Große Serie

Wir suchen das echte Schwabing - Teil 8: Darum lieben wir das Viertel

Schwabing ist mehr als ein Viertel, sondern ein Lebensgefühl. Woran man das merkt, gehen wir im letzten Teil unserer Serie nach.

München - Legendär ist dieses Viertel, legendär der Klang dieser zwei ­Silben. „­Schwabing“: Wer das hört, denkt an den Monaco Franze, an die Freiheit, an wilde Partynächte und ebenso wilde Studenten, an Kabarett und Kunst. An all das, was dieses Viertel so berühmt ­gemacht hat. So weit die Vergangenheit. Und was ist mit der Gegenwart? Hat sich die Legende bis ins Heute ­getragen? Stimmt es immer noch, dass ­Schwabing ­eigentlich gar kein Ort ist, sondern ein Zustand, wie Fanny ­Gräfin von Reventlow vor mehr als hundert Jahren schrieb? Die tz geht ­im letzten Teil unserer Serie dieser Frage nach – und stellt fünf Lieblingsplätze vor.

Ja, Schwabing ist ein Zustand

Ist das heutige Schwabing nur Kommerz und Klamauk? Oder spürt man ihn noch im einstigen Kunst-, Krawall- und Kneipenviertel: den vielzitierten „Zustand“? Wir haben das Viertel durchforstet. Erkundigten uns nach Kultur, Gentrifizierung, Nachtleben und dem neuen Quartier Schwabinger Tor. Wir haben Ur-Schwabinger und Zuagroaste getroffen, Bewohner befragt. Fazit: Schwabing ist heute immer noch ein Zustand. Nur halt ein anderer.

Rituelle Waschung am 3. Juni 1967 mitten in Altschwabing: Der damals neue Drugstore am Wedekindplatz feiert Eröffnung. Ein Student erhält 80 Mark, damit er sich seine Haarpracht vor einer Menschenmenge abschneiden lässt. In einer Wanne wird er anschließend gesäubert. 50 Jahre danach will Nader Saffari, Wirt des gerade renovierten Drugstore, im Sommer 2017 das „Gammlerwaschen“ zurückbringen. Ganz im Sinne des Leitspruchs, mit dem der Helene-Club in der Occamstraße fürs Altschwabinger Nacht­leben wirbt: „Make Schwabing great again.“ („Macht Schwabing wieder groß.“)

Natürlich kann Schwabing heute gar nicht mehr das Krawall- und Kneipen-Viertel der 50er- und 60er-Jahre sein oder das Lebensgefühl ehemaliger Kultstätten wie Blow Up, Citta 2000, Schwabylon und Studio 15 bieten. Auch kann Schwabing nicht mehr das vor Kreativität sprühende Künstlerviertel der legendären Bohéme sein. Und das ist gut so, findet Hannes Ringlstetter, im Vereinsheim als Kabarettist groß geworden. Denn die Epoche Anfang des 20. Jahrhunderts hatte in seinen Augen etwas Ausschließendes: „Das haben einige geprägt, und dann hat sich dieses Schwabinger Image aufgebaut, aber das war elitärer.“ Im sympathischen Gegensatz dazu sei heute die Vielfalt eindeutig größer.

Schwabinger unter sich: tz-Autor Ralf Schütze neben der Statue vom  „Monaco Franze“ (Helmut Fischer).

Kabarettist Helmut Schleich hat gute Gründe, wenn er über die Schwabinger „Folklore“ schimpft. Nach ausgiebigem Frotzeln übers eigene Viertel gibt er jedoch zu: Aus Schwabing wegziehen wolle er nicht – „warum auch? Ich wüsste kein Viertel, wo es schöner und besser wäre.“ Insider sind sich einig: Schwabing sei immer noch ein Zustand und werde das auch bleiben. Comedian Rick Kavanian (Bullyparade oder Der Schuh des Manitu) sieht sogar ein Comeback des Viertels: „Schwabing ein Zustand? Klar, und zwar wieder viel mehr als noch vor 15 Jahren. Da fand ich Schwabing nicht so interessant wie heute.“

Noch ein Fan der Schwabinger Gegenwart: Alt-OB Christian Ude. Zwar beklagt er die Gentrifizierung, die Vertreibung alteingesessener Schwabinger, die sich den raketenhaften Anstieg der Mietpreise nicht mehr leisten können. Doch dann hat er das Epizentrum des heutigen Amüsier-Viertels vor sich: Ude steht am Wedekindplatz mit Schwabinger Laterndl, Drugstore und Blick in die Occamstraße. Euphorie bricht aus ihm heraus: „Schwabing stirbt? Ich kann es nicht mehr hören. Sieht das nach Einsargen aus? Lebendiger kann eine Kulturszene doch gar nicht sein!“

