Zwergerl lernen tippen und wischen

Münchner Caritas-Kindergarten stellt Tablet-Konzept vor: Wie sinnvoll ist das?

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Melina (5, li.) und Martha (4) erstellen am Tablet einen Stop-Motion-Film.

Digitalisierung fängt im Kindergarten an – zumindest, wenn es nach der Caritas geht. Die hat jetzt ihr neues Tablet-Kind-Konzept im St.-Josef-Kindergarten vorgestellt. 

München - Der Kindergarten der Zukunft sieht gewöhnlich aus: Kinder wippen auf dem Spielplatz, bunte Pappvögel baumeln von der Decke und auf einem Tisch liegen Kastanien. Der Fortschritt liegt im St. Josef-Kindergarten auf einem Holzgestell über den Kastanien: Auf einem Tablet erstellen Martha (4) und Melina (6) gerade einen Stop-Motion-Film. So sollen sie einen reflektierten Umgang mit Medien lernen.

„Neun von zehn Kindern haben in den Elternhäusern Zugang zu Tablets”, sagt Georg Falterbaum, der Direktor der Caritas, „was allerdings oft fehlt, ist eine altersgemäße Medienkompetenz.” Deshalb setzt die Caritas nun in zwölf Kindertagesstätten auf digitale Bildung mit Tablets. 

Kindergartenleiterin Julia Staufer.

„Wir haben zwei Geräte in der Einrichtung”, erklärt Julia Staufer, Leiterin des St.-Josef-Kindergartens an der Schleißheimer Straße. „Das sind keine Spielzeuge, sondern Lehrmittel.” Das Tablett diene zum Beispiel als Anleitung, um Origami-Frösche zu falten, oder aber als Kamera. Damit machen die Kinder Fotos von sich, anschließend entscheiden sie, ob das Bild in den Flur gehängt wird. „Da kommt die Frage auf: Will ich, dass jeder das Bild sieht, oder war das nur ein Spaß“, sagt Staufer.

Können Tablets im Kindergarten schaden?

Wischen und Tippen birgt freilich Gefahren – sowohl was das Suchtpotenzial angeht als auch in Sachen Datensicherheit. Manfred Spitzer etwa, der ärztliche Direktor der Psychiatrischen Uniklinik in Ulm, ist gegen die frühe Digitalisierung und hat auch schon mehrere Bücher dazu veröffentlicht, darunter „Cyberkrank!“ (2015) und „Digitale Demenz“ (2012). „Man muss Kinder vor Smartphones und Tablets schützen“, findet Spitzer. Je jünger das Kind, desto ausgeprägter seien die Risiken und Nebenwirkungen. „Digitale Medien führen nachweislich zu Bewegungsmangel und Haltungsschäden, Kurzsichtigkeit, Übergewicht, Bluthochdruck, einer prä-diabetischen Stoffwechsellage (Zuckerkrankheit) und Schlafstörungen“, sagt der Psychiater.

Falterbaum hingegen sieht in dem Tablet-Projekt eine Chance: „Ein Bewusstsein für den achtsamen Umgang mit den mobilen Medien zu schaffen, ist auch eine Suchtprävention.“ Wichtig sei, die Eltern mit in den Prozess einzubeziehen. Denn nicht nur die Kinder könnten von den Medienpädagogen lernen, wie lange sie auf den Tablets herumtippen dürfen und welche Apps geeignet sind, sondern auch ihre Eltern.

Tablets im Kindergarten - für die Zwergerl gibt es klare Regeln 

Im Kindergarten sind die Regeln klar: Wenn die Zwergerl herumwischen, ist mindestens ein Erzieher mit medienpädagogischer Fortbildung im Raum – und spätestens nach 40 Minuten ist Schluss. Derzeit wird das Projekt, das mehrere tausend Euro schluckt, von der Pater-Rupert-Mayer-Stiftung finanziert. Die Diakonie fordert aber mehr Engagement der Politik.

Melina, Hassan (6) und Martha gehen in einen ganz besonderen Kindergarten: Dort dürfen sie unter Aufsicht Tablets nutzen.

Die vierjährige Martha hat derweil das Interesse am Stop-Motion-Film verloren und läuft rüber zu Erzieher Hasan, der liest ihr – ganz analog – ein Buch vor. Womit sie am liebsten spielt? „Am liebsten mache ich alles“, sagt Martha. Und vielleicht ist auch das die Zukunft: Zwergerl, die selbst wissen, wann sie genug gewischt haben.

Während eine Debatte über die Digitalisierung im Kindergarten läuft, haben Eltern in München immer noch Probleme überhaupt einen Kita-Platz in der Nähe zu finden. Der Kampf um einen Platz in Krippe, Kindergarten oder Hort ist nervenaufreibend - viele sind ratlos.

An deutschen Schulen fehlt größtenteils neue Technik. Gemeinden und Lehrer können damit oft nicht umgehen oder lehnen digitales Arbeiten schlicht ab. Eltern machen sich Sorgen, dass Deutschland die Digitalisierung verschläft.

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