Alt-OB Ude: „Ich bin traurig“

Nach 65 Jahren: Münchens ältester Chinese sperrt zu

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20 Jahre lang führte Jin Tao (o.) das Restaurant Hong Kong an der Tengstraße in Schwabing. Der belesene Mann, der 1988 Patrick Süskinds „Das Parfum“ ins Chinesische übersetzte, ist traurig, dass er sein Lokal an diesem Sonntag schließen muss.

Er zeigte Literaturgrößen Peking, ehe er Alt-Oberbürgermeister Ude eine Art zweite Heimat gab. Nun schließt das „Hong Kong“ in Schwabing - nach 65 Jahren.

München - Es war 1953, als erstmals ein Hauch Exotik durch Schwabing wehte. So empfindet es zumindest Alt-Oberbürgermeister Christian Ude (70, SPD), wenn er an seine Kindheit zurückdenkt. Ude, damals sechs Jahre alt, fuhr mit seinem Roller durch die grauen Nachkriegs-Straßen. Er weiß noch genau, wie er das neue chinesische Restaurant „Hong Kong“ erblickte und staunte: „Honkong hier bei uns in Schwabing?“ Erst später sollte er in den Genuss der knusprigen Ente kommen und dort Stammgast werden. 

Zurück in die Gegenwart. An diesem Wochenende wird Ude das letzte Mal bei seinem Lieblings-Chinesen in der Tengstraße einkehren, denn dann muss Betreiber Jin Tao (62) zusperren. Der Hauseigentümer will sanieren. Insbesondere geht es wohl um die Elektrik, die dringend erneuert werden muss. Die Folge: Münchens ältestes chinesisches Restaurant muss raus. „Ich bin traurig“, sagt der Alt-OB. „Mich verbindet eine persönliche Freundschaft zu Jin Tao und seiner Familie.“ 

Jin Tao führte Böll, Lenz und Grass durch Peking

Ude war es auch, der Ende 2016 erwirkt hat, dass das Restaurant noch etwas länger bleiben durfte. Wirt Jin Tao ist dankbar dafür: „Er hat sich für uns eingesetzt und versucht, das Lokal zu erhalten.“ Nichtsdestotzotz ist nun endgültig Schluss. Jin Tao führt das „Hong Kong“ seit 20 Jahren, als dritter Wirt. „Wir haben uns hier immer sehr wohlgefühlt“, sagt der Chinese, der Ende der 80er-Jahre nach München kam. „Wir haben viele Freunde, die ich sehr vermissen werde.“ 

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Ursprünglich hatte Jin Tao nicht vor, in der Gastronomie zu arbeiten. In Peking hatte er Germanistik studiert, schrieb seine Magisterarbeit über Thomas Mann. Später arbeitete er für das chinesische Kulturministerium. Als das Goethe-Institut deutsche Literaturgrößen wie Heinrich Böll, Siegfried Lenz und Günther Grass nach Peking einlud, war es Jin Tao, der die Männer herumführte. 

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Das Kulturreferat der Stadt München ermöglichte Jin Tao schließlich, an die Isar zu kommen. Doch als Literat (er übersetzte 1988 Das Parfum ins Chinesische) war sein Einkommen nicht gesichert. So entschied er sich, das Hong Kong zu übernehmen. „Ich habe dem Lokal viel zu verdanken“, sagt er. „Ich habe viel geschuftet, aber konnte meinen Kindern so das Studium finanzieren.“ Sein Sohn heißt übrigens Thomas. Benannt nach Thomas Mann.

jv

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