Die Waldorfschule und der Missbrauchs-Prozess

So kämpfen sie gegen den schlechten Ruf

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Sie arbeiten den Missbrauchsfall auf: Lehrerin Gisela Meining-Schopf, Vorstand Jakob Marti und Pressesprecher Klaus Weise

München - Der Missbrauchs-Fall an der Schwabinger Waldorfschule: Jetzt kämpfen Lehrer, Schulvorstand und Eltern gegen den schlechten Ruf.

Langsam löst sich die Schockstarre an der Schwabinger Waldorfschule. Nach Bekanntwerden der Missbrauchs-Vorwürfe gegen den vermeintlichen Vorzeige-Lehrer Gerd Ludwig P. (58) haben zwei Kinder die Schule verlassen, das Vertrauen war erschüttert. Auch weil eine Kollegin offenbar schon jahrelang davon wusste! Doch gerade jetzt – zum Prozessbeginn (siehe Text unten) – kämpfen Lehrer, Schulvorstand und Eltern gegen den schlechten Ruf.

„Ich habe mich damals über mich selbst geärgert. Dass es anderswo passiert, hat man immer in der Zeitung gelesen. Aber nie habe ich so einen Fall an unserer Schule für möglich gehalten. Wir haben nicht genug Prävention gemacht“, sagt Klaus Weise, Pressesprecher und selbst Vater eines Schülers (16).

Die Schulleitung reagierte prompt – mit psychologischer Betreuung, einer eigens eingerichteten Hotline und Elternabenden. Doch selbst unter den Lehrern gab es nach tz-Informationen große Vorwürfe. „Ich wurde von Lehrern und Schülern gemobbt“, berichtet die Pädagogin, die sich als Mitwisserin von P.’s mutmaßlichen Taten outete. Dabei habe sie sich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die inzwischen verstorbene Mutter eines Opfers hatte sich ihr anvertraut und wollte, dass die Lehrerin erst dann auspackt, wenn weitere Fälle bekannt werden.

Sind die Schüler jetzt nach dem Vertrauensbruch distanzierter zu ihren Lehrern? „Die Sensibilität für das Thema Missbrauch ist größer geworden“, sagt Lehrerin Gisela Meining-Schopf zur tz. Alle Mitarbeiter hätten künftig die Pflicht, auch entsprechende Vermutungen oder Gerüchte an die Verantwortlichen weiterzugeben. Dass die Rudolf-Steiner-Schule (insgesamt rund 500 Schüler) den richtigen Weg eingeschlagen hat, beweist zumindest die Warteliste. „Die ist ausgesprochen lang“, sagt Meining-Schopf.

Jetzt sagen die Opfer aus

Hätte der Missbrauch an mindestens vier Schülern verhindert werden können? Diese Frage stellten sich die Zuschauer am zweiten Prozess­tag in Augsburg. Eine Pädagogin sagte als Zeugin aus: Die Mutter eines Opfers habe ihr bereits im Jahr 2000 auf dem Sterbebett erzählt, dass der jetzt angeklagte Lehrer ihren Sohn missbraucht habe. Doch als sich die Zeugin die Aussage am nächsten Tag schriftlich bestätigen lassen wollte, sei die Mutter bereits verstorben gewesen.

Da die Frau inständig darum gebeten habe, nichts gegen den Lehrer zu unternehmen, habe sie all die Jahre geschwiegen, sagte die Zeugin weiter. Sie habe es lediglich ihrer Schwester erzählt, die den Missbrauchsvorwurf wiederum einer Lehrer-Kollegin des Angeklagten mitteilte.

Gestern traten erstmals die heute zwölf-und dreizehnjährige Opfer und deren Eltern als Zeugen auf. Die Schüler mussten ihrem ehemaligen Klassenlehrer nicht ins Gesicht blicken. Gerd P. musste während der Aussagen an einem Tisch im Rücken der Kinder Platz nehmen. Die Aussagen der Buben fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Prozess wird fortgesetzt.

Nach Missbrauch: Schule kämpft gegen Vergangenheit

Fünf Buben missbraucht? Waldorf-Lehrer schweigt

Jacob Mell, Sebastian Arbinger

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