Serie über legendäres Viertel

Wir suchen das echte Schwabing - Teil 6: Auf Kneipentour

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Auf den Straßen in Schwabing ist immer was los. Doch es gibt sie noch, die kleinen, feinen Boazn.

Schwabing hat auch in Sachen Kneipenkultur eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Von der Schickeria bis zur Saufmeile. Doch es gibt auch immer noch die Geheimtipps. Teil 6 der Serie. 

München - Gebaut wurde Schwabing am Tag, zur Legende aber wurde es nachts. Domicile, Klappe, Occam Pils, Bei Gisela – viele Giganten der Nacht sind längst Geschichte. Aber: ihr legendärer Klang wirkt bis heute nach. Wie klingt Schwabing heute? Fendstüberl, Schwabinger 7, Neuer Hut, Niro Niro, Abseits, Helene, Hopfendolde, Kiste. Die Dunkelheit pulsiert noch immer hier. Die tz nimmt Sie mit auf einen schwärmerischen Streifzug durch die Schwabinger Nacht.

Rückblende, 1982. Ein eleganter Herr in Lederjacke verlässt eine leergefegte Disco, geht zum Türsteher und sagt: „Mei Ricky, was is’n bei Euch los?“ Kaugummikauend antwortet Ricky: „Disco ist out. Und Schwabing ist auch out.“ Die Szene ist Kult. Der elegante Herr ist Helmut Fischer alias Monaco Franze, der Türsteher Ricky heißt im echten Leben Thomas Gottschalk. In Folge eins von Dietls „Monaco Franze“ klärt Ricky den ewigen Stenz über den Wandel des Nachtlebens auf. Schwabing ist nicht länger der Ort, an dem mittelalte Junggesellen ihre erotischen Sehnsüchte stillen können. Drehort: Das California New in der Occamstraße.

Angesagt sind damals andere: der Tanzpalast am Lenbachplatz, später der Kunstpark Ost, das Glockenbach, die „Feierbanane“ entlang der Sonnenstraße.

Heute müsste Ricky den Monaco nicht mehr quer durch die Stadt schicken. Schwabing ist zurück. Mittlerweile würden die zwei mittelreifen Mädels, wie die vom Monaco Franze gesuchte Elli (Gisela Schneeberger) und ihre Freundin Waldtraud (Cleo Kretschmer), sicher wieder in Alt-Schwabing tanzen.

Auch Helmut Dietl hat Anfang der 60er-Jahre seine Vorlieben in Sachen Nachtleben. Lilos Leierkasten heißt damals seine Kneipe an der Ecke Occam-/Haimhauser Straße. In seinen Memoiren schreibt Dietl: „Schnell sprach es sich herum, dass hier der Bär tanzt. Die Tür wurde versperrt, man musste klingeln, und bald schon war die erwünschte Kundschaft unter sich.“

In Lilos Leierkasten geht auch RAF-Terrorist Andreas Baader, der bei den Schwabinger Krawallen 1962 erstmals polizeilich auffällt. Später wird aus dem Leierkasten das von Gisela besungene Novak. Heute gibt’s hier Pizza im Cenone.

Schwabing: Vom Gute-Laune-Viertel zur Saufmeile und zurück

In den 80er-Jahre geben sich Nachtschwärmer in Schwabing immer mehr die Dröhnung – wenn nicht mit Drogen, dann mit Meter-Bier (elf Gläser im Holzständer) oder kübelweise Caipirinha. Schwabing verkommt zur Saufmeile.

Startup-Manager Florian Schubert ist froh, dass die Gegend die Wende geschafft hat, etwa mit der Distillerie in der Occamstraße: „Ich finde es toll, was die hier aufgezogen haben:

Ein sehr unterhaltsames Konzept mit einer extrem guten Bar. Oder gleich nebenan die Karibik: Eine endlos lange Theke, ein einfacher Laden, aber Du bekommst alles bis zum 20 Jahre alten Rum. Alt-Schwabing hat sich in den letzten zehn Jahren unheimlich gemausert. “

Viel ist nicht übrig vom früheren Kneipen-Kult. Eine der wenigen Ausnahmen: Das Fendstüberl trotzt seit 1954 allen Widrigkeiten – auch das kneipenmordende Rauchverbot hat es überlebt.

