Wir schlendern durch das berühmte Viertel

Wir suchen das echte Schwabing - Teil 2: „Wir sind schon schräg“

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Günter Radauer liebt sein Viertel trotz all der Verrücktheit - oder besser: wegen all der schrägen Vögel.

Schwabing - das klingt nach Legende. Aber was ist mit der Gegenwart? Hat sich die Legende bis ins Heute getragen? Die tz geht dieser Frage jetzt in einer neuen Serie nach. Teil 2: Der Besuch im Viertel.

Legendär ist dieses Viertel, legendär der Klang dieser zwei ­Silben. „­Schwabing“: Wer das hört, denkt an den Monaco Franze, an die Freiheit, an wilde Partynächte und ebenso wilde Studenten, an Kabarett und Kunst. An all das, was dieses Viertel so berühmt ­gemacht hat. So weit die Vergangenheit. Und was ist mit der Gegenwart? Hat sich die Legende bis ins Heute ­getragen? Stimmt es immer noch, dass ­Schwabing ­eigentlich gar kein Ort ist, sondern ein Zustand, wie Fanny Gräfin von Reventlow vor mehr als hundert Jahren schrieb? Die tz geht ­dieser Frage jetzt in einer ­großen Serie nach. Wollen Sie ein bisschen mit uns schlendern?

Wunderbar sonderbar

Wer lebt in Schwabing? „Sanfte Irre“ hat Traumstadt-Dichter Peter Paul Althaus (1892 bis 1965) die Schwabinger genannt - und somit sich selbst. „Unbekümmerte Sonderlinge“ schrieb Erich Mühsam (1878 bis 1934): „Schwabing war eine Massensiedlung von Sonderlingen, und darin liegt seine pädagogische Bedeutung. Ja, ganz München gewöhnte sich an das Ungewöhnliche, lernte Toleranz und gönnte der Seltsamkeit ihr Lebensrecht.“

In den 60ern fasste Liedtexter Walter Brandin im lasziv geswingten Milieu-Song Das ist in Schwabing alles möglich das Lebensgefühl in Worte. Am Ende des Liedes (erschienen auf dem Sixties-Sampler Frivolitäten) zieht Sängerin Heidi Kraatz das ­Fazit: „Man hat München die Stadt mit Herz getauft. Manche sagen, das stimme nicht ganz. Doch auf jeden Fall ist Schwabing die Vorstadt mit Toleranz.“

Das gilt auch 50 Jahre später noch – sagt jedenfalls Hannes Ringlstetter. Geboren in Straubing, kabarettistisch groß geworden im Schwabinger Vereinsheim. Während im heutigen München oft ein oberflächlicher „Lifestyle“ vorherrsche, würden sich in Schwabing spezielle Menschen tummeln - und ein echtes Lebensgefühl verbreiten: „Schwabing hat Typen, die dieses Lebensgefühl sehr wohl ausstrahlen.“

Dass gerade in Alt-Schwabing heute noch ein besonderes Völkchen lebt, dieser Überzeugung ist Optiker Günter Radauer. Ganz im Sinne seines Brillen-Labels „Schwabinger Krawalle“ und des Zitats „Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand“, das an seinem Schaufenster klebt: „Was hier am Tag für Gestalten vorbeilaufen - das hat was von Kino.“

Viele hier würden sich an keine Konventionen halten. „Die passen in keine Schublade, sie sind was Besonderes.“ Die Schwabinger sind immer noch ein buntes Volk: Banker, Architekten und Rentner spielen gemeinsam Schach an der Münchner Freiheit, feiern Nächte durch, schlendern sonn- wie werktags im Englischen Garten nebeneinander her oder genießen den Multikulti-Mix im Viertel.

„Gelebte Toleranz“ heißt hier nicht nur, dass sich der Investment-Banker und der nächtliche Parkbank-Schläfer am Tresen zuprosten. Sie hat auch handfeste Bedeutung – etwa, wenn der 60-jährige Obdachlose Josef – geboren in Bad Tölz, längst verwurzelt in Alt-Schwabing - im gerade wiedereröffneten Drugstore lauthals Texte rezitieren darf. Gedichte von Konstantin Wecker und dazu sein eigenes Gedicht vom Frühling, den er am liebsten „barfuß bis zum Hals“ begrüßt.

Was woanders stören würde, unterhält hier prächtig das Nachtvolk. Keine Spur von der oft getadelten Ellbogengesellschaft. Die Schwabinger Dichter Mühsam und Althaus wären stolz auf die Schwabinger Menschen von heute.

Hier finden Sie Teil 1 unserer Schwabing-Serie: Mythos oder Märchen?