Schwabing lebt, davon ist nicht nur Ude überzeugt. Aus dem Metro-Gelände samt Altreifen-Deponie wurde beispielsweise das neue Quartier am Schwabinger Tor. An die Stelle altbewährter Kneipen treten vielfältige Bars: Fendstüberl, Hopfendolde, Neuer Hut, Rennbahn, dazu die neue Schwabinger 7 oder frische Kultstätten wie Kiste oder Barschwein. Kleinkunst-Förderer Till Hofmann (Lustspielhaus, Lach- und Schieß) legt großen Wert auf das bunte Schwabinger Volk: „Ein paar Gspreizte und Gspickte, und so eine gewisse Rest-Anarchie ist auch noch da.“ Vor allem gilt zwischen Leopoldstraße und Englischem Garten: „Leben und leben lassen.“ Damit und mit der Vielfalt bleibt Schwabing in Zukunft das, was Fanny zu Reventlow einst schrieb: „Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand.“

Occamstraße: Das Herz der Künstlerszene

„An schönen Tagen geht’s hier zu wie auf der Wiesn,“ sagt der Schwabinger Galerist Wolfgang Roucka. Wer Trubel mag, der ist auf der ­Occamstraße genau richtig. Wo früher die legendäre Wirtin und Sängerin ­Gisela ihr ­Lokal hatte, schlägt heute das gastronomische, vor allem aber künstlerische Herz Schwabings: Kultur­institutionen wie Lustspielhaus, Vereinsheim, Heppel & Ettlich, Drugstore, Lach- und Schießgesellschaft oder TamS-Theater – sie befinden sich alle gleich ums Eck. In der Occamstraße herrscht ein Freiluft-Feeling wie auf den berühmten Ramblas in Barcelona, findet Comedian und Schwabing-Fan Hannes Ringl­stetter. Am Wedekindplatz beginnt der berühmte Altschwabinger Straßenzug. Hier steht auch das neue Wahrzeichen des Kult-Nachtclubs Bei Gisela: die Schwabinger Laterne. Roucka trieb das Original auf, ließ es herrichten und stiftete die golden schimmernde Lampe als Symbol für den Schwabinger Zustand. So sind Giselas legendäre Liedzeilen heute wieder aktuell: Schwabinger Laterne, Großstadtillusion, Jeder hat Dich gern, Herz von Schwabylon.

Kunst und Kneipen: In der Occamstraße gibt’s Kabarett im Lustspielhaus und Cocktails in der Bar.

Monopteros: Musik machen ist hier am schönsten

Ein Musiker sitzt im ­Monopteros und schlägt in seine Gitarre. Seine Haare schimmern in der Sonne – weiß, wie seine Haut. Über den Wolken, singt er, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Sein Blick schweift und bleibt an den Türmen der Frauenkirche hängen. Münzen fallen in den geöffneten Gitarrenkoffer vor ihm.

„Bist öfter da?“ - „Scho.“ - „Mittags?“ - „Scho.“ - Pause. - „Immer wenn ich Zeit hab‘. Ist der schönste Platz in München. Aber nebenbei muss ich Abitur­schreiben.“

Sam Rasta, Straßen­musiker, 19 Jahre alt. Bald stehen die Prüfungen an. Dann: große Freiheit. Bis dahin: Kein Grund zur ­Panik. Winzige Wolken jagen über den Himmel. Sam macht blau. Monatsende. „Ich brauch Geld, ich spiel nur für’s Geld hier. Leider.“

Sam greift zu seiner Jamaikamütze, dreht eine Runde. „Mogst a Spende dalassn?“, fragt er die Anzugträger und Studenten, die am Monopteros in der Sonne fläzen. Einige reden Spanisch, andere Französisch. Bairisch redet keiner. Acht Euro kommen bei einem Rundgang zusammen. Genug, sagt Sam, um über die Runden zu kommen.

Straßenmusiker Sam Rasta.

Sam wuchs in Sendling auf, kam ins Kinderheim, macht jetzt an der FOS sein Abi. Danach will Sam Psychologie studieren. Er – den die Menschen wegen seiner Albinohaut anstarren – sagt, dass er ihnen alles aus dem Gesicht lesen kann. Alles. „Das Zucken um deinen Mund zum Beispiel, das zeigt Verachtung“, sagt er, die Augen zu Schlitzen verengt. Dann lacht er. „Du wirst aber auch brutal von der Sonne geblendet. Nix für ungut!“

Sam sagt, er kenne jede Ecke von München. Musik machen geht überall. Und am besten in Schwabing.

Bussis Kiosk: Ein Laden zum Küssen

Vom Range Rover bis zum rostigen Radl: Die Bandbreite der umstehenden Fahrzeuge zeigt, wie bunt das Völkchen an Bussis Kiosk am Rande des Englischen Gartens ist. Ruhetag? „Nur an Neujahr. Sonst sind wir bei Wind und Wetter da, täglich von 8 bis 22 Uhr,“ sagt Standl-Frau Anja Bussmann. Seit sechs Jahren betreibt die gebürtige Münchnerin den Kiosk, den es schon seit 1925 gibt. Ihre hausgemachten Kuchen sind legendär. Aus allen Stadtteilen kommen Schleckermäuler deshalb in die Gunez­rainerstraße, um ihre Spezialitäten zu genießen.

