Café Schiller und Hotel Goethe

Bahnhofsviertel: Auf den Spuren der Dichterfürsten

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Mahir Zeytinoglu an der Rezeption – mit Goethe-Portrait und -Skulptur.

München - Beim neuen Teil der tz-Serie zum Münchner Bahnhofsviertel begeben wir uns auf die Spuren der Dichterfürsten – ins Sport-Café Schiller und ins Hotel Goethe

Der Hauptbahnhof – in jeder Stadt der Inbegriff der Hektik, aber auch des pulsierenden Lebens. Normalerweise nicht das Vorzeigefleckerl einer Stadt, aber spannend. So wie das Bahnhofsviertel in München auch. Hier leben heute 70 verschiedene Nationen, die Gegend summt und brummt – und das tat sie schon seit ihrer Geburtsstunde. Beim heutigen Serienteil begeben wir uns heute auf die Spuren der Dichterfürsten – ins Sport-Café Schiller und ins Hotel Goethe.

Bahnhofsviertel: Das Café Schiller:

Das Sport-Café Schiller von Außen.

Die Klitschkos, Fritz Walter, Uwe Seeler, Muhammad Ali, Mike Tyson, Georg „Hammer-Schorsch“ Steinherr, Ken Norton: Die Aufzählung ließe sich noch beliebig fortsetzen. Und alle erwähnten Herrschaften haben einerseits etwas mit Sport, und andererseits etwas mit Friedrich Schiller zu tun. Und mit dem südlichen Bahnhofsviertel und Andrea Langwieder sowieso.

Café-Chefin Andrea Langwieder ist stolz auf ihre Wand mit Sport-Devotionalien.

Ein deutscher Dichterfürst als verbindendes Element zwischen lauter Boxern und Fußballern und einer Münchner Gastronomin? Klingt etwas schräg, passt aber durchaus zusammen. Denn Andrea Langwieder leitet seit Jahren das Sport-Café Schiller in der gleichnamigen Straße. Und das ist ein wahres Dorado für alle Freunde einer gepflegten Faust-Artistik oder des FC Bayern von anno dazumal.

Hans Fretz (†) mit Box-Champion Muhammad Ali.

Das kam so: 1989 eröffnete Andrea Langwieder zusammen mit ihrem Lebensgefährten Hans Fretz das Café. „Das war ein düsteres, dreckiges und verschimmeltes Loch“, erinnert sich die Münchnerin mit Grausen. Sie und ihr Partner machten zunächst „ein ganz normales, relativ langweiliges Café“ daraus. Doch eines Tages hatte Fretz die Idee, den Laden mit einem Teil seiner Sport-Devotionalien aufzupeppen, die daheim den Keller verstopften. Er war als ehemaliger deutschen Meister im Ringen ein großer Freund des Boxens und der Boxer, sammelte alles, was bei seinen vielen Treffen mit Ali, mit George Foreman, Tyson oder anderen Faustkämpfern zu zusammenkam. Dann hatte er auch von Kindsbeinen an einen sehr guten Draht zu Fußball-Legende Fritz Walter. Das Schiller wurde zum Sport-Café. Als Fretz 2001 starb, übernahm Andrea Langwieder die Leitung. „Die Schillerstraße war ja nicht die einfachste Gegend, aber es hat gut geklappt“, sagt sie heute. Sie setzt auf Sport-Fans und auf internationale Sport-Übertragungen, NBA, Premier League, Radrennen – im Schiller ist alles Wichtige zu sehen, wenn’s brennt, läuft auf jedem Bildschirm ein anderes aktuelles Programm. Ob englische Fußball-Anhänger oder HSV-Fans – bei der Café-Chefin sind alle willkommen. Ärger gibt es wenig, was laut Andrea Langwieder fürs ganze Viertel gilt und was sie auf die deutliche Präsenz der Polizei zurückführt.

Franz Josef Strauß

So wie es jetzt ist in ihrem Quartier, findet’s die Wirtin gut. Sie mag den Zusammenhalt, dass man sich gegenseitig hilft, wenn Not an der Frau oder am Mann ist. „Alle denken, hier gibt’s nur Mord und Totschlag“, hat sie festgestellt. Aber das ist absolut nicht der Fall. Auch deshalb hat die Münchnerin vor Kurzem ihren Pachtvertrag bis 2019 verlängert: „Dann sind es 30 Jahre – und dann reicht’s auch“, sagt Andrea Langwieder.