Der Monaco Franze würde die Bar lieben

Hätte der Monaco Franze noch heute „immer das G’schiss mit der Elli“ - die italienische Bucci Bar in der Occamstraße wäre der ideale Ort dafür. Wirt Sante Bucci und sein Bruder Franco stammen aus dem nördlichen Gargano an der Adria und schmeißen den Laden mit Unterstützung von Landsmann Giuseppe Ratta.

Zwar sind geschätzte 30 Prozent der Stammgäste Italiener, aber Ur-Schwabinger aus der Nachbarschaft wie Konstantin Wecker gehören auch dazu. Oder Till Hofmann (Vereinsheim, Lustspielhaus, Lach- und Schießgesellschaft).

„Pasta in allen Variationen“ lautet Santes Erfolgsrezept. Die meisten seiner Stammgäste kommen wegen der Nudelgerichte, sagt Sante. Und wegen der Geselligkeit: Mit Italo-Musik im Hintergrund lässt sich ein feines Essen genießen - und angeregte Gespräche an der Bar. „Das ist sehr wichtig“, sagt Sante.

Als er das Lokal einrichten ließ, hätten ihn viele für verrückt gehalten. „Ich hätte 50 Leute hier reinpressen können.“ So ist es aber entspannter: 30 Plätze und die Theke. „Das ist auch typisch für Schwabing. Viele kommen alleine oder nur zum Trinken.“

Sante lebt seit 1987 in Schwabing, seine Wohnung liegt gegenüber. Zuvor war Sante Koch bei Till Hofmann im ehemaligen Ringel­natz und im Lustspielhaus auf der anderen Seite der Occamstraße. Er fühlt sich als echter Schwabinger. „Es ist traumhaft! Ich lebe und arbeite gern hier. Ich schätze die Nachbarschaft, und die Restaurants sind sehr multikulti!“

Deshalb müsse er Schwabing so gut wie nie verlassen. Sein Auto habe er vor fast vier Monaten das letzte Mal getankt…

Orte wie die Bucci Bar verleihen Schwabing die Monaco-Franze-Leichtigkeit. Wirt Sante Bucci (r.) hat bei der Einrichtung seiner Bar an einsame Nachtschwärmer gedacht.

„Wir sind schon schräg!“

„Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand“ steht beim Optiker Günter Radauer in der Feilitzschstraße am Schaufenster. „Der Spruch ist ein Touristenmagnet. Du glaubst gar nicht, wie viele Menschen in meinen Laden reinlatschen und nach dem Sinn fragen.“

Das berühmte Zitat der Schwabinger „Skandalgräfin“ Fanny zu Reventlow erschien ihm nach einem Einbruch ins Brillengeschäft 2008 irgendwie passend. „Seid’s denn alle deppert?“, dachte der gebürtige Salzburger und klebte die Buchstaben eigenhändig ans Fenster.

Aus der Not machte Radauer (56) eine dauerhafte Tugend - und ließ sich den Begriff „Schwabinger Krawalle“ für seine eigene Brillenkollektion schützen.

„Der Spruch - das bin schon auch ich“, gibt Radauer zu und lacht. „Die Leute in Schwabing - und ich bin Schwabinger durch und durch - sind schon ein wenig schräg.“ Und genau das kann eine so wohlgeordnete Stadt wie München gut gebrauchen. Es sei einfach spannend im Viertel, sagt Radauer.

Radauer lebt seit dem Jahr 1990 in Schwabing. „Ich will hier nicht mehr weg“, sagt er und grinst schelmisch. „Ich gehe aus dem ersten Stock hinunter ins Geschäft - und Schwabing lächelt mich in der Früh schon an. Die Leute schlendern vorbei und grüßen herein. Ich komme ja vom Dorf aus Österreich aus der Nähe von Salzburg, und ich kann sagen: Schwabing ist wie ein Dorf!“

Radauer sagt, er sehe seine Umgebung optimistisch - und bemerke deshalb immer wieder, wie schön und wie gut sich hier alles verändere. Alt-Schwabing sei nach wie vor ein Ort, der sich nicht greifen lasse. „Wie die Frau Reventlow schon sagte: Ein Zustand. Und zwar ein positiver!“

Günter Radauers Brillenladen wurde 2008 von Einbrechern verwüstet, seitdem steht an seinem Schaufenster: „Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand.“

Hans zähmt das Party-Volk

Hans hat ein Auge darauf, dass alles im Rahmen bleibt. Er muss seine Gäste gut einschätzen können: „Freitag ist es entspannt“, sagt der Wirt vom Neuen Hut. „Am Samstag ist es aggressiver. Da ziehen die verheirateten Männer los und lassen die Sau raus.“ Rickert nimmt seine weiblichen Bedienungen dann in Schutz und macht übers Mikro Ansagen wie: „Habt bitte bis zum nächsten Bier etwas Geduld. Wenn die Mädels acht Arme hätten, würden’s im Zirkus auftreten.“

