hausdach. Gegenüber wohnt Frau Meinberger, bei ihr hat man das Pulverfass gefunden. Die Situation im Wohnwagen ist okay, sogar Strom fließt. Drei Kabeltrommeln hab ich von meinem Haus hierher verlegt – durch die Nachbarsgärten. Was richtig nervt: Internet hab ich keines – und auch kein Wasser! Nachts lassen die Aufpasser hier oft den Automotor laufen um sich zu wärmen – das ist laut!“

Video: snacktv

Rubriklistenbild: © Feuerwehr

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