Tolles Projekt am Gisela-Gymnasium

Note 1 für die Menschlichkeit!

+
Von links: Tariq Abo Gama, Jaimee Lau, Madita Leonhard und Fritz Haase.

München - Manche Projekte können nicht hoch genug gelobt werden. Weil sie wichtig sind. Weil das, was verhandelt wird, nie vergessen werden darf.

Acht Zwölftklässler und ihr Projektleiter gehören zu den Münchnern, die ein solches Lob verdient haben. Ihr Projekt Denk Mal – Erinnerung im öffentlichen Raum setzt sich mit ihren Mitschülern auseinander – allerdings denjenigen, die spätestens 1938 die Gisela-Oberrealschule verlassen mussten. Sie waren Juden. Lesen Sie unseren Bericht:

Note 1 für die Menschlichkeit!

Martin besucht die Gisela-Oberrealschule. Er ist 16 Jahre alt – seine Mutter vor einem Jahr gestorben –, als er nach Kanada auswandert, zusammen mit seiner Schwester und seinem Vater. Martin wird ein erfolgreicher Profi-Wrestler und gründet später das Martin’s Steakhouse in Ontario. Es ist ungeheuer beliebt. Martin heiratet, hat drei Kinder und stirbt 1966 an Krebs und Diabetes. Das Restaurant gibt es noch. Heute heißt es The Purple Pear. Die Gäste kommen nach wie vor in Scharen.

Martin Hutzler ist eines der vielen Schicksale – insgesamt gibt es 44 –, die acht Schülern des heutigen Gisela-Gymnasiums im Herzen Schwabings auf den Nägeln und in der Seele brennen. Die sie weit über die Schularbeit hinaus beschäftigen. Diese acht Abiturienten, allesamt in der Zwölften, setzen sich in ihrem P-Seminar mit der Geschichte eben ihrer 44 jüdischen Mitschüler auseinander, die spätestens 1938, nach den November-Pogromen, der Schule verwiesen wurden.

Die Schüler zeigen uns aus den Archiven die einstigen Schulbücher. Darin ist akribisch vermerkt, wer wann welche Zensuren hatte. Bei allen Schülern der damaligen Oberrealschule, bei denen bei Konfession:„jüdisch“ stand, ist spätestens am 12. November 1938 ein Strich durch die Einträge gezogen. Ein Strich unter das Leben, die Hoffnung, die Träume. Die jüdischen Schüler durften nicht mehr an der Schule lernen. Drei von ihnen wurden später ermordet, einer überlebte zwei Vernichtungslager. Das alles erzählen die Schüler – und vieles mehr haben sie herausgefunden. Sie wollen am 10. November, genau 76 Jahre nach der Reichskristallnacht, an ihrer Schule ein Denkmal errichten (siehe Kreis links).

Rund eineinhalb Jahre saßen sie über ihrem Projekt, gingen ihr Schularchiv durch, um alle Namen zu erforschen. Damit ging es ins Stadtarchiv, das viel über die Schicksale der Buben gespeichert hat. Auch etwa beim Suchdienst vom Roten Kreuz oder beim Internationalen Suchdienst erhielten sie weitere Informationen.

Warum sind die acht Akribischen mit solcher Energie bei der Sache? Jeder hat eine Erklärung. Tenor: „Man darf nie vergessen, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.“ Einige Schicksale lesen Sie auf der rechten Seite.

Matthias Bieber

Der Denkmal-Ort

An die weiße Wand rechts am Haupteingang soll das geplante Denkmal für die jüdischen Schüler kommen, die das Gisela-Gymnasium (damals Oberrealschule) verlassen mussten. Monatelang haben die Schüler getüftelt, verworfen, Ideen entworfen und sich schließlich geeinigt: „Wir wollten nichts Dunkles, keinen Stein – nichts, was an ein Grabmal erinnert“, fasst Jaimee Lau zusammen. Es wird eine Eisenplatte mit Rostfarbe werden, darauf eine Glasplatte mit den Namen der einstigen Schüler.