Bahnhofsviertel: Hotel Goethe

Mit 380 Mark hat er angefangen. Nicht pro Woche, pro Monat. Mahir Zeytinoglu war ein unternehmungslustiger und fleißiger Mann, er jobbte in einem Teppichladen in der Pettenkoferstraße. Man schrieb das Jahr 1973, Zeytinoglu war gerade aus der Türkei in München angekommen und im Bahnhofsviertel gelandet. Dort ist er auch geblieben. Heute ist er Hotelier. Der inzwischen 65-Jährige ist gekommen, um zu bleiben: „Das hier ist mein Dorf, meine Stadt, meine Heimat. Hier bin ich glücklich.“

Mahir Zeytinoglu an der Rezeption – mit Goethe-Portrait und -Skulptur.

Als Mahir Zeytinoglu mit seinem langen Marsch durch diverse Jobs, den ersten Export-Import-Laden, durch die Lebensmittel- und Gemüsebranche und durchs Teppich-Geschäft begann, war das Bahnhofsviertel grau und tot. Die Straßen leer, kaum ein Geschäft weit und breit. Der Neu-Münchner begann das, was man heute mit „Netzwerken“ bezeichnet. Er trommelte für das Viertel, lockte Landsleute an, sorgte für eine Belebung der verödeten Straßen. Er knüpfte Kontakte zu den deutschen Geschäftsleuten, zur Politik, zur Polizei. Dass das Bahnhofsviertel heute von vielen Anwohnern als das Herz Münchens angesehen wird: Das ist auch Zeytinoglus Werk. Darum titulieren ihn seine Nachbarn und Geschäftspartner längst anerkennend als Bürgermeister des Multi-Kulti-Quartiers.

Heute sitzt der verschmitzt lächelnde Mann im feinen Trachtensakko im Frühstücksraum des Hotel Goethe und sagt zufrieden: „Wir sind eine Gemeinschaft. Hier leben viele Kulturen zusammen, die Polizei kümmert sich, hier wird wenig gestohlen und wenig gestritten.“

Das Haus mit den 15 Zimmern hat Mahir Zeytinoglu 2003 übernommen und renoviert. Es ist so etwas wie ein zu Stein gewordenes Symbol für das bunte Miteinander im Viertel: Das O im Namen des deutschen Dichterfürsten hat der Chef mit dem türkischen Halbmond verzieren lassen. In der Lobby hängt neben Bildern von König Ludwig II. und Kemal Atatürk auch ein Goethe-Portrait. Daneben ist der Chef des Hauses mit dem türkischen Premier Erdogan und mit deutschen Politgrößen zu sehen, eine Urkunde verrät, dass ihm Christian Ude die Medaille „München leuchtet“ verliehen hat. Besser lässt sich das oft missbrauchte Schlagwort von der Integration wohl nicht bildlich darstellen.

Aber natürlich ist auch im Bahnhofsviertel nicht alles eitel Sonnenschein. Auch hier gibt es kaum Wohnungen – nur 3000 Menschen leben, aber 20 000 arbeiten hier. Auch hier steigen die Mieten in schmerzhafte Höhen. „Die Mieten für Geschäfte sind auch sehr teuer geworden“, hat Zeytinoglu beobachtet. Auch das Problem mit den bulgarischen Arbeitssuchenden, die in Scharen die Bürgersteige bevölkern, ist noch immer ungelöst. Und auch das mit den Bettlerbanden, die nach der Vertreibung aus der Stadtmitte jetzt umso massiver im Bahnhofsviertel unterwegs sind. Die Anwohner hoffen darauf, dass der Stadt eine vernünftige Lösung einfällt. Bisher vergeblich.

Wie soll es denn mit dem Viertel weitergehen? Mahir Zeytinoglu gerät ins Schwärmen: „Es soll wachsen und schöner werden.“ Und dann rückt er mit seinem wichtigsten Anliegen heraus: „Die Goethestraße muss zu einer Fußgängerzone werden, das hat sie verdient, das ist mein Wunsch. Ich hoffe, dass er erfüllt wird, bevor ich sterbe!“

Rudolf Huber

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