Schwabinger 7: Immer mehr Widerstand gegen Abriss

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Die Schwabinger 7 soll unter der Abrissbirne landen

München - Kapituliert München vor der Macht des Geldes?Kneipengänger und Künstler geißeln den geplanten Abriss der "Schwabinger 7". Nun regt sich Widerstand - hier lesen Sie Erwin Pelzigs Spott-Rede.

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Tränen um die Schwabinger 7

Die Schwabinger 7 – die einen schätzen sie als Kultkneipe in einem Kultviertel, die anderen sehen darin nur noch eine überlebte Baracke, die besser heute als morgen unter der Abrissbirne landen soll. „Man kann über einzelne ­Gebäude streiten“, räumt Kabarett-Größe Frank-Markus Barwasser ein. „Aber noch viel mehr kann man darüber streiten, was stattdessen entstehen wird.“

Erwin Pelzig

Die Neubaupläne in der Feilitzschstraße nahe der Münchner Freiheit treiben Barwasser alias Erwin Pelzig jedenfalls die Sorgenfalten unter seinen fränkischen Schlapphut: ein gesichtsloser Wohn- und Geschäftsbau mit teuren Wohnungen und Läden. So wie an vielen anderen Plätzen in allen Teilen der Stadt. Barwasser („Pelzig hält sich“, Dienstag, 22.45 Uhr, ZDF): „München boomt als Metropole, und das führt dazu, dass immer mehr Luxuswohnungen hochgezogen werden. Das sehe ich kritisch, weil es sich viele Münchner nicht mehr leisten können, in München zu wohnen und zu leben.“ Die Pläne für das Areal der Schwabinger 7 seien ein Paradebeispiel für diesen Luxustrend, sagt Barwasser. Deshalb engagiert sich der Kabarettist für den Erhalt der Schwabinger Institution (siehe unten). Auch wenn er weiß, dass der Bürgerprotest nur geringe Erfolgschancen haben dürfte: „Trotzdem will ich bei dieser Begräbnisfeier unbedingt dabei sein.“ Um wenigstens „zu stören“, um zu dokumentieren, „dass kein Bürger mehr ernsthaft gefragt wird“, bevor solche Projekte gestartet werden. Das sei gefährlich – gerade für Schwabing, dessen Mythos als Kultur-Mekka im Herzen Münchens immer mehr verblasse.

Andreas Beez

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Der Protest

Eine Demo an der Münchner Freiheit am Dienstag

Gegen die Abriss- und Neubaupläne auf dem Grundstück rund um die Schwabinger 7 hat sich eine Bürgerinitiative gebildet. Unter dem Motto „Rettet die Münchner Freiheit“ setzen sich 35 Aktivisten rund um den Vorsitzenden der Grünen Jugend München, Florian Raabe, dafür ein, dass der Abriss des Kultviertels gestoppt wird und keine Luxus­wohnungen entstehen. Die Bürgerinitiative fordert einen Bebauungsplan für die Gegend rund um die Feilitzschstraße sowie eine Erhaltunsgssatzung für diesen Teil Schwabings. Auf Facebook trugen sich innerhalb weniger Tage über 1500 Münchner ein, um das Überleben der Kultinstitutionen zu sichern. Am 27.Mai soll mit einer Demonstration gegen das Bauprojekt in der Feilitzschstraße und weitere Vorhaben protestiert werden, die den Charakter des Viertels verändern würden.

 

Pelzigs Spottrede auf den Luxus-Wahn

"Ich bin auch gefragt worden, ob ich euch hier unterstütze, hab ich auch gleich zugesagt. Obwohl ich mich auch gewundert ­habe. Wenn ich als Franke hier mithelfen soll, diese Stadt vor dem Ausverkauf zu retten, wenn ihr also meine Unterstützung nötig habt, dann müsst ihr hier schon arg am Hund sein.