Ganz anders als Unterricht

Die Schüler, die in unserem Alter waren, waren teilweise genauso alt, wie wir heute sind. Wenn man sich mit ihren Schicksalen beschäftigt und tief in diese Zeit eindringt, dann ist das etwas ganz anderes, als man normalerweise im Geschichtsunterricht lernt und mitbekommt. Die Menschen beginnen zu leben, und man leidet mit ihnen.

Tariq Abo Gama hat englisch-ägyptische Eltern, ist 18 Jahre alt und möchte später Arzt oder Schriftsteller werden

Schicksale fesseln mich

Ich will mit diesem Projekt etwas Nachhaltiges schaffen, etwas, das bleibt – etwas, das auch nachfolgende Generationen von Schülern beschäftigt, weil das Thema so bedeutsam ist. Die einzelnen Schicksale meiner ehemaligen „Mitschüler“ haben mich wahnsinnig gefesselt und bestürzt. Ich hoffe, dass unser Projekt viele Schüler zum Nachdenken anregen wird.

Jaimee Lau (18) möchte später „irgendwas mit Sprachen“ machen: Französisch oder Englisch

Der Initiator

Reinhold Schira ist 62 Jahre alt und betreut das Projekt Denk Mal – Erinnerung im öffentlichen Raum. Der gut vernetzte Studienrat öffnet Türen zu Archiven, steht mit Rat und Tat zur Seite und gibt gleichzeitig den Schülern freie Hand, um Ideen und Konzepte zu entwickeln.

Die Träume waren gleich

Ich finde es interessant – nein, besser: faszinierend und erschreckend, dass die jüdischen Schüler früher genau durch diese Türen gegangen sind wie wir heute. Sie hatten die selben Träume, Wünsche wie wir heute – doch im Gegensatz zu uns keine Chance, diese Träume zu verwirklichen. Ihre Schicksale im Nazi-Deutschland sind tief berührend, wenn man sich mit ihnen beschäftigt.

Madita Leonhard (17) will später mal Medizin studieren

Schon mein Opa half

Ich komme aus Landsberg am Lech, wo meine Großeltern das westlichste Haus der Stadt gebaut hatten. Mein Opa stellte den täglich vorbeilaufenden Hunderten Juden immer Brot und Suppe vor die Tür – aus Mitleid. Immer abends im Dunkeln, damit er nicht erwischt wurde. Die jüdischen Mitbürger waren zutiefst dankbar. Das alles hat mich sehr geprägt und beeindruckt.

Fritz Haase (19) will ­später am liebsten Sportmediziner oder Ingenieur werden

Sechs erschütternde Schicksale: Was diese Buben erlebt und erlitten haben

Edgar Brandt

… wurde am 1.2.26 in München geboren und war zwischen 1936 und 1938 an der Schule. Mit zwölf musste er am 10.11.1938 die Schule verlassen – einen Tag nach der Reichskristallnacht. Sein Vater Friedrich wurde zur gleichen Zeit ins Konzentrationslager Dachau verschleppt. Beiden Eltern gelang im Juli 1939 mit ihren beiden Söhnen Edgar und Heinz die Flucht nach Palästina.

Edgars Bruder Heinz ist heute Gemeinderabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg. Sein voller Name: Dr. h.c. Henry Brandt.

Gerhard Liebermann

Von 1935 bis 1938 war der am 2.2.24 in München geborene Gerhard an der Schule. Drei Tage nach Beginn der Pogrome ’38 musste er die Schule verlassen. Sein älterer Bruder Erich und sein Vater wurden ins KZ Dachau verschleppt, Gerhard emigrierte ’39 nach New York. Ein Jahr später konnte die Familie in die USA fliehen. Gerhard gründete 1949 in North Carolina die B&G Lieberman Company, die noch heute in Familienbesitz ist. Gerhard (Jerry) Lieberman starb am 24.11. 2011 mit 86 Jahren in North Carolina.