Heute mache vor allem Vielfalt den Reiz des Nachtlebens aus, sagt Simon Donatz. Der Geschäftsführer vom Trumpf oder Kritisch am Wedekindplatz sieht darin auch den Schlüssel zum eigenen Erfolg: „Früher war mehr in eine bestimmte Richtung los, Stichwort Meter-Pils. Aber heute gibt es hier für jeden etwas. Das ist neu und übt einen besonderen Reiz aus.“

Schwabing ungeschminkt: Auch das gehört dazu

Konkurrenz belebe hier das Geschäft, so die Überzeugung von Donatz, einem von fünf Partnern im geselligen Wirtshaus mit Bier vom Fass: „Wenn viele Leute später in den Helene Club gehen, nimmt uns das nichts weg. Im Gegenteil – dadurch strömen mehr Menschen ins Viertel!“

Das Schwabinger Flair hat seine Fans auf der ganzen Welt: Seit Ende der 70er Jahre kommt der New Yorker Schauspieler Jack Luceno hierher. Das verschaffte ihm schon Rollen in der TV-Serie „Der Fahnder“ oder 1985 in Wolfgang Petersens „Enemy Mine“. Schwabing schreibt er in Emails unbeirrt „Schwaabing“. Sei’s drum: Jack steht nach wie vor drauf. „Die Umgebung der Münchner Freiheit mit verruchten Clubs wie Schwaabinger 7 und schönen Gaststätten mochte ich immer schon sehr. Heute finde ich Helene Club und Occam Deli besonders schön: So gibt’s das auch in New York.“

Der junggebliebene Mittsechziger-Charmeur sagt augenzwinkernd: „Am wichtigsten ist natürlich, Tag und Nacht so viele hübsche Frauen zu sehen. Das ist in Schwaabing immer noch so.“

Wer Schwabing ungeschminkt sehen will, muss, wenn der Morgen graut, in einer Boazn abstürzen. Schwabinger 7, Neuer Hut – oder diese Kneipe mit dem besonderen Namen in der Siegesstraße 17. Wissen Sie welche?

Kleiner Tipp: Nach einem gemeinsamen Absacker dort kann der Nachtschwärmer zumindest ohne zu lügen erzählen, er sei mit seiner Angebeteten schon mal in der Kiste gewesen …

So entstand die Schickeria

Ende der 70er-Jahre: Weil vier Musiker weder gut gekleidet sind noch die richtige Frisur haben, bleibt für sie die Schwabinger Klappe zu. Eine Legende entsteht. Diese Ablehnung im Szene-Club Klappe inspiriert Günter Sigl, den Sänger der Spider Murphy Gang, später zu legendären Liedzeilen:

„Ja, in Schwabing gibt’s a Kneip’n, die muaß ganz wos B’sonders sei, do lassn’s soiche Leid wia Di und Mi erst gor ned nei, in d‘Schickeria...“.

Kein Wunder, dass man nur schwer in die Klappe kommt: Wo heute in der Fendstraße Scientology sitzt, drückten sich von 1976 bis 1980 Regisseure wie Klaus Lembke oder Rainer Werner Fassbinder und deren Schauspieler die Türklinke in die Hand.

Auf Schwabing stehen die Spiders damals wie heute. Günter Sigl: „Wir sind immer durch Schwabing getigert, vor allem nach dem Proben in der Pfarrei Allerheiligen. In die Klappe wollten wir wegen der guten Hasen. Aber mit meinem Parker und ausg’fransten Jeans war das nicht so einfach.“ Gut so, denn sonst hätte es den Klassiker „Schickeria“ vielleicht nie gegeben.

Auch nicht die realitätsnahe Textzeile mit Kokain: 1980 wurde die Klappe wegen Drogenproblemen geschlossen. Die musikalische Beleuchtung dieses „Zustands“ brachte der Spider Murphy Gang 2009 den Schwabinger Kunstpreis ein. Darauf sind die Spiders bis heute mächtig stolz.

Ein Stüberl für Rekorde

Es könnte auch „Rekordstüberl“ heißen: Seit 1954, also seit 63 Jahren (!) regieren im Alt-Schwabinger Fendstüberl Bier und Wodka.

Wirtin Renate Blumschein hat seit 1982 das Sagen. Stolz erzählt sie: „Viele Gäste schauen nach 30 oder 40 Jahre wieder vorbei – und sind ganz baff, dass sich nichts verändert hat.“ Selbst das Rauchverbot hat die urige Boaz’n in der Fendstraße 4 überstanden. Geschätzte 100 Stammgäste haben sich dran gewöhnt.