Aber ich mache hier gerne mit, weil es geht ja um die Stadtplanung. Wobei ich bei München immer unsicher bin, ob das Wort „Planung“ nicht eine zu optimistische ­Unterstellung ist. Es gibt immer mehr Ecken in dieser Stadt, wo ich mich frage: „Gab’s da eine Planung oder war einfach nur Alkohol im Spiel?“

Wobei, ich bin nicht gegen alles Neue. Ich zum Beispiel bin schon immer total für die Allianz Arena gewesen. Dieses großartige Bauwerk, diese wundervolle Architektur, schon diese Außenhaut: Pölsterchen an Pölsterchen. Schaut so a weng aus wie Otti Fischer in Netzstrumpfhosen. Hab ich ja gar nichts dagegen. Mir gefällt auch dieses Hochhaus an der Autobahnausfahrt Schwabing. War ich immer dafür.

Nur bei euren Luxussanierungen, bei diesen ganzen Palais’ und merkwürdigen Höfen und Residenzen, die entstehen mit ihren Natursteinduschen, in denen die Abflussrinne indirekt beleuchtet wird, und das alles dann bei Quadratmeterpreisen von 10 000 Euro aufwärts, da muss man sich im Klaren sein, solche Luxuswohnungen ziehen natürlich Gesindel an. So Shopping-­Gesindel. Shopping-Gesindel, das in dieser Stadt nur eine Wohnung braucht, um zwischendurch die Einkaufstüten abzustellen. Nein, das ist jetzt kein Sozialneid, im Gegenteil. Wer seine Abflussrinne indirekt beleuchten lässt, damit er auf seinem Philippe-Starck-Klosett beim Kacken einen netten Blickfang hat, der hat doch eigentlich eher Mitleid verdient und keinesfalls Neid.

„Ja“, sagen dann diese Philippe-Starck-Klosett-Kacker immer, sie lieben München wegen dem Flair. Und wenn man sie dann fragt, „Was ist denn Flair?“ Dann sagen sie: „Ja, die Leute, die normalen Leute halt, die hier so gemütlich herumlaufen.“ Aber genau diese Leute können sich die Stadt eigentlich überhaupt nicht mehr leisten. Irgendwann sind sie weg. Und dann ist das Flair beim Teufel, weil diese Schicksen, die ihre mit Komplexen gefüllten Gucci-Taschen in der Maximilianstraße Gassi führen, keine guten Flairmacherinnen sind. Und dann? Dann werden sich die Philippe-Starck-Klosett-Kacker eben eigene Flairmacher leisten. Flairmacher, die im Auftrag von Philippe Starck gemütlich herumlaufen. Lebende Elemente fürs Stadtdesign, natürlich in Tracht, aber farblich abgestimmt mit den Klosettschüsseln. Abends fahren die bezahlten Flairmacher dann wieder nach Hause in die Vorstädte. Abends brauchen wir keine Flairmacher in München. Weil am Abend sitzt ja der Phi­lippe-Starck-Klosett-Kacker in seiner Zwei-Millionen-Euro-Wohnung und betrachtet die indirekt beleuchteten Abflussrinnen.

Aber was kann man jetzt nur machen dagegen? Die Dinge sind nicht aufzuhalten. München ist zu attraktiv für Investoren, für Makler und für Philippe-Starck-Klosett-Kacker. Man könnte sagen, der Münchner muss auf die Barrikaden, er muss das Flair selbst zerstören, bevor es andere tun. Er muss München unattraktiv machen – zur Abschreckung. Man könnte vorschlagen, der Münchner muss viel unfreundlicher werden. Aber das ist kein Weg. Die Unfreundlichkeit in München ist ja stellenweise auch gar nicht mehr steigerungsfähig.

Aber wir sollten es wenigstens probieren. Wir sollten einfach mehr stören. Ich habe immer gerne gestört. Schon bei anderen Projekten. Natürlich sind die alle trotzdem gebaut worden. Drum hat auch mal jemand gesagt: „Pelzig, man erreicht doch nix, wenn man nur stört.“ Hab ich gesagt: „Ich erreich’ doch so auch nix. Dann will ich wenigstens stören dabei."

 

Warum die Stadt nur wenig ausrichten kann

Die Freunde der Schwabinger 7 kämpfen gegen Abriss und Luxus­sanierung. Ein Kampf gegen Windmühlen: Den Bau stoppen könnte nur die Stadt, aber deren Waffen sind stumpf – nicht nur in diesem Fall. Die tz erklärt die Lage:

- Was ist auf dem Grundstück der Schwabinger 7 geplant? Der Investor Hamburgische Immobilien Handlung hat die 1700 Quadratmeter gekauft. Den Wert schätzt der Haus- & Grundbesitzerverein anhand amtlicher Bodenrichtwerte plus München-Aufschlag auf bis zu 8,5 Millionen Euro. Dazu kommen die Millionen für den Bau der 35 Luxuswohnungen, Geschäfte plus Tiefgarage. Die will der Investor plus Profit wiedersehen.

