Ein letztes Ständchen

Servus, Gisela! Trauerfeier für Schwabinger Legende

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Wie eine Mama: „Die Gisela war voll Herz und für jeden von uns Musikern wie eine Mama. Ich war von 1957 bis 1966 bei ihr. Sie war tolerant, immer positiv und tapfer. Obwohl das Leben auch manchmal auch hart für sie war. Alle Gäste haben sie geliebt“, sagt Silvano Cocchi, Gitarrist (l.). Wolfgang Roucka, Fotograf (r.) meint: „Sie bleibt mit ihrem Markenzeichen in Erinnerung: der Schwabinger Laterne. Sie steht bei mir in der Galerie. Ich hoffe, wenn der Wedekind-Platz hergerichtet wird, dass sie da auch künftig stehen wird. Dann kann man sagen: Schwabing leuchtet.“

München - Servus, Gisela! Bei einer bewegenden Trauerfeier haben Freunde, Verwandte und Wegbegleiter Abschied genommen von einer Schwabinger Legende.

Wie hat er sie geliebt! Mit leuchtenden Augen durfte Silvano Cocchi seiner Schwabinger Gisela am Samstag zum Abschied ein Ständchen bringen. Gefühlvoll spielt ihr langjähriger Gitarrist und Sänger das Ave Maria in der Aussegnungshalle am Nordfriedhof. Es ist das sanfte Servus an eine unvergessliche Münchnerin!

Vom Sterbebild blickt ihn die beliebte Wirtin lebendig wie nie an: Die Zigarette in der Hand, die Haare fein zurecht gemacht. Und dann dieses unglaubliche Lächeln! So wird sie immer in Erinnerung bleiben: liebenswürdig, freundlich, von innen leuchtend. Ihre Lieder singt sie jetzt im Himmel. Aber ihr Charme bleibt.

„Schaut euch diese Augen an. Eine leuchtende Lichterkette des Lebens“, sagt Pfarrer Rainer Maria Schießler bei der Trauerfeier vor 200 Gästen. „Die Gisela war ein Mensch, der auf andere zugeht und ihnen zuhört. Sie war da, wo Gott sie hingesetzt hat: In ihre Kneipe – ihre Leidenschaft zum Leben.“

Am 25. Juli verstarb die beliebte Wirtin und Chanson-Sängerin im Alter von 85 Jahren. Aber wenn sie diese Worte gehört hätte – sie hätte dem Pfarrer wahrscheinlich ein Ständchen an der Bar gesungen. „Ich habe den lieben Gott in so mancher Kneipe intimer kennengelernt als im Bibelkreis“, bekennt Schießler lächelnd. „Gisela war den Menschen zugewandt wie eine gute Schwester.“

Die Urnenbeisetzung am Nordfriedhof: Pfarrer Rainer Schießler (rechts) sprach das letzte Gebet am Grab von Gisela Jonas-Dialer († 85).

Wirtin, Sängerin – ein Unikat, diese Gisela. Jonas-Dialer hieß sie, aber wen interessierte das? Bei Gisela nannte sie ihre Kneipe, die sie 1952 eröffnete. Und die Schwabinger Gisela blieb sie – eine spannende Frau, die mit ihrem Viertel blühte. Ihr Glanz strahlte weit über München hinaus.

Christian Ude und Ehefrau Edith, die wegen einer Verengung des Wirbelkanales nicht lange stehen kann.

„Sie war eine Institution, eine Legende“, sagt Alt-OB Christian Ude in seiner Trauerrede. „Und auch eine Frau mit großer erotischer Ausstrahlung.“ Ein Stehauf-Weibchen: aufrichtig, stark und lebensfroh. Persönlich aber „ein unglaublich gutmütiges, manchmal auch allzu gutgläubiges Wesen.“

„Danke, dass wir diesen Menschen erleben durften“, schließt Pfarrer Schießler und gibt die Bühne frei: Von dort rührt Giselas Freundin und Jazz-Sängerin Jenny Evans mit Amazing Grace (zu deutsch: Erstaunliche Gnade) zu Tränen.

Am Grab singt ein Chor aus engen Freundinnen, während die Urne beigesetzt wird. Freunde und Familie legen 85 rote Rosen nieder. Und sagen leise Servus zu ihrer Schwabinger Legende!

Andreas Thieme

Kraftpaket mit Aura

„Gisela war erstaunlich, ein ungeheures Kraftpaket. Das war so gegensätzlich zu dem, was man sonst an Mädchen kannte. Als wir mit ihr Musik gemacht haben, haben wir fast täglich bekannte Leute getroffen. Irgendeiner kam immer zur Gisela.“

Walter Gumper (Nowak)

Wunderbarer Mensch

„Sie war ein tolles Weib, ein wunderbarer Mensch mit einer tollen Stimme. Sie hat das Leben so genommen, wie es kam. Kein Jammern, kein Klagen. Ich sag einfach nur: Unersetzlich. Sie war ein Kaliber. In allen Lebenslagen voll Würde und Heiterkeit.“

Ilse Neubauer, Schauspielerin

Was für eine Dame

„Gisela war eine Dame, zurückhaltend, aber mit erotischem Charme. Sie war sehr lustig, immer fröhlich und sehr apart. Ich werde sie sehr vermissen und bin dankbar, dass ich ihren Abschied mitgestalten durfte.“

Jenny Evans, Jazz-Sängerin

Ihr spannendes Leben

Tänzerin, Mechanikerin, Kellnerin – als junge Frau probiert sich Gisela Jonas-Dialer († 85) in verschiedenen Berufen aus. Glücklich wird sie erst, als sie im Alter von 23 Jahren ihre Kneipe Bei Gisela in der Occamstraße eröffnet – und zu Deutschlands jüngster Wirtin wird. Mit ihren Chansons wie der Schwabinger Laterne, ihrer tiefen und verruchten Stimme wird sie schnell bekannt. Jeden Abend betritt sie die Bühne – und begrüßt etliche prominente Gäste. Weil sie aber nicht nur Bewunderer findet, muss sich Gisela sogar vor Gericht wegen der angeblich unzüchtigen Lieder verantworten. Sie wird freigesprochen. Und gewinnt vor allem Sympathie: Udo Jürgens vertritt sie seinerzeit, damit sie überhaupt einmal wegfahren kann. Nach zehn Jahren in der Provinz kehrt sie nach München zurück, arbeitet bei Gerd Käfer im Deutschen Theater und mit Konstantin Wecker im Café Giesing. Die Schwabinger Gisela heißt ihr neues Café in der Herzog-Heinrich-Straße ab 1986, das sie fünf Jahre später wegen Krankheit aufgeben muss. Am 25. Juli verstarb Gisela in ihrer Wohnung am Viktualienmarkt.

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