Gestatten: Hans Rickert, Schwabinger Original. Und Wirt im Neuen Hut in der Feilitzschstraße 11. Der ehemalige Name Alter Hut wird inzwischen seinem Namen voll gerecht, denn aus rechtlichen Gründen wurde die urige Schwabinger Pils-Kneipe vor elf Jahren umgetauft, als Hans den Laden übernahm. Seither entwickelt er sich zur Legende, der aus dem Ausgehviertel um den Wedekindplatz nicht wegzudenken ist. Der 62-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren aktiv, hat die 80er miterlebt: als Türsteher, DJ, Zapfer und Chef.

Im Neuen Hut geht’s rund. Für Stimmung sorgen Gassenhauer, die auch im „Oberbayern“ am Ballermann laufen könnten.

Der Älteste seiner vielen Stammgäste ist 72 und kommt fast jeden Freitag so um halb zehn. Außer dessen Enkel sind da. Besonders freut sich Hans, dass über Generationen hinweg die Leute immer wieder in den Neuen Hut strömen: „Trotz aller Veränderungen ist Schwabing auch heute noch was Besonderes. Nicht umsonst kommt die Mehrzahl meiner Stammgäste extra aus Dachau oder Fürstenfeldbruck.“

Neuerdings auch viele Jüngere. Hans sagt mit stolzgeschwellter Brust: „Oft richten die schöne Grüße von den Eltern aus. Denn die waren schon vor 30 Jahren Gäste bei mir.“

Hans ­Rickert, Chef vom „Neuen Hut“, passt auf seine Bedienungen auf.

Der Posterkönig sah sein Reich in Scherben

Sein Satz ging 2012 um die Welt: „Schwabing liegt in Scherben.“ Wolfgang Roucka (76) hat das in ein CNN-Mikro gesagt nach der Bombensprengung in der Feilitzschstraße. Die Druckwelle hatte dem Galeristen, Fotografen und „Posterkönig“ zwei Schaufenster zerbrochen.

Roucka, in Passau geboren, bezog 1966 das Geschäft am Wedekindplatz und die Wohnung darüber. Seitdem prägt er das Viertel. Alt-OB Christian Ude (69) nennt ihn eine „Schwabinger Institution“. Roucka verkauft seit den 70er-Jahren seine Poster. Unter anderem stattete er das Büro von Udo Jürgens mit einem XXL-Foto vom Englischen Garten aus, später war er Vorreiter beim Digitaldruck. Das habe er dem inspirierenden Schwabing und den hier lebenden Menschen zu verdanken: „Ich weiß nicht, ob ich in Pasing oder Neuperlach diese Ideen gehabt hätte…“

Roucka ist für seine Sprüche bekannt und berüchtigt. „Schwabing ist nicht tot, aber Belebung tut Not“: Das war sein Leitspruch bis zur Renovierung des Wedekindplatzes. Dass die Kreuzung Occam-/Feilitzschstraße nach dem berühmten Dichter Frank Wedekind benannt wurde, habe immer noch nicht jeder gehört: „Erst wenn ich sage, beim Drugstore, dann wissen manche Taxler, wo sie mich hinbringen sollen.“

Roucka hat dem Platz ein Wahrzeichen gestiftet: die „Schwabinger Laterne“, die einst Wirtin Gisela besungen hatte. Roucka hat sie aufgetrieben und erhalten. Ebenso das berühmte Gemälde Schwabing bei Nacht – Marietta in der Traumstadt von Hermann Geiseler. Das Original ist zwar verschwunden, aber Roucka hatte es zuvor fotografiert und sämtliche Rechte erhalten. Heute ziert das Motiv den Bio-Markt im Neubau an der Feilitzschstraße 7-9.

Die Idee dazu kam von Wolfgang Roucka: „Die Menschen nehmen es wahr, wenn sie reinkommen und wieder beim Rausgehen. Da lebt der Geist von Schwabing.“ Der Schwabinger Zustand werde immer bleiben. „Weil sich immer was bewegt. Damals war damals, jetzt ist jetzt. Man stellt sich besser aufs Jetzt ein, anstatt dem alten nachzutrauern. Dann bleibt Schwabing immer ein Mythos.“

Die Bombe zerstörte Wolfgang Rouckas Laden - seine „Traumstadt“ liebt er trotzdem.