- Kann die Stadt den Nobelbau noch stoppen? Nein. „Der Investor hat einen rechtskräftigen Vorbescheid“, sagt Katja Strohhäker, Sprecherin des Referats für Stadtplanung und Bauordnung. Diese Genehmigung muss die Stadt erteilen, wenn ein Bauherr sich an die Grenzen etwa der Höhe des Hauses hält.

- Warum fordern die Fans der Schwabinger 7 dann eine Veränderungssperre? Dann könnte die Stadt alle Neubauten für zunächst zwei Jahre sperren, während sie für diesen Bereich einen Bebauungsplan erstellt. Darin aber könnte die Stadt auch nur den Rahmen für Bau und Nutzung festlegen. Um die Schwabinger 7 zu erhalten, könnte sie etwa nur noch einstöckige Gastronomie erlauben. Aber auch das würde den Abriss nicht stoppen: Das Grundstück bleibt ja im Besitz des Investors, er könnte dann selbst ein kleines Lokal neu bauen – oder die Stadt wegen eines unsinnigen Bebauungsplans vor das Verwaltungsgericht zerren und nach einem Sieg doch seine Luxuswohnungen bauen. „Dafür bräuchte man gute städtebauliche Gründe“, sagt Sprecherin Strohhäker. Städte und Gemeinden dürften ohnehin nicht die Bebauung planen, um ein konkretes Vorhaben zu verhindern. Heißt: Keine Chance für die Stadt.

- Könnte die Schwabinger 7 nicht unter Denkmalschutz gestellt werden? Sehr unwahrscheinlich. Das entscheidet das Landesamt für Denkmalpflege. „Dafür muss ein Bau von herausragender Bedeutung sein und als Beispiel für eine Epoche stehen“, sagt die Sprecherin. Zuletzt seien etwa ein Zwangsarbeiterlager in Aubing oder die Olympia-Bauwerke unter den Schutz gestellt worden.

- Hat die Stadt keinen Einfluss auf ihre Entwicklung? Natürlich. Für München gibt es einen Flächennutzungsplan, aus dem Bebauungspläne hervorgehen. Aber die werden vor allem für echte Neubaugebiete erstellt, etwa in Freiham. Die Stadt kann auf sozial gerechte Bodennutzung pochen: Auf mindestens 30 Prozent der Fläche muss geförderter Wohnungsbau mit günstigen Mieten entstehen, erklärt Strohhäker. „Wir bemühen uns um bezahlbaren Wohnraum. Grundsätzlich sind wir um jede Wohnung froh.“

- Was sagen die Eigentümer? Einerseits hängt der Chef des Haus- und Grundbesitzervereins, Rudolf Stürzer, als gebürtiger Münchner an der Schwabinger 7: „Da geht ein Stück Münchner Geschichte.“ Andererseits habe ein Investor Anspruch darauf, sein Grundstück wirtschaftlich zu betreiben.

- Warum dann Luxus? Weil die Preise auch für Investoren hoch sind und sie da­rum nur im Luxus-Segment Renditen erzielen. Und die liegen in der Stadt laut Stürzer nur bei bescheidenen vier bis fünf Prozent – allerdings sind diese auf dem begehrten Münchner MietMarkt auch garantiert.

- Also muss alles teurer werden? Haus & Grund beruhigt. Stürzer spricht von einem „Sicker-Effekt“: Jede Wohnung lasse Druck aus dem Markt. Jeder Reiche, der in ein neues Luxus-Apartment ziehe, mache eine etwas günstigere Wohnung frei. Und wer in die zieht, macht wieder eine frei. So entlasteten selbst Nobelsuiten die günstigen Mieten. Darum stelle sich kein Politiker der Stadt gegen den Abriss der Schwabinger 7.