Beliebter Treff: der kleine Laden von Anja Bussmann.

Der Verkaufsschlager: Anjas Torta Caprese. Klingt nach Tomaten und Mozzarella… „Nein, nur das Rezept für diese Mandeltarte mit Schokolade kommt aus Capri, übrigens ist sie glutenfrei.“ Für Anwohner ist der kleine Laden wie ein ausgelagertes Wohnzimmer. Aber: Am Wochenende strömen die Münchner in Massen vom Englischen Garten hierher – entweder gezielt oder spontan angezogen vom köstlichen Kaffeeduft und den 30 gemütlichen Liegestühlen, die im Sand stehen. 

Schlössl Suresnes: Ein grünes Idyll in der Stadt

„Das Schlösschen Suresnes und die gesamte Katholische Akademie sind ein Idyll mitten in Schwabing.“ Das sagt nicht nur die alteingesessene Schwabingerin Elfie Feldmann. Jeder, der das versteckte Areal zwischen Englischem Garten und der Werneckstraße entdeckt, empfindet das so. Feldmann geht sogar bis zur Behauptung über, dass die Katholische Akademie in Bayern für den geistigen Mittel­punkt des Viertels sorgt: „Da gibt es tolle Veranstaltungen wie Lesungen von Schauspielern oder ­wissenschaftliche Vorträge. Und hier ist der Zugang zum wunderschönen Park vom Suresnes-Schlösschen – für mich ein wahrer Kraftplatz,“ sagt Feldmann. Schade nur, dass der rund 10 000 Quadratmeter große Park rund ums 1718 erbaute Schloss selten zugänglich ist. Feldmanns Nachbar Hanspeter Bergmann bedauert dies sehr und sagt:„Das Schlössl hält sozusagen einen katholischen Dornröschenschlaf.“ Dafür genießt er umso mehr die seltenen Gelegenheiten, den offenen Schlosspark zu besuchen. Zuletzt konnte Hanspeter Bergmann das beim Maibaumaufstellen vor der Akademie – samt Goasl­schnoizern mitten im Schlosspark.

Oase in der Stadt: Die Katholische Akademie und Schloss Suresnes zwischen Englischem Garten und Werneckstraße.

Wedekindplatz: „Hier will ich wohnen“

Es gibt Menschen, die sitzen mitten am Wedekindplatz auf einem Stuhl, essen einen Cheeseburger von McDonald’s und schauen sich die schönen, alten Häuser an und kommen ins Schwärmen: „Mensch, schön hier. Hier will ich wohnen! Morgen such’ ich mir ne Wohnung!“ Wäre es nur so einfach … Benjamin Prange ist so einer. „Schwabing“, gehört hat er das Wort schon mal irgendwo, so ein Stadtteil oder sowas. Vom Mythos Schwabing aber hat er keinen Schimmer. Oder von den Mietpreisen.

Benjamin Prange, die Sonne des Allgäus hat sein Gesicht gegerbt, wohnt seit gestern in München. Besser gesagt: in Pasing. Neun Quadratmeter, 300 Euro. Prange muss selber lachen über seine „Schuhschachtel“. Daheim in Sonthofen gibt’s für das Geld eine Dreizimmer­wohnung mit Garten und Garage.

Prange fängt bald beim Münchner Flughafen an als Sicherheitsmann, dann will er eine neue Wohnung. Ein wenig weiter in der Stadt wäre schön. „Jetzt schau ich mich hier mal um. Ist ja ganz nett.“ Läden, Kneipen, Kopfsteinpflaster – das erinnert ihn an Sonthofen. „Ich brauch kein Schicki-Micki“, sagt Prange. „Was Alternatives wäre cool, Second-Hand-Läden, urige Kneipen, so was.“

Der Allgäuer Benjamin Prange ist Wahlmünchner - und hätte gerne eine Wohnung am Wedekindplatz.

Ein Lebensgefühl eben. Sucht also auch Prange nach einem „Zustand“? Unbewusst? „Zustand?“, fragt Prange. „Wieso? Hier sitzen doch keine Penner rum! Das ist doch nicht der Marienplatz hier!“ Der macht Prange nämlich fertig. Viel zu viele Menschen, zu viel Hektik. „Und ich hab Angst vor der Anonymität.“ Da sei ihm Schwabing schon lieber.

Die bisherigen Teile der Schwabing-Serie

Teil 1: Mythos oder Märchen?

Teil 2: „Wir sind schon schräg“ 

Teil 3: Große Bühne für kleine Kunst 

Teil 4: Schlendern mit Ude 

Teil 5: Einmal um den Gourmet-Globus

Teil 6: Auf Kneipentour

Teil 7: Gehört das „Schwabinger Tor“ dazu?

Unsere wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebookseite Schwabing - mein Viertel.

Ralf Schütze, Tobias Scharnagl

Rubriklistenbild: © dpa

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