Durch die Blume: Nikolaos verzückt

Seine Kunden lieben ihn, sogar Rick Kavanian ist Fan von ihm: Nikolaos Thomas versorgt das Viertel seit eineinhalb Jahren mit frischen Blumen. Schauspieler und Comedian Kavanian, Schwabing-Fan mit Lustspielhaus-Erfahrung, findet, dass Thomas’ Occam Flowers dem Viertel gut getan hat. Schwabing sei überhaupt viel schöner als noch vor zehn bis 15 Jahren. „Den Blumenladen gegenüber vom Lustspielhaus finde ich dermaßen schön oder auch das Helene-Res­taurant. Die Occamstraße ist einfach ein wunderschöner Streifen mitten in Schwabing.“

Blumenhändler Thomas sagt über seinen Laden: „Hier hat ein hochwertiger Blumenladen gefehlt. Denn das Alt-Schwabinger Publikum ist anspruchsvoll und zahlt gern für Qualität. Wenn sie erst einmal überzeugt sind, sind sie sehr treu.“ Sagt’s und drückt einer vorbeischlendernden Stammkundin lächelnd eine Rose in die Hand.

Blumenhändler Nikolaos Thomas zählt Schauspieler zu seinen Fans.

Hanspeter, besser als Wikipedia

Ja, Schwabing sei ein Zustand, sagt Hanspeter Bergmann. „Nur: Zustände verändern sich.“ Wer den Ur-Schwabinger Bergmann kennenlernt, glaubt ihm das aufs Wort. Streng genommen lebt er nahe dem Ungererbad etwas ­außerhalb von Alt-Schwabing. Aber mit dem Herzen ist er stets bei Schwabing.

1958 kam er hier zur Welt. Nicht etwa im Schwabinger Krankenhaus. Augenzwinkernd sagt er: „Schwabinger, die wirklich etwas auf sich halten, kommen seit jeher in der Geburtsklinik Dr. Geisenhofer am Englischen Garten zur Welt.“

Seine tiefe Verbindung mit dem Viertel und den Menschen kommt daher, dass seine Wohnung seit 1912 von der Familie bewohnt wird. Fünf Generationen. Heute lebt Bergmann mit seinem Sohn in der Brüsseler Straße. Sein Urgroßvater Hanns Knabl war einer der ersten Mieter und in der umliegenden Genossenschaft tätig. Eine Nachbarin sagt über Bergmann: „Dem Hanspeter liegen das Viertel und die gute Nachbarschaft unheimlich am Herzen.“

Das zeigen seine Wikipedia-Beiträge zur Geschichte des Viertels. Als „HP Bergmann“ gibt er hier sein umfassendes Wissen weiter: über die Schwabinger „Skandalgräfin“ Fanny zu Reventlow, den berühmten örtlichen Steinmetz und Bildhauer Karl Oppenrieder oder die vielen Gedenktafeln in und um Alt-Schwabing. In Aktion erlebt man Hanspeter Bergmann auch beim Streetlife-Festival, wo er am 20. und 21. Mai den Stand von nebenan.de direkt vor der Staatsbibliothek initiiert hat.

Bei nebenan.de ist die Nachbarschaft Alt-Schwabing als „besonders aktiv“ gekennzeichnet. Das liegt an Menschen wie Hanspeter Bergmann, der seine Umgebung heute noch genauso liebt und genießt wie früher. Zu den Erinnerungen gehören Kinderfasching oder ein Konzert von Gianna Nannini im Schwabinger Bräu sowie natürlich das Streunen durchs Vergnügungsviertel.

„Besonders geliebt habe ich das Schwabylon. Damit war Schwabing seiner Zeit weit voraus, die Menschen waren offenbar noch nicht reif für so eine Art Shopping- und Vergnügung-Mall“, sagt Bergmann über eines der ehemaligen Wahrzeichen. Und die Herkunft des Namens, den das knallbunte 70er-Gebäude an der Leopoldstraße damals trug, liefert er gleich nach: „Das ging damals auf einen der Schwabinger Schlüsselromane zurück, den der österreichische Schriftsteller ­Alexander Roda Roda 1921 geschrieben hat.“ Der blumige Titel: ­Schwabylon oder Der sturmfreie Junggeselle.

In Schwabing habe sich seit den 60er-Jahren ein Wandel von der Protest- hin zur Feierkultur vollzogen. Der Zustand heute lebt laut Bergmann vom vergangenen Ruhm. Aber: „Wenn Du an einem schönen Sommerabend die ­Occamstraße entlangschlenderst, dann geht’s zu wie auf der Wiesn. Das kommt nicht von ungefähr.“ Schwabing sei unvergleichlich. „Das findet man sonst nirgends in München!“

Der Ur-Schwabinger Hanspeter Bergmann schreibt Beiträge auf Wikipedia.

Ralf Schütze

Unsere wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auf unserer neuen Facebookseite „Schwabing - mein Viertel“

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