"Deutschland ist ein gutes Land"

Zeltstadt für Asylbewerber: Einblicke ins Camp der Hoffnung

+
Die Flüchtlinge waschen sich in diesen Wannen.

München - Es ist das Camp der Hoffnung: eine Zeltstadt für Asylbewerber in Freimann. Hier erklären mehrere Flüchtlinge, wo sie herkommen.

Ihab (24) aus dem Irak.

"Wir kommen hierher, weil Deutschland uns immer geholfen hat. Deutschland ist ein gutes Land.“ Salem (22) aus Tunesien ist seit zehn Tagen unterwegs: Erst überquerte er mit dem Boot das Mittelmeer nach Italien, am Freitag erreichte er mit dem Zug München – und wurde in neue Zeltstadt in Freimann geschickt, die wegen des ungeahnten Andranges eilig aufgestellt wurde.

Ein Pendelbus vom Bahnhof.

„Ich hatte keine Arbeit dort, und die Terroristen wollten mich zum Kämpfer ausbilden. Ich will aber ein friedliches Leben und dafür arbeiten – egal was.“ Salem ist einer von Hunderten, die täglich am Bahnhof ankommen und von dort gleich weiter in die Lotte-Branz-Straße (Freimann) geschickt werden – für sie ist die Zeltstadt ein Camp der Hoffnung. Sie kommen vor allem aus den Kriegsregionen in Afghanistan, Syrien, der Diktatur Eritrea und dem Armenhaus Europas Albanien.

Noch in der Nacht stellten Technisches Hilfswerk und Feuerwehr die Zelte auf dem städtischen Grundstück auf.

Von Mittwoch auf Donnerstag kamen 755 Asylsuchende in Freimann an – so viele wie nie zuvor innerhalb von 24 Stunden. Es gab von Mittag bis 21 Uhr einen Aufnahmestopp – nur Kranke und Schwangere wurden aufgenommen Die Regierung von Oberbayern, die erst vor gut einer Woche das neue Ankunftszentrum in Freimann eröffnet hatte, musste OB Dieter Reiter (SPD) bitten, das THW und die Berufsfeuerwehr Zelte aufbauen zu lassen (siehe unten).

Oberbayerns Regierungssprecher Christoph Hillenbrand betont: „Die aktuell aufgestellten Zelte werden voraussichtlich noch einige Tage benötigt. Insgesamt wollen wir die Zelte aber nur so kurz wie möglich nutzen.“ Man konzentriere sich darauf, mit Blick auf das Wochenende weitere Übernachtungsmöglichkeiten zu schaffen. Für nächste Woche habe man weitere Objekte in ganz Oberbayern aktiviert.

Doch vorerst müssen die Neuankömmlinge in den Zelte schlafen und sich an der großen Zinkwannen im Freien waschen – auch Muamar (40) aus Afghanistan: „Ich habe zuhause für die Regierung gearbeitet, wir haben Lehrern geholfen. Jetzt wollen mich die Taliban töten.“ Für Muamar könnte die Hoffnung auf ein neues Leben in Erfüllung gehen: Asylbewerber aus Afghanistan werden meistens anerkannt. Asylbewerber aus Tunesien haben kaum eine Chance. Für Salem wird die Hoffnung voraussichtlich nicht aufgehen – er wird wohl nach Hause abgeschoben.

Johannes Welte

So dramatisch ist die Lage

Im Juli sind so viele Asylbewerber in Deutschland angekommen wie noch nie zuvor in einem Monat: 79 000 Menschen.

Momentan sind 209 000 Asylanträge in Bearbeitung. Davon sind 94 000 vom Balkan und 40 000 aus Syrien.

Seit Jahresbeginn sind im Münchner Ankunftszentrum insgesamt 55 400 Flüchtlinge eingetroffen.

Von Mittwoch auf Donnerstag waren es innerhalb von 24 Stunden in der Maria-Probst-Straße 755 neue Asylbewerber.

„Das ist keine Katastrophe“

Dass die Regierung von Oberbayern den OB darum bittet, Zelte von THW und Berufsfeuerwehr aufzustellen: Das berührt Artikel 15 des Bayerischen Katastrophenschutzgesetzes. Regierungspräsident Christoph Hillenbrand betonte am Freitag aber: „Das ist kein Katastrophenfall.“ Und das Kreisverwaltungsreferat fügt hinzu: „Zur einheitlichen Koordinierung der Einsatzkräfte beim kurzfristigen Aufbau der Zeltunterkunft wurde durch den Oberbürgermeister das sogenannte Koordinierungsbedürftige Ereignis erklärt.“ Dies ermächtige den Einsatzleiter der Feuerwehr zu einer einheitlichen Leitung der Maßnahmen über verschiedene Organisationen hinweg.

Und wie geht es jetzt weiter? Hillenbrand: „Wir werden hier noch ein großes Empfangszelt aufstellen für 400 bis 500 Menschen.“ Auf die neuen Höchstzahlen angesprochen, sagt er: „Selbst diese Spitzenbelastungen können wir noch im Zusammenstehen mit den Kommunen bewältigen.“ Der Anteil der Asylsuchenden aus Albanien betrage derzeit 15 bis 20 Prozent – mit geringen Chancen auf Asyl, sagt Hillenbrand: „Meine Forderung ist wie bei den Asylsuchenden aus dem Kosovo, für eine schnelle Rückführung der Menschen zu sorgen. Die Botschaft muss lauten: ,Verkauft euer Hab und Gut nicht, um es den Schleppern zu geben.“

Könnte man Kriegsflüchtlinge etwa aus Syrien nicht ohne Asylverfahren aufnehmen? Hillenbrand: „Während der Balkankriege hat Bayern 60 000 Flüchtlinge aufgenommen. Damals war die Hilfsbreitschaft sehr groß. So etwas müsste aber europaweit erfolgen, das kann Bayern nicht im Alleingang leisten.“

Für die Wieszeit sagt Hillenbrand: „München muss sich massiv anstrengen. Wir rechnen da mit besonders hohen Zugängen. Denn auch in der Ägäis ist die Zeit nach der Urlaubersaison die Zeit der Schleuser.“

Johannes Welte

Lesen Sie auch:

Reizthema Flüchtlinge im Faktencheck

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare