Vor 100 Jahren: Der Mörder kam nachts um halb zwölf

Ein vergessener Mord in München-Schwabing: Wer erschoss den Genossen Gareis?

Polizei sucht Mörder von Karl Gareis
+
Mit einer Belohnung suchte die Polizei nach Hinweisen auf den Mörder von Karl Gareis – ohne Ergebnis. Rechts das Wohnhaus vor 100 Jahren (Schwarz-Weiß) und heute. Collage: Niedermaier/Fotos: Staatsarchiv München, Historisches Lexikon Bayerns, dw

Karl Gareis ist heute völlig vergessen. Dabei brachte der Mord an dem Politiker der linken USPD vor 100 Jahren ganz München in Aufruhr. Der Mörder: bis heute unbekannt. Die Polizei: eher hilflos.

München – Der Mörder kam nachts um halb zwölf. Karl Gareis, ein Landtagsabgeordneter der linken USPD, hatte sich an der Gartentüre vor seinem Wohnhaus in der Freystraße 1 in München-Schwabing gerade von seinem Begleiter mit Handschlag verabschiedet. Da krachten kurz hintereinander zwei Mal zwei Schüsse. Karl Gareis sackte zusammen – eine Kugel hatte den 31-Jährigen vor dem linken Ohr getroffen und war ins Gehirn eingedrungen, „so dass infolge Zerreißung der ganzen inneren Gewebe nur der Tod eintreten konnte“, wie die Polizei später festhielt. Zwar wurde der tödlich Verwundete noch ins nahe Schwabinger Krankenhaus geschafft. Dort jedoch starb er am 10. Juni 1921 gegen zwei Uhr früh.

Der Mord an dem linken Politiker löste in der aufgeheizten Atmosphäre des jungen bayerischen Freistaats regelrecht Schockwellen aus. Viele erinnerte der Mord an das hinterrücks verübte Attentat auf Kurt Eisner zweieinhalb Jahre vorher. Gewerkschaften riefen einen dreitägigen Generalstreik aus. Andere empfanden klammheimliche Freude, war Gareis doch unter den Anhängern der jetzt politisch ganz nach rechts gedrifteten bayerischen Ordnungszelle verhasst. Der ehemalige Gymnasialschullehrer, der aus Regensburg stammte, hatte Verbindungen der Münchner Polizei zu rechtsradikalen Umtrieben zu seinem Spezialthema gemacht – auf sein Betreiben gab es dazu im Landtag sogar einen Untersuchungsausschuss.

Ludwig Thoma hetzte gegen Gareis

Unter denjenigen, die Gareis anfeindeten, war auch Ludwig Thoma, der im „Miesbacher Anzeiger“* Gareis noch kurz vor dem Anschlag als der „typische Geisteskranke aus der Umsturzzeit“ geschmäht hatte.

Die Münchner Polizei, das zeigt die über 700 Seiten starke Ermittlungsakte im Staatsarchiv, blieb in dem Fall nicht untätig und ging einer Vielzahl von Hinweisen nach – unsinnigen ebenso wie Erfolg versprechenden. Gareis hatte in den Stunden vor dem Mord im Mathäser-Festsaal einen Vortrag im Freidenkerverein „Darwin“ zum Thema „Die drohende Verkirchlichung der Schule“ gehalten, der von immerhin 900 Zuhörern besucht wurde. Da die Polizei damals alle politischen Versammlungen überwachte und auch Protokolle anfertigte, sind wir über den Verlauf der Versammlung gut informiert. „Stimmung: sehr lebhaft“, hielt der Polizist fest. Er notierte neben den Ausführungen von Gareis („Die Lehrer, welche aus der Kirche austreten, werden brotlos gemacht und auf die Straße gesetzt“) auf drei Seiten auch die Diskussion, in der der später als Nazi-Gegner berühmt gewordene Jesuitenpater Rupert Mayer als Gegenredner auftrat. Mayer wurde von der Polizei befragt – denn es hätte ja sein können, dass ein wütender Gegner von Gareis sich zum Mord animiert gefühlt hätte. Mayer gab zu Protokoll, er habe mit einzelnen, gegen Gareis eingestellten Diskutanten, darunter ein Mitglied des katholischen Jugendvereins St. Josef, zwar hinterher geredet. Dass „man diese harmlosen Besprechungen mit dem Mord in Verbindung“ bringe, sei jedoch „unverantwortlich“. Diese Spur verlief also im Sande.

Der Verdacht gegen den Begleiter

Ins Visier geriet auch Gareis’ Begleiter, der Hilfsarbeiter Andreas Seraing, der den Politiker nach der Abendveranstaltung mit der Tram der Linie 3 nach Hause begleitet hatte. Die beiden kannten sich vorher gar nicht persönlich.

