Irrer Streit um Kiwis

Münchner Bio-Laden widersetzt sich absurden EU-Richtlinien

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Marktleiterin ­Regina Oberhardt mit den doppelten Kiwis.

Weil ein Münchner Bio-Laden bestimmte Kiwis zum Verkauf anbietet, muss er nun Strafe zahlen. Doch der Geschäftsführer hält an den Maus-Kiwis fest - und zeigt Lebensmittelverschwendung die kalte Schulter.

Das ist doppelt narrisch! Zwei einzelne Kiwis wachsen zusammen und werden zu einer extra-großen Kiwi, einer sogenannten Doppelfrucht. Diese Wuchsform ist eine Laune der Natur – und kommt häufiger vor, als man denkt. Weil aber die Europäische Union sagt, dass diese Verformung nicht der speziellen Vermarktungsnorm einer Kiwi entspricht, ist der Verkauf verboten. Die Biokette Vollcorner protestiert, indem sie die Früchte weiter anbietet.

Und so kam es zum verrückten Fall: Ein Kontrolleur der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft hatte in der Bio-Marktkette Vollcorner in der Kazmairstraße im Westend eine Kiste mit 46 sogenannten Maus-Kiwis entdeckt. Dies veranlasste den Prüfer, einen Kontrollbericht an Regina Oberhardt auszuhändigen, indem er Folgendes anmerkte: „Die bewusste Vermarktung entspräche dem Tatbestand einer Ordnungswidrigkeit! Kiwis unterliegen der speziellen Vermarktungsnorm. Diese Kiwis sind nicht vermarktbar.“ Auf die Frage der Vollcorner-Verkäuferin, was sie denn jetzt mit den Kiwis machen soll, antwortete der Hüter des Gesetzes: „Selber essen.“ Oberhardt rief daraufhin ihren Chef Willi Pfaff an, der prompt reagierte: „Wir verkaufen die Maus-Kiwis weiter.“

„Lebensmittelverschwendung wollen wir nicht akzeptieren“

Den Geschäftsführer ärgere schon lange das System der Vermarktungsnormen. Es setze sich hauptsächlich mit äußeren Merkmalen wie Beschaffenheit, Form und Größe auseinander. Qualitätskriterien wie Geschmack, Reife oder Sorte würden nicht berücksichtigt. „Das führt dazu, dass ernährungsphysiologisch einwandfreie Lebensmittel aufgrund leichter äußerlicher Abweichung in der Tonne landen“, sagt Pfaff der tz. „Diese Lebensmittelverschwendung wollen wir nicht akzeptieren“, so Pfaff.

Tatsächlich bewies das Testessen: Die doppelte Kiwi (Herkunftsland: Italien) schmeckt genauso gut wie die einzelne: frisch und süß. Lediglich das innere weiße Kernfleisch ist größer (siehe Foto unten). Dies könnte beanstandet werden, nur: Die Kiwi ist mit 49 Cent deutlich preiswerter, kosten Bio-Kiwis ab 79 Cent aufwärts.

Verzehrfähige, reife Früchte, die auf dem Kompost oder in der Tonne landen, das will die Biomarkt-Kette nicht. Das Großhandel- und Serviceunternehmen Weiling, das den Vollcorner beliefert, will deshalb ein Zeichen setzen: Es hat die Doppel-Kiwis mit Aufkleber versehen. So gleichen sie optisch einer Maus mit großen Ohren. Kreativität und Bürokratie – das geht aber nicht zusammen. Die Kontrolle der Bayerischen Landesanstalt beanstandete, dass Weilings Kiwis nicht der EU-Norm entsprechen und dass er die Handelsklasse nicht angegeben hatte. Die Firma muss nun ein Ordnungsgeld von 60 Euro zahlen.

Teller statt Tonnen – dafür setzen sich die Münchner Bio-Filialisten schon lange ein. Das heißt: Wertvolle Lebensmittel, die nicht an den Verkauf gehen, wandern an Mitarbeiter oder an Foodsharing wie beispielsweise an die Tafel. 

Kuriose EU-Richtlinien

Nicht nur die Kiwi, auch der Apfel ist Thema in der EU: Für alle Sorten und Klassen sind eine Mindestgröße von sechs Zentimetern Durchmesser und ein Mindestgewicht von 90 Gramm vorgeschrieben. Bananen müssen laut der EU-Verordnung eine Länge von 14 Zentimetern und eine Dicke von 27 Millimetern besitzen. Bei der Gurke hatten die Bürokraten in Brüssel nur eine EU-Norm akzeptiert: die maximale Krümmung von zehn Millimetern auf zehn Zentimenter Länge. Auch die Spargelstange hatte ihre Norm: Sie durfte nicht länger als 22 Zentimeter sein. Gurke- und Spargel-Richtlinien wurden am 1. Juli 2009 abgeschafft. Nun gibt es noch Vermarktungsnormen u.a. für Äpfel, Salate, Nektarinen, Birnen, Erdbeeren, und Paprikas.

Lange Schlangen an den Kassen, gedankenverlorene Bummler, die keinen Platz zum Durchkommen lassen: So ein Supermarkt-Besuch kann zur Zerreißprobe werden. Welche sieben Dinge uns im Supermarkt Nerven kosten, lesen Sie hier.

Tina Layes

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