Seit 1982 für ihre Gäste da: Wirtin Renate zapft  ihrem Stammgast Uli ein frisches Bier.

Uli Scharrer ist einer von ihnen und meint: „Früher war’s hier eine wahre Nebelbude.“ Samstags brummt der Laden. Fußball. Bayern-, Schalke- und sogar Dortmund-Fans vertragen sich im Fendstüberl. Sonntags fallen die gut 20 Amateurkicker vom Panenka Football Club hier ein und machen das Stüberl zum Vereinsheim. So kann’s locker auch die nächsten 63 Jahre weitergehen.

Helene: „Ohne Dich geh’ ich heut Nacht nicht heim“

„Helene liebt Dich“ prangt vielversprechend über der Occamstraße 5. Die Stunden bis zum Morgengrauen verbringt der Schwabinger Nachtschwärmer seit eineinhalb Jahren immer öfter im Helene Club.

Früher war hier das Albatros, eine Kellerdisco mit unglaublich hoher Dichte an Neue-Deutsche-Welle-Songs und Dauerwellen. Musikalisch wie modisch schien die Zeit stehengeblieben.

In Anlehnung daran lautet eines der Helene-Mottos frei nach der Gruppe Münchener Freiheit „Ohne Dich geh’ ich heut Nacht nicht heim“.

Helenes eigentlicher Slogan könnte auch fürs gesamte Alt-Schwabinger von heute stehen: „#makeschwabinggreatagain“. Andreas Buchwalsky, zusammen mit Florian Gleibs entscheidender Partner hinter Helene Club und Restaurant, erinnert sich: „Als wir vom ehemaligen Albatros als mögliche Location hörten, haben wir gezielt ein dazu passendes Konzept entwickelt. Der Mythos Schwabing hat uns dabei sehr geholfen.“ An der Pforte zur Helene stand auch Türsteher-Legende Less vom P1. Meist kümmert sich Leo McNamara. Er soll laut Buchwalsky dafür sorgen, dass niemand allzu angeheitert reinkommt. Das finden Stammgäste wie Julia Bartl gut: „Hier tanzt und trinkt ein sehr gemischtes Publikum. Egal, ob in Sachen Mode oder Alter. Viele unterschiedliche Menschen fühlen sich hier sehr wohl.“

Nicht nur wegen der Dschungel-Tapete aus London ist der Club kult. Fantasie beweist die Helene-Crew mit Motto-Partys wie „Techno in Schwabing“ oder „What a feeling – forever 80s“.

Wo sonst R’n’B oder Elektropop mit dicken Bässen wummert, bringen zur „Schlager und Deutsch Pop Nacht“ Andreas Gabalier oder die Spider Murphy Gang die Gäste in Wallung.

Besonders stolz ist Buchwalsky auf spezielle Stammgäste: „Die Gastronomie rundherum landet nach der Arbeit sehr häufig bei uns.“ Dazu gehört schon mal die gesamte Belegschaft von Hugo Bachmairs Hofbräu.

Und: Samstags sparen Schwabinger, die sich laut Postleitzahl als solche ausweisen können, in der Helene zehn Euro Eintritt. Andreas Buchwalsky augenzwinkernd: „Wir Schwabinger halten zusammen.“

Niro Niro: Die Oase von Occam

Was eignet sich besser zum Aufwärmen und Vorglühen als italienisches Flair? Richtig: Niente! Lange Nächte beginnt man am besten hier: Das „Niro Niro“ in der Occamstraße – Restaurant, Bar, Wohlfühloase.

Der persisch-stämmige Wirt Amir Fleischer-Molaiem hat die italienische Speisekarte seines Vorgängers vor zwei Jahren um mediterrane Schmankerl wie Hummus erweitert. Vor allem zählt im Niro Niro drinnen wie draußen die Geselligkeit – inmitten der Massen, die je nach Tages- und Jahreszeit durch die Occamstraße strömen.

Auch Schwabinger Prominenz wie Schauspieler Elyas M’Barek („Fack ju Göhte“) oder Liedermacher Konstantin Wecker wurden hier schon gesichtet.

„Unsere Gäste genießen besonders gerne unsere Sommergetränke wie Sprizz klassisch mit Aperol, aber auch Himbeer-, Melone- oder Rosato-Sprizz,“ weiß Amir. Oberkellner Ibo Delibas legt schon mal mit einem weiblichen Gast einen gekonnten Salsa aufs Parkett, das hebt die Stimmung zusätzlich.

