Flutkatastrophe am Englischen Garten

Millionen-Schaden in Schwabing: 45 Keller sind unter Wasser - doch die Stadt steht vor einem Rätsel

Anwohnerin Franziska von Gagern steht in ihrer überfluteten Tiefgarage
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Anwohnerin Franziska von Gagern (50) in ihrer überfluteten Tiefgarage

Am Englischen Garten sind 45 Keller vollgelaufen – der Schaden der Anwohner geht in die Millionen. Doch die Stadt rätselt seit April über die Ursache und will die Verantwortung für die Wassermassen nicht übernehmen. Jetzt haben die Schwabinger eine Petition gestartet – und fordern Hilfe von der Politik.

Franziska von Gagern (50) steht nicht in einem Bach, sondern in der eigenen Tiefgarage. Doch sie steht bis zu den Waden im Wasser. „Es ist das reinste Chaos“, sagt die Schwabingerin. Seit ihrer Kindheit wohnt sie an der Genter Straße. Eigentlich eine Traumgegend direkt am Englischen Garten. Doch seit dem Frühjahr ist dort das Grundwasser dramatisch angestiegen und hat bisher 45 Keller geflutet.

Allein 100.000 Euro mussten die Anwohner für die Entwässerung ihrer Keller zahlen

Der Grund ist noch unklar. Aber die Anwohner brauchen dringend Hilfe. Rund 100 000 Euro mussten sie bereits investieren, um die Gebäude entwässern zu lassen. „Wir haben Angst um unser Zuhause. So kann es nicht weitergehen“, sagt von Gagern. „In ein bis zwei Jahren bricht hier sonst alles zusammen.“

Der Keller unter der Genter Straße ist völlig überflutet

Der Bezirksausschuss Schwabing kennt das Problem. „Die Stadt weiß schon seit fünf Jahren, dass in diesen Gebäuden etwas im Argen liegt. Seit Juni ist die Situation massiv“, sagt der Vorsitzende Patric Wolf. „Mitte Juni hatten wir alle Beteiligten eingeladen: Wasserwirtschaftsamt, Stadtentwässerung, Referat für Gesundheit und Umwelt. Es wurde viel geredet, aber nichts unternommen.“

Schaden geht in die Millionen - doch die Stadt hilft den Schwabingern nicht

Die Anwohner haben sich längst einen Anwalt genommen. Benno Ziegler vertritt die Schwabinger Flut-Opfer: „Der Schaden geht in die Millionen“, sagt er. Aber: „Die Kernbotschaft war immer, dass die Stadt nicht helfen könne, solange die Ursache nicht bekannt ist.“

Die Experten in dem Fall: Patric Wolf (Bezirkschef), Christian Hierneis (Grüne) und Benno Ziegler (Anwalt der Anwohner) diskutieren vor Ort in der Genter Straße

Der Grünen- Landtagsabgeordnete Christian Hierneis hatte eine Anfrage an die Staatsregierung gestellt, ob der Kleinhesseloher See die Ursache für das Malheur sein könnte. Der war im November 2019 erstmals seit 33 Jahren abgelassen worden. Ende April 2020 wurde er wieder befüllt. Danach liefen die Keller in Schwabing voll. Der Verdacht könne nicht bestätigt werden, antwortete Heimatminister Albert Füracker. Ihm zufolge besteht der Einfluss des Sees auf die Schwabinger Probleme „marginal bis gar nicht“. Auf eigene Kosten haben die Anwohner jetzt ein hydrogeologisches Gutachten erstellen lassen.

Anwohner stellen Petition an den Bayerischen Landtag

Aktuell liegt das Grundwasser an der Genter Straße etwa 50 bis 80 Zentimeter über normalem Pegel. „Die Stadt verstößt damit gegen ihren eigenen Wasserrechtsbescheid“, kritisiert Anwalt Ziegler. Dieser erlaube nämlich keine Stauwirkung, die sich im Kanal hinter der Genter Straße aber gebildet hat. Eine Ursache sei, dass die Abwasserkanäle abgedichtet wurden – im Grundwasser gab es später einen Rückstau. Zum Nachteil der Anwohner. Sie haben nun eine Petition an den Bayerischen Landtag gerichtet und fordern schnelle Hilfe gegen die Wassermassen.

Blau markiert ist das betroffene Gebiet in Schwabing

„Die Verantwortung wird hin- und hergeschoben“, sagt Hierneis. Die Stadt jedenfalls will sie noch nicht übernehmen. „Die tatsächliche Ursache für die sukzessive Erhöhung der Wasserstände konnte bisher nicht abschließend geklärt werden“, heißt es vom Referat für Gesundheit und Umwelt. Es werde jetzt geforscht – und auch ein Gutachter sei eingeschaltet.

Das sagt die Stadt zu den möglichen Gründen der Überflutung

Die aktuelle Vermutung: Es handelt sich wohl „um das Zusammenspiel einer Vielzahl von Faktoren“, so schreibt das Referat auf Nachfrage. Das isarnahe Gebiet habe „ohnehin einen geringen Grundwasserflurabstand“, dazu komme heuer viel Regen. Weitere mögliche Gründe für den Wasseranstieg seien öffentlichen Kanäle, die bauliche Verdichtung im Viertel, möglicherweise auch der Kleinhesseloher See.

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