Heinrich Flaschner

… wurde am 28.8. 24 in München geboren und besuchte die Oberrealschule von 1935 bis 1937. Sein Vater war Jurist und starb bereits 1934, sein Sohn verließ die Schule und begann eine Gärtnerlehre. Heinrichs ältere Schwester konnte fliehen und ließ sich im Mai 1937 in Australien nieder, Heinrich war ab Dezember 1941 Zwangsarbeiter im Barackenlager Milbertshofen. Von dort wurde er ebenso wie seine Mutter Doris in die polnische Stadt Piaski deportiert und dort ermordet. Heinrich Flaschner wurde 17 Jahre alt.

Erwin Salzer

… wurde am 28.7.21 in München geboren und besuchte die Schule zwischen 1932 und 1938. Mit 17 begann eine Schlosserlehre. Seit Oktober 1941 lebte er mit Eltern und Bruder im „Judenhaus“ in der Jakob-Klar-Straße 1. Am 20. November

desselben Jahres wurde die Familiie vom Barackenlager Milbertshofen nach Kaunas deportiert. Fünf Tage später wurden etwa 1000 Kinder, Männer und Frauen während dieses ersten großen Transports ermordet. Erwin und seine Liebsten waren ebenfalls unter den Opfern.

Heinz Gutmann

Zwischen 1933 und 1936 besuchte der am 12.10.22 geborene Bub diese Schule, seine Mutter starb wenige Wochen nach seiner Geburt. Mit 14 begann er eine Schreinerlehre. Sein Vater starb wenige Tage vor den Pogromen 1938, die Todesursache ist ungeklärt. Heinz war ab 1941 u. a. im Barackenlager Milbertshofen und in Stadelheim interniert, bevor er ins polnische Piaski deportiert wurde. Am 24. Juli 1942 wurde er in Majdanek ermordet. Seine Stiefmutter Anna kam nach Au­schwitz, wo sie vergast wurde.

Franz Wallach

… wurde am 22.5. 1924 in Dachau geboren und besuchte die Oberrealschule zwischen 1935 und 1938. Einen Tag nach der Reichskristallnacht, am 10.11.38, musste er die Schule verlassen. Ihm gelang mit einem der letzten Kindertransporte am 1.8.39 die Emigration nach England (Bath). In Birmingham studierte er Maschinenbau und wurde eine Kapazität für die Entwicklung von Dieselmotoren. Seine Eltern wurden im August 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 28.10.1944 in Auschwitz ermordet.

Die Gedenkfeier

Die Gedenkveranstaltung für die Enthüllung des neuen Denkmals findet am 10. November zwischen 18 Uhr und 19.30 Uhr statt. Rechts können Sie schon mal einen Blick in die Schulaula werfen: Auf riesigen Bannern werden die Schicksale der ehemaligen jüdischen Schüler in aller Kürze erläutert. Zu der Feier werden u. a. Bayerns Kunstminister Ludwig Spaenle, Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde und der Initiative Stolpersteine München kommen. Rund 170 Gäste haben Platz. Anmeldung bitte unter Tel. 089/27 81 420.

Top-Politiker voll des Lobes

Das Projekt am Gisela-Gymnasium zeitigt Lobeshymnen der Spitzen-politiker. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) findet es „sehr lobenswert, dass sich Schüler mit der Aufarbeitung des NS-Unrechts im eigenen Umfeld auseinandersetzen“. Bundespräsident Joachim Gauck sagt, dass es ihm „sehr wichtig ist“, dass „junge Menschen sich mit den dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte“ auseinandersetzen. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bedankt sich „für das Engagement gegen das Vergessen“. Zu den Gratulanten gehören u. a. auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Kunstministerin Monika Grütters.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare