„Es gibt eben Regeln – auch auf dem Strich“

Rotlicht-Krieg an der Freisinger Landstraße - Prostituierte klagt: Polizei greift nicht ein

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Die Münchnerin Helga S. (re.) und eine Kollegin sind sauer.

Am 1. Juli 2017 trat das neue Prostituiertenschutzgesetz in Kraft, damit gelten strengere Regeln. Doch weil sich nicht alle Prostituierten daran halten, gibt es an der Freisinger Landstraße Ärger.

München - Seit 30 Jahren steht Helga S. an der Freisinger Landstraße, kurz vor Dirnismaning nahe der Müllhalde, wo Kunden und Huren anbandeln. 60 Jahre ist Helga S. alt, über 100 Kilo schwer. „Es gibt nichts, was ich in diesem Geschäft nicht erlebt habe“, sagt die Prostituierte, die ihren richtigen Namen lieber nicht nennen möchte. Doch jetzt erhebt sie das erste Mal öffentlich ihre Stimme – für sich und ihre Kolleginnen, die sich das nicht trauen. „Ich habe etwas gegen die neue Ungerechtigkeit hier draußen! Gegen Frauen, die hier arbeiten, ohne Steuern zu zahlen, so wie wir“, sagt Helga S.. „Und die Sitte tut nichts dagegen!“

Anmeldebescheinigung kostet 35 Euro

Der Rotlicht-Krieg an der Freisinger Landstraße: Am 1. Juli 2017 trat das neue Prostituiertenschutzgesetz in Kraft, damit gelten strengere Regeln. Jede Prostituierte muss zum Beratungsgespräch ins Gesundheitsreferat. Kosten: 35 Euro. Dann muss sie sich beim Kreisverwaltungsreferat (KVR) mit zwei Passfotos melden und erhält für zwei Jahre eine Anmeldebescheinigung. Kosten: ebenfalls 35 Euro. Das neue Gesetz soll Sexarbeiterinnen allgemein besser vor Zwangsprostitution und Menschenhandel schützen.

Auch Helga S. hat sich den neuen sogenannten Hurenpass geholt. „Ich musste mich von einer jungen Frau aufklären lassen, was am Strich erlaubt ist, und was nicht“, sagt sie mit einem Schmunzeln, „und das nach 30 Jahren Straße.“ Kurz vor dem Mauerfall landete die gebürtige Münchnerin einst auf dem Strich. „Wegen der Liebe zu einem falschen Mann“, sagt sie. Gelernt hat sie eigentlich Metzgerin. Aber jetzt übers Leben jammern – „auf keinen Fall!“

„Gesetz ist halt Gesetz“

Den neuen Hurenausweis trägt Helga S. natürlich bei sich. „Gesetz ist halt Gesetz.“ Deshalb jetzt auch der Zorn über die neue Kollegin ein paar Meter weiter. „Sie hat diese Papiere nicht! Und ihr Zuhälter fährt mit dem ungarischen Auto die Straße rauf und runter und kontrolliert, dass sie genug Freier hat. Bei ihr ist doch jeder Stich eine Steuerhinterziehung. So geht’s nicht!“

An der Freisinger Landstraße dürfen Prostituierte und Kunden anbandeln

Helga S. wandte sich verärgert an die Polizei. Einmal seien die Beamten zur Kontrolle da gewesen „Sie haben die Frau um 11 Uhr mitgenommen, aber um 13 Uhr war sie schon wieder da, als wenn nichts wäre.“ Eines will Helga S. klarstellen: „Ich bin nicht eifersüchtig auf die junge Kollegin! Ist doch logisch, dass die besser verdient als ich. Mit Glück habe ich einen Kunden am Tag, kriege 30 Euro. Und manchmal geh ich auch leer heim, Steuern zahle ich trotzdem“, erzählt die 60-Jährige. „Mir geht es um Gerechtigkeit!“ Denn neben ihr stünden noch fünf weitere Frauen hier auf der Straße. „Auch eine 74-Jährige hat sich die neuen Anmeldebescheinigung geholt“, sagt Helga S. „Es gibt eben Regeln – auch auf dem Strich!“

Freisinger Landstraße: Das sagt das KVR

„Entlang der Westseite der Freisinger Landstraße, nördlich der Autobahnüberführung, befindet sich eine erlaubte Anbahnungszone“, so das KVR. „Nach Auskunft des Polizeipräsidiums München, Kommissariat 35 (Sitte) sind bis auf zwei Ausnahmen keine illegal in der Prostitution Tätigen bekannt. Dies gilt auch für die anderen acht Anbahnungszonen in München. Die zwei Personen, die an der Freisinger Landstraße ohne die erforderliche Anmeldung nach dem Prostituiertenschutzgesetz der Prostitution nachgehen, wurden bereits von K35 beanstandet und haben einen Platzverweis sowie den Hinweis auf die Anmeldepflicht erhalten. Das Prostituiertenschutzgesetz eröffnet einen Bußgeldrahmen bei. Anmeldeverstößen bis zu 1000 Euro. Die tatsächliche Höhe des Bußgeldes hängt vom jeweiligen Einzelfall ab.“

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Und: Prostituierte (49) über das Münchner Milieu: „Es ist billiger und respektloser geworden“

mw

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