Streit zwischen Buchhändler und Schriftstellerin

Rechte Schriften in Schwabinger Buchladen: Autorin sagt Lesung ab

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Sie will nicht in einem Laden mit rechten Büchern lesen: Autorin Margarete Stokowski.

Weil im Buchladen Lehmkuhl in Schwabing rechte Bücher verkauft werden, will die Autorin Margarete Stokowski dort keine Lesung abhalten. Beide Parteien fühlen sich im Recht.

München - Die Autorin ist empört, der Buchhändler ist grantig – und das Ende des Kapitels ist das große Schweigen nach dem Streit um die braunen Bücher.

Der tobt zwischen Michael Lemling (54), Chef der Buchhandlung Lehmkuhl in Schwabing, und der Autorin Margarete Stokowski (32), die am 28. November hier ihr neues Buch vorstellen und mit den Gästen über Feminismus diskutieren sollte. Die Veranstaltung ist seit drei Monaten ausverkauft, die Warteliste 20 Interessenten lang. Doch Stokowski hat abgesagt. Grund: Die Buchhandlung Lehmkuhl hat auch Bücher im Regal, die rechtes und rechtsextremes Gedankengut lebender und teils junger Autoren anbietet.

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„Das rechte Denken wird normalisiert“

Das geht nicht, sagt Stokowski. „Das rechte Denken wird erstens somit normalisiert, und zweitens gibt es finanzielle Gewinne für die Autoren und Autorinnen.“ Lehmkuhl-Geschäftsführer Lemling kontert: „Die Auseinandersetzung mit den Rechten ist eine der wesentlichen politischen Herausforderungen der Gegenwart. Bevor man mit halbem Wissen diskutiert, sollte man die Schriften gelesen haben.“

Michael Lemling, Chef der Buchhandlung Lehmkuhl.

Im Grunde, sagt Lemling der tz*, zögen Stokowski und er an einem Strang. Beide sind weit davon entfernt, auch nur einen Hauch rechtes Gedankengut in sich zu tragen. Doch während Stokowski der Meinung ist, keine recht(sradikal)en Bücher öffentlich anbieten zu dürfen, wählt Lemling den umgekehrten Weg und sagt: „Die Buchhandlung Lehmkuhl ist im linksliberalen Schwabing eine Institution, man kennt sie. Kein Rechter käme auf die Idee, in unserem Laden eines dieser Bücher zu kaufen – denn wer die Rechten finanziell unterstützen will, der bestellt die Bücher direkt beim Verlag, damit der Zwischenhändler kein Geld abzwacken kann.“

Buchhändler fühlt sich diskreditiert

Der Verlag heißt Antaios und hat u. a. die Textsammlung Finis Germania des 2016 gestorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle herausgegeben. In ihr bezeichnet Sieferle etwa Auschwitz als „letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt“. Die Erinnerung an die deutsche Schuld am Holocaust würde eingesetzt, um zu verhindern, dass Deutschland eigene Interessen durchsetzen könne.

Im Laden hat Lehmkuhl noch drei weitere Titel des Verlages. „Demgegenüber stehen 20 000 Bücher im Sortiment – und 40 Bücher, die sich kritisch mit der ,Neuen Rechten‘ auseinandersetzen“, sagt Lemling. Für den 28. November hat er kein Ersatzprogramm auf Halde. „Ich wollte mit Frau Stokowski über ihr neues Buch und Feminismus reden, nicht über die Neue Rechte. Das ist eine missliche Situation.“

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Misslich ist auch für Stokowski die persönliche Antwort-Veröffentlichung von Lemling im Internet auf der Lehmkuhl-Homepage. Da sagt er, dass Stokowski die Buchhandlung zur „No-go-Area“ erklärt habe, die nicht in ihr „Antifa-ist-Hand­arbeit“-Konzept passe. Stokowski fühlt sich diskreditiert – Lemling habe sich „im Ton vergriffen“. Sie habe nie die Buchhandlung zur No-go-Area erklärt. „Es geht darum, nicht mit einem Veranstalter zusammenzuarbeiten, der meines Erachtens einen falschen Umgang mit rechten und rechtsextremen Werken hat“, schreibt die Spiegel-Autorin.

Lemling will unabhängig von dem Wirbel um die Absage an seinem Konzept festhalten: „Sie können sicher sein, dass wir auch im Frühjahr offen diskutieren werden.“ 

mb

So verfahren andere Buchhändler mit rechten Schriften

Regina Moths von der renommierten Buchhandlung Literatur Moths in der Rumfordstraße 48 hat keine Bücher des rechtsgerichteten Verlags Antaios. „Ich verstehe die Haltung von Michael Lemling nicht ganz“, sagt sie der tz. „Es gibt genug Sekundärliteratur zu den Themen, warum muss man die Originale anbieten?“ Moths betont, dass es allerdings absurd sei, Lemling in die rechte Ecke abzudrängen. „Ein Grund für dieses Angebot ist vielleicht auch die Nähe zur Uni“, spekuliert die Buchhändlerin. Und lässt kein gutes Haar am Verlag Antaios. „Wer deren Auftritt auf den Buchmessen erlebt, dem wird schlecht“, sagt sie. Sie findet die ganze Diskussion „unglücklich und unnötig“.

Übrigens: Marktführer Hugendubel hat ein einziges Exemplar von Antaios im Regal: am Marienplatz Finis Germania.

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