Seraing gab jedoch gegenüber der Polizei an, er habe Gareis vor möglichen Anfeindungen schützen wollen – er machte sich hinterher bittere Vorwürfe, dass ihm das nicht gelungen war und er auch nur eine sehr vage Täterbeschreibung (Mann mittlerer Größe, grauer Stoffhut, dunkelbraune Jacke, Wickelgamschen oder Strümpfe) geben konnte.

Bei der Polizei liefen auch anonyme Briefe ein, die Gareis eine Affäre mit einer verheirateten Frau andichten wollten – war er Opfer einer Eifersuchtsaffäre? Das ließ sich nicht erhärten. Wie hasserfüllt die politische Atmosphäre damals war, zeigen anonyme Bekennerschreiben, die bei der sozialdemokratischen „Münchner Post“ einliefen: „Meine Tat erhebt keinen Anspruch auf Mut und Tapferkeit“, hieß es da. „Ich beging sie, weil ich mein heißgeliebtes Vaterland von einer Pestbeule befreien wollte.“ Andere verließen sich auf telepathische Kräfte: Man wolle ihm ein Stück Stoff des Anzugs von Gareis und eine Originalfotografie schicken, ließ jemand aus Bonn wissen. Dann werde er den Mörder schon ermitteln. Im August 1921 suchten die Polizisten sogar eine Hellseherin in Nürnberg auf – natürlich ohne Ergebnis.

Ein rechtsradikaler Attentäter?

Die meisten Spuren, denen die Polizei nachging, wiesen in Richtung Rechtsradikalismus. Schon der Begleiter Andreas Seraing hatte die Vermutung, dass der Mörder „gewiss einer von der Firma Hakenkreuz“ gewesen sei. Zwei Wochen vor dem Mord hatte es in einer Versammlung der NSDAP im Hofbräuhaus Zwischenrufe „Freystraße auskehren“ gegeben – die Polizei befragte sogar die Kellnerinnen, konnte den Zwischenrufer jedoch nicht ermitteln. In den Tagen nach dem Mord durchsuchte die Polizei nach einem Hinweis das Zimmer der Brüder Franz und Friedrich Liedig in der Münchner Türkenstraße und fand einen „Pappkarton voll Zeitungsausschnitte, die sich durchwegs auf die Bekämpfung des Judentums beziehen. Liedig trägt auch ein Hakenkreuz“. Mit dem Mord hatten die Brüder jedoch nichts zu tun. Vielversprechender schienen Hinweise zu sein, nach denen der Mörder in den Reihen des Bunds Oberland zu finden sei – einer Gruppierung, die zunächst als Freikorps gegen die Revolution in Bayern gekämpft hatte und 1923 als Bundesgenosse Hitlers beim Putsch von sich reden machen sollte. Angeblich gab es beim Bund Oberland ein „Femegericht“ – doch die Befragung einzelner Oberland-Mitglieder erbrachte nichts. Spuren wiesen schließlich zum früheren Leutnant zur See Heinrich Tillessen, einer der beiden flüchtigen Mörder des vormaligen Reichsfinanzministers Matthias Erzberger (26. August 1921). Tillessen pflegte zahlreiche persönliche und politische Verbindungen nach München. Er wurde jedoch erst in den 1950er-Jahren für den Erzberger-Mord verurteilt. Der Fall Gareis kam dabei nicht zur Sprache.

Letztlich verliefen alle Spuren im Sande – der Mörder wurde nie gefunden. Auch eine ausgesetzte Belohnung von 30 000 Reichsmark half nicht weiter. Die Münchner Historikerin Ulrike Hofmann, die den Fall in ihrer Doktorarbeit dargestellt hat, hält den Mord für „ein politisches Verbrechen von rechts“ – der letzte Beweis jedoch fehlt.

Wäre es nicht Zeit für eine Erinnerung?

Das Haus, vor dem Gareis erschossen wurde (er wohnte im dritten Stock), gibt es noch – es ist baulich stark verändert, die wuchtige Haustürpforte ist jedoch dieselbe. An Gareis indes erinnert in München nichts und niemand – es gibt zwar eine Gareisstraße, die aber würdigt einen gleichnamigen Juristen. Der Grund für dieses Vergessen ist einfach: Gareis war USPD-Mitglied, gehörte also einer linken Abspaltung der Sozialdemokratie an, die es bald darauf nicht mehr gab. Er war kein Kommunist, sondern Pazifist. Er war mit seiner Ehefrau Gertrud jung verheiratet, hatte aber keine Kinder. Niemand fühlte sich für die Erinnerung an diesen Politiker zuständig. Wäre es nicht Zeit dafür? *Merkur.de/bayern und tz.de/muenchen sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Regelmäßig, kostenfrei und immer aktuell: Wir stellen Ihnen alle News und Geschichten aus München zusammen und liefern sie Ihnen frei Haus per Mail in unserem brandneuen München-Newsletter. Melden Sie sich sofort an!

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare