Willkommenszentrum im Klinikum Schwabing

tz-Einsatz vor Ort: So läuft die Hilfe für die Flüchtlinge

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Neben Ehrenamtlern wie tz-Reporterin Jasmin Menrad helfen auch Medizinstudenten.

München - tz-Reporterin Jasmin Menrad arbeitet ehrenamtlich im Willkommenszentrum im Klinikum Schwabing mit. So gut läuft die Hilfe für die vielen Flüchtlinge:

Gegen 19 Uhr bricht eine junge syrische Frau auf dem Flur leise zusammen. Als sie auf dem Linoleum wieder aufwacht, hat ihr Mann ihren Kopf in seinem Schoß und spricht leise auf sie ein. „Das passiert oft, wenn Sie nach Monaten auf der Flucht in Sicherheit sind“, sagt die Servicemanagerin zu mir, die vor drei Tagen plötzlich zur Flüchtlingsexpertin geworden ist.

„Am Sonntag nach der Kirche kam der Anruf vom Chef, dass wir Flüchtlinge bekommen“, erzählt sie, während wir einen Wäschewagen durch die unterirdischen Gänge vom Klinikum Schwabing schieben, um Decken zu besorgen. Sonntagnachmittag bereitete ein Klinik-Team die aufgegebenen Häuser 8 und 9 für Flüchtlinge vor. Kurz nach Mitternacht der Anruf: Sie kommen. In einer Stunde. Sie hat dann selbstverständlich mitgearbeitet.

Mehrere tausend Flüchtlinge kommen täglich in München an.

Etwa hundert Flüchtlinge sind für einen Tag zum Ausruhen hier - Gesunde und Kranke. Die Patienten bekommen von der Aufregung in Haus 8 und 9 nichts mit - im Klinikum Schwabing läuft alles wie immer. Von den Ehrenamtlern, die sich am blauen Infobus beim Elisenhof am Hauptbahnhof gemeldet haben, bekommen sie hier nur drei ab: einen Abiturienten, eine Redakteurin und mich. Um 13 Uhr melden wir uns in der ehemaligen „Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Internistische Intensivmedizin“ zum Dienstantritt. Da sind noch etwa 80 Flüchtlinge im Haus, die kurze Zeit später von einem Bus abgeholt werden. Wir klopfen die Flüchtlinge höflich aus ihren Zimmern, erklären, es gehe zur „Registration in the Welcome-Center“ in die Maria-Probst-Straße und geben hungrigen Teenagern aus Eritrea Brote mit Putenschinken.

Während wir vor Haus 8 auf den Bus warten, rückt oben der Putztrupp an. Spezialkleidung schützt sie in Räumen, in denen Menschen mit Krätze oder Läusen geschlafen haben. Eine leitende Krankenschwester ist froh, dass ich mit ihr und den Flüchtlingen warte. Vor 25 Jahren ist sie aus Bosnien geflohen. Deutsch spricht sie perfekt, nur mit dem Englisch hapert es.

Dienstagnacht hat sie einen Leitfaden für die Flüchtlinge erarbeitet, der erklärt, wie ihr Aufenthalt im Klinikum ablaufen wird. Jetzt will sie ihn übersetzen lassen. Als sie nach einem langen Arbeitstag Servus und Goodbye sagt, gibt ihr der Chef 30 Euro mit: Sie möge Süßigkeiten kaufen - für das Team. Ich mache Inventur und zähle Windeln, Desinfektionsmittel und Wundsalbe. Es fehle der Überblick, was sie noch brauchen, erklärt mir die leitende Krankenschwester. Derweil sortieren die anderen Ehrenamtler im Kleiderkammerl die Spenden der Klinikmitarbeiter.

6218 Flüchtlinge sind allein am Mittwoch in München angekommen. Alle improvisieren auf hohem Niveau, um sie menschenwürdig zu empfangen. Wir sitzen für 15 Minuten und besprechen: Wie gehen wir vor? Was fehlt? Bettdecken, Kleidung, Zeit. Vor und hinter dem Putztrupp arbeiten wir Ehrenamtler, Medizinstudenten im Praktikum und Schwestern hinterher. Wir sammeln Müll, Handtücher und Wasserflaschen ein. Wir öffnen Fenster. Wir beziehen die Betten. Wir legen auf jedes Bett ein Handtuch, Zahnbürste, drei Einwegwaschlappen. Niemand weiß, wann die nächsten Flüchtlinge kommen. „Wir erfahren das 5 bis 10 Minuten vorher“, sagt die leitende Krankenschwester. Ihr Mann spricht Arabisch. Er wird am Abend noch oft angerufen, um zu übersetzen. Gegen 18 Uhr kommen die ersten Flüchtlinge. Fünf fahren im Krankenwagen, weil sie Krätze haben. Sie werden untersucht.

Wer krank ist, wird von einem Fachmediziner behandelt. Seit Montag liegen eine Frau und ihr Kind in der Kinderklinik. Ihr Mann lebt derweil in Haus 9. Ruhig und unaufgeregt geht es hier zu: Essen, duschen, schlafen, neue Kleider. Weiter. Nachdem sie der jungen syrischen Frau ins Bett geholfen haben, entspannt sich ihr Gesicht. Sie ist nicht krank, nur erschöpft - wie die meisten hier.

Jasmin Menrad

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