Nächste Kult-Kneipe macht dicht

„Es ist ewig schad‘!“ - Alt-OB Ude trauert um das Schwabinger Podium

+
Mit dem Schwabinger Podium schließt das nächste Urgestein im ehemals wilden Viertel.

Fast 50 Jahre lang prägte das Schwabinger Podium die Live-Musikszene der Stadt, seit gestern Abend ist Schluss. Ein Investor will das Haus abreißen, die Mieter kämpfen dagegen an. Auch Alt-OB Christian Ude klagt über die „Heimsuchung der Spekulanten“. Stirbt Schwabing?

Wieder bricht in Schwabing ein Urgestein weg. Nach 44 Jahren Live-Musik sperrte das Schwabinger Podium gestern zu. Das lässt auch die übrigen Urgesteine im Viertel nicht kalt. Christian Ude (69) zum Beispiel, ehemals Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München, heute Bürgermeister der „Traumstadt Schwabing“, schimpft: „Es ist furchtbar traurig, was hier geschieht. Besonders, weil es nicht geschehen musste!“ Das Podium hätte gerettet werden können. „Aber ein einziger Spekulant hat was dagegen.“

Kampf der Mieter mit dem Investor

Wie berichtet, kaufte 2014 ein Investor das Haus Wagnerstraße 1. Da war das Podium schon seit fast 50 Jahren eine feste Größe in der Schwabinger Kneipen- und Musikszene. Angefangen hat es mit Dixie und Swing, in den Achtzigern kamen die Rockbands dazu, die Musik von den Rolling Stones bis zu den Doors coverten. Nun ist Schluss.

Daran nimmt Ude Anstoß: „Jene, die Schwabing wegen seines kulturellen Rufs als Anlageobjekt wählen, zerstören die kulturelle Grundlage dieses Viertels.“ Die Mieten für Künstler seien viel zu hoch, eine Live-Bühne nach der anderen müsse zusperren.

Die Wirtin zieht an den Stadtrand

Die Suche nach einem neuen Kneipen-Zuhause war für Wirtin Renate Vogel lange erfolglos. Jetzt geht’s raus aus Schwabing an den Stadtrand: Der Gasthof „Schießstätte“ in Allach hat einen Saal für 250 Gäste und einen großen Biergarten. Das Team sei dabei, den Saal „schalltechnisch so dichtzumachen“, schreibt die Wirtin auf ihrer Homepage, „dass wir in gewohnter Manier weiterrocken können“.

Christian Ude bedauert das Ende des Podiums - und übt harsche Kritik.

Seit zwei Jahren tobt ein Kampf

Die übrigen Mieter der Wagnerstraße 1 harren wie berichtet seit zwei Jahren im Ungewissen aus. Per Brief ließ der Vermieter verlauten, dass er das Haus abreißen wolle, das Mietverhältnis sei beendet. Aber kampflos wollten die Menschen ihre „Wagnerburg“ nicht aufgeben. Sie gründeten die Bürgerinitiative „Pro Schwabing“, seitdem streiten sie für den Erhalt der Wohnhäuser Wagnerstraße 1 und 3. Rund 7000 Unterschriften sammelten sie. 2016 wurden die Häuser in das „Ensemble Altschwabing“ aufgenommen, seit wenigen Wochen gilt ein Abrissverbot. Dem Podium hilft das nichts mehr.

Stirbt Schwabing? Der Alt-OB findet das übertrieben

Der Klage, dass das alte Schwabing sterbe, kann Alt-OB Ude trotzdem nichts abgewinnen. „Na! Hört mir mit diesem 100 Jahre alten Trauerlied auf!“, poltert er. Jedes Mal, wenn eine Kneipe oder Bühne zumachte, habe es geheißen: „Jetzt ist Schwabing tot.“ Mit diesem Ruf sei er aufgewachsen, keine Todesnachricht sei öfter verkündet worden. „Aber Schwabing lebt immer noch!“

Die Schauburg: In den 70er-Jahren geschlossen, heute offen. Die Seidlvilla: zwischenzeitlich zur Polizeiinspektion umfunktioniert, heute wieder ein „Kulturort“. Die Occamstraße beherberge mehrere Live-Bühnen, auch das Marionettentheater sei noch da.

Lesen Sie hier: Appell des Kabarettisten Wolff - „Bitte rettet das alte Schwabing“

Das Viertel wird von Spekulanten heimgesucht

Also alles also halb so wild? Nein, sagt Ude: „Um das Podium ist es ewig schad’. Das muss ich scharf kritisieren.“ Es sei ja nicht so, dass die Wirtin keine Lust mehr habe oder keine Kraft. „Da wurde Schwabing von Spekulanten heimgesucht.“ Ude kennt das Podium seit dem Studium. Reservieren habe man nie müssen, die Preise seien „glimpflich“ gewesen, bei Live-Jazz sei er oft sitzen geblieben. „Dieses Fluidum haben wir in Schwabing sehr geschätzt.“

Fluidum, Flair, Zauber, kurz: der „Mythos Schwabing“ – mit jedem Urgestein, das wegbröckelt, verflüchtigt er sich ein wenig mehr.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring

Kommentare