Oder: Zu grün-roten Laserlichtpunkten an Wänden und Decke und der immer ausgelasseneren Stimmung liefern Julio Iglesias, Eros Ramazzotti oder – schier „atemlos“ – Helene Fischer den Soundtrack.

Das Publikum reicht vom flotten Rentnerpaar über eine sympathische Frauen-Clique bis hin zu flirtwilligen Singles an der Bar.

Von der Geselligkeit ihres Stamm-Restaurants schwärmt die direkte Anwohnerin Katharina Eppers: „Das besondere an Alt-Schwabing ist für mich, dass es sich wie eine echte Nachbarschaft anfühlt. Gerade das Niro Niro oder auch die Helene verbinden die Menschen in der Gegend. Dadurch hat die Gegend echt Dorf-Charakter.“

Schwasi: Für die schönsten Abstürze

Laut, stickig, voll – und je später, desto ranziger: Das war die alte Schwabinger 7 in der Feilitzschstraße Nummer 7 (daher der Name der meist nur „Sieben“ oder „Schwasi“ genannten Absturz-Kneipe).

Promis wie Konstantin Wecker oder Michael Mittermeier stemmten sich gegen ihren Abriss. Vergeblich. Im Sommer 2011 war Schluss.

Die Nachkriegs-Baracke, in der die Schwabinger 7 meist angeheiterte, teils düstere Gestalten beherbergte, wich einem Luxus-Neubau. Wirt Gerd „Manila“ Waldhauser tauschte die Hausnummer 7 gegen die Nummer 15 – und schaffte Teile des jahrzehntelang nikotin-gegerbten Inventars Richtung Englischer Garten in sein neues Kellerlokal, das bis dahin „Gummizelle“ hieß.

Seither tobt in der neuen Schwabinger 7 Hard-Rock, die Halbe Helles kostet 3,60 Euro. Oder der Shot „Mexican“ beschleunigt dank einer würzigen Mischung aus Tequila, Tomate und Tabasco die Berauschung. Mit dem Münchner Hell freundet sich selbst der Düsseldorfer Altbier-Fan Phillip Jann schnell an: „Ich bin völlig platt von dieser Kneipe. Die Mischung aus Studenten, Bankern und ganz einfachen Leuten – das hätte ich in nie München erwartet, höchstens in Berlin.“

tz-Reporzer Ralf Schütze war bis zum bitteren Ende in der Schwabinger 7: „Je später, desto ranziger!“

Immer wieder kommt Florian Wolff aus Tutzing hierher: „Die Sieben ist einfach griawig und unverwechselbar. Deshalb geht man nur sehr schwer freiwillig wieder raus.“ Auch Ur-Schwabinger Günter Radauer landet in Ausnahmefällen hier im Keller: „In der Sieben bin ich, wenn’s eh schon wurscht ist. Gut finde ich: Die haben Einrichtung und teilweise Stammgäste von der alten zur neuen Sieben herübergerettet – und somit auch das Flair.“

Wenn alle Köpfe zu Klassikern von Led Zeppelin, AC/DC oder Nirvana headbangen, sind die Schwasi-Jünger ohnehin im siebten Himmel.

Und wenn dann noch Barkeeper Gerry den langen Tresen mit brennendem Alkohol befeuert, ja dann wird in der Schwabinger 7 mal wieder die Nacht zum Tag…

Tipps für die perfekte Schwabinger Nacht

Niemand muss sich an diese Liste halten, um in Schwabing eine legendäre Nacht zu erleben. Es ist nur ein Leitfaden. Nach dem Motto: Alles kann, nichts muss…

20 Uhr: Vorglühen, sehen und gesehen werden: Fendstüberl, Niro Niro, Distillers, Trumpf oder Kritisch, Vereinsheim, Karibik, Bucci Bar, Drugstore, Call Soul.

23 Uhr: Tanzen und Leute treffen: Helene Club, Schwabinger 7, Kiste, Neuer Hut, Abseits, Karibik.

5 Uhr: Ein kleiner Imbiss im Neuen Hut

Die große Schwabing-Serie

Teil 1: Mythos oder Märchen?

Teil 2: „Wir sind schon schräg“

Teil 3: Große Bühne für kleine Kunst

Teil 4: Schlendern mit Ude

Teil 5: Einmal um den Gourmet-Globus

Ralf Schütze

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