Neuer Eigentümer setzt sie vor die Tür

Nach 46 Jahren! Vermieter wirft Evi aus der Wohnung

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Traurige Ostern: Tagesmutter Evi Pietsch musste ihre Wohnung zum 1. April räumen.

München - Eine Tagesmutter fliegt aus ihrer Wohnung in Schwabing. Auch ihre Eltern, die im gleichen Haus wohnen, müssen raus – nach 46 Jahren, die sie hier gelebt haben! Mit dem alten Vermieter gab es nie Probleme. Nun aber sind dessen Erben am Ruder.

Kinder lachen nicht mehr in der Wohnung von Evi Pietsch (50). Auch der erfahrenen Tagesmutter ist der Frohsinn vergangen. Nur die Delfine auf dem Poster an der Wand machen noch fröhliche Gesichter, aber auch die müssen weg. Denn Evi Pietsch ist rausgeklagt worden aus ihrer 70-Quadratmeter-Wohnung in der Clemensstraße in Schwabing, in der sie aufgewachsen ist. Sie wurde vor die Tür gesetzt von den Erben des ehemaligen Hauseigentümers, weil sie keine schriftliche Erlaubnis für die Kinderbetreuung vorweisen kann.

Dabei schien ihr diese in den 25 Jahren, in denen sie hier als Tagesmutter gearbeitet hat, nie notwendig. „Der frühere Eigentümer hat es mir per Handschlag erlaubt, da gab es nie ein Problem“, sagt sie. Im vergangenen Sommer aber – das Haus gehörte da schon den Erben – flatterte ihr eine Abmahnung in den Briefkasten. Hätte sie da ihren Job aufgegeben, hätte Evi Pietsch, die ihr Geld vom Jugendamt bekommt, nicht gewusst, wovon sie die 883 Euro Warmmiete bezahlen soll. Doch das Amtsgericht gab den Eigentümern recht, die sich gegenüber der tz nicht äußern wollten.

In diesem Haus in der Clemensstraße hagelt es Kündigungen.

Evi Pietsch verliert jetzt ihre Existenz, ihr ganzes Leben. Mit vier Jahren ist sie mit ihren Eltern in die Wohnung eingezogen, hat dort später ihre eigene Familie gegründet, ist heute bereits Oma und betreute in all den Jahren auch einige Kinder anderer Mieter im Haus – selbst das Kind eines Miteigentümers. Nun aber ist Schluss. Kinder dürfen seit 1. April nicht mehr in die Wohnung, am 24. April muss auch Pietsch weg sein – sonst kommt der Gerichtsvollzieher. Mit den fünf Kindern, die sie zurzeit betreut, ist sie übergangsweise bei einer befreundeten Tagesmutter untergekommen – immerhin. Aber wie es mit ihr weitergehen soll? „Ich hoffe immer noch, einen Vermieter in München zu finden, damit ich nicht weg muss aus der Stadt“, sagt sie. Ihre Miete hat sie immer bezahlt und sich auch sonst nichts zuschulden kommen lassen. Hilft aber nichts, denn Evi Pietsch hat etwas versäumt. Und zwar, den Mietvertrag von 1969 von ihren Eltern auf sich umschreiben zu lassen, als diese in die Wohnung unter ihr zogen.

Auch Anneliese Baldermann und Siegfried Putrih müssen raus.

Doch auch in dieser Wohnung herrscht Existenzangst. Denn Anneliese Baldermann (71), die Mutter von Evi Pietsch, und deren Ehemann Siegfried Putrih (63) sind gekündigt, ebenfalls von den Erben. Und zwar wegen Eigenbedarfs – auch hier gibt es bereits ein Gerichtsurteil. Wann die Rentner ihre 92-Quadratmeter-Wohnung (1000 Euro warm) räumen müssen, ist noch nicht entschieden. „Ich rechne mit einer kurzen Frist von ein bis zwei Monaten, trotz meiner Brustkrebserkrankung gibt uns das Gericht keinen Aufschub“, sagt Anneliese Baldermann. Sie leidet sehr: „Wir hatten eine tolle Hausgemeinschaft. Es ist schlimm, wenn man krank ist und dann auch noch auf einen Schlag sein ganzes Leben verliert.“

Mieterschützerin geschockt: „Eine krasse Geschichte!“

„Eine krasse Geschichte“, sagt Anja Franz, Mietrechtsexpertin vom Mieterverein München. Aber in München sei es leider an der Tagesordnung, dass alteingesessene Mieter aus ihren Wohnungen in Bestlage verdrängt werden.

Teilweise tatsächlich wegen Eigenbedarfs, aber häufig ist auch Profitgier der Anlass, sagt die Mieterschützerin: „Wer jetzt vor Inkrafttreten der Mietpreisbremse die alten Mieter loswird, kann die Wohnungen noch vorher teurer vermieten.“ Der Mieterverein appelliert an die Vermieter, sich nicht von dem Profit leiten zu lassen. Anja Franz erhofft sich von der Mietpreisbremse, die im Juni in Kraft tritt, „eine gewisse Entspannung, da dann die Vermieter nicht mehr Wuchermieten bei Neuvergaben verlangen können“.

Und sie hofft noch etwas: Dass Tagesmutter Evi Pietsch und ihre Eltern im teuren München eine Chance bekommen: „Wir brauchen Menschen wie sie in der Stadt, und deshalb brauchen wir bezahlbare Wohnungen, die sich Menschen aus der Mittelschicht mit einem ganz normalen Gehalt oder einer Durchschnittsrente leisten können!“

Susanne Sasse

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