David Costanzo

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"Schwabing darf nicht versnobt werden"

„Die Angst ist da“, sagt Till Hofmann. Der Schwabinger mit Leib und Seele betreibt u. a. die Lach & Schieß und das Lustspielhaus, und er ärgert sich enorm über den Ausverkauf eines Viertels, das er mehr liebt als jedes andere der Stadt. „Schwabing ist gerade deshalb so schön, weil es unfertig ist, weil es pulsiert und polarisiert.“ Wenn die Stadt so weitermacht, dann verliert Schwabing sein Gesicht.

„Da rühmt sich die Stadt immer damit, dass Schwabing eine Kultur- und Künstleroase sei, und dabei tut sie nichts dafür. Gerade eine rot-grüne Regierung sollte aufpassen, dass Schwabing nicht kaputtgewohnt wird“, sagt er der tz im Interview. „Die Stadt kassiert lieber ab, um die Bilanzen zu regulieren!“

Hofmann befürchtet wie viele Bewohner und Künstler, dass sein Fleckerl zu einem „versnobten Schickimicki-Wohngebiet“ verkommt. „Die Politik muss darauf achten, hier die kulturelle Vielfalt zu behalten.“

Los ging’s schon bei der Frage, was aus dem ehemaligen E-Werk der Stadt in der Feilitzschstraße werden sollte – wo jetzt u. a. Constantin Film sitzt, was Hofmann ganz in Ordnung findet. „Aber: Alle Schwabinger wollten, dass hier auch Künstlerateliers und bezahlbare Wohnungen entstehen. Zudem sollte auch ein Theater rein. Und was haben wir jetzt? Ein Fitnesscenter! Die Stadt sagte damals: Das ist ein Filetgrundstück, das müssen wir teuer verkaufen. Dabei hätte sie hier ein Zeichen setzen können. Und jetzt sind hier Wohnungen, die 10 000 bis 14 000 Euro pro Quadratmeter kosten. Das wurde richtig versemmelt.“

Hofmann fordert eine Erhaltungssatzung, wie sie es mittlerweile für die Au oder das Westend gebe: „Wohnungen dürfen demnach zwar saniert, aber nicht luxussaniert werden, die Mieter dürfen nur ein bestimmtes Einkommen haben. Das würde sich dann logischerweise für einen Investor nicht rentieren. Warum sollte so eine Satzung nicht auch für Schwabing möglich sein?“

Der geplante Abriss der Häuser rund um die Schwabinger 7 empört Hofmann auch unter einem anderen Aspekt: „Hier entstehen 34 Luxuswohnungen, und für ein Kebab-Haus sei dann kein Platz mehr. Ja, wo samma denn? Da arbeiten 30 Angestellte! Was ist das für eine menschenverachtende Haltung?“

Auch wenn auf diesem Gelände das Kind schon in den Brunnen gefallen sein sollte: „Wenn nix mehr geht, so können wir wenigstens das Bewusstsein der Münchner schärfen, indem wir protestieren. Und wenn doch noch was geht: Schwabing bräuchte zum Beispiel ein Bürgerhaus.“

Matthias Bieber

So geht’s auch

Kabarett-König Till Hofmann hat jetzt in Schwabing eine ­Galerie. So wahrt der Stadtteil sein Gesicht

Dass dem Kabarett-König Till Hofmann (siehe Interview oben) auch hier mal wieder ein Licht aufgegangen ist, liegt sicherlich nicht daran, dass in seinem jüngsten Coup jahrzehntelang ein Lampenladen beheimatet war. Jetzt hat Hofmann hier eine wunderschöne, kleine und ganz eigene Galerie eingerichtet. In der Haimhauserstraße 16a kann man eindrucksvoll sehen, wie Schwabing sein Gesicht nicht nur bewahrt, sondern auch wunderbar weiterentwickelt. Dabei ist der Name der Galerie fast länger als das Schmuckstück: Trukt­schechtarow heißt der Laden, und nach der Eröffnung am vergangenen Donnerstag haben bereits Hubert von Goisern und BAP-Chef Wolfgang Niedeken reingeschaut. „Denen hat’s total getaugt“, sagt Hofmann. Zehn Tage lang hat er mit bis zu drei Helferlein gewerkelt, den Fichtenboden selbst verlegt. Geöffnet ist mittwochs bis freitags, 17 bis 22 Uhr, samstags und sonntags von ­ 14 bis 19 Uhr.

M. B.

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