Schwester Bernadette: Ihr Kampf gegen Betrüger

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Wütend und geschockt war Schwester Maria Bernadette Brommer, als sie merkte, dass ein Erbschleicher eine liebe Bekannte übel betrogen hatte. Verdammen mag sie ihn aber nicht: „Er mag zwar äußerlich reicher geworden sein, seine Seele aber ärmer“

München - Die außergewöhnliche Ordensfrau Schwester Bernadette hat ein Buch geschrieben. Es ist die Kampfansage an alle, die schamlos ältere Menschen und ihre Angehörigen abzocken wollen.

Tod, Verlust, Gewalt und Brutalität – Schwester Bernadette kennt viele Schattenseiten unserer Geselschaft. Ihr Orden „Guter Hirte“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zur Seite zu stehen, die keine Lobby haben: Frauen in Not, Obdachlose, Prostituierte, Strafgefangene oder auch Aids-Kranke. Keine leichte Aufgabe, aber die Ordensfrau hat es gelernt, zu kämpfen, sich Beistand zu suchen. Und fast immer zahlt sich ihre Hartnäckigkeit aus. Lediglich in einem Fall blieben ihr nur Wut und eine große Hilflosigkeit – als sie nach dem Tod einer lieben Bekannten erleben musste, dass die alte Dame Opfer eines Erbschleichers geworden war.

Diese bittere Erfahrung ließ ihr keine Ruhe, und deshalb hat sie ein Buch geschrieben. Es heißt Willenlos – Wehrlos – Abgezockt und ist eine Kampfansage an alle, die schamlos ältere Menschen (und deren Angehörige) abzocken. Weil es ihre fiesen Methoden schonungslos offenlegt.

„Denn leider“, so die couragierte Ordensfrau, „reden die Menschen erst über solche Fälle, wenn es zu spät ist.“ Und dann lässt sich fast nichts mehr machen. Denn für Erbschleicher gibt es keinen Straftatbestand, außerdem sind sie kaum zu überführen (siehe rechts).

Schwester Bernadette erzählt in ihrem Buch die Geschichte einer Münchner Seniorin, die einen jungen Mann kennenlernt. Der geht ihr lieb im Alltag zur Hand. Dass dies nur Fassade ist, ahnt die alte Dame nicht, und sie merkt auch nicht, dass der nette Helfer sie Stück für Stück von ihren ­Angehörigen isoliert. Als sie schließlich eines Tages ins Krankenhaus muss, hat er sie längst in seiner Hand. Doch noch ist sie offensichtlich nicht bereit, ihn als Erben einzusetzen. Deshalb droht er ihr am Krankenbett, ihr die Schläuche herauszuziehen.

Schwester Bernadettes Buch ist bei Literareon erschienen und kostet 9.80 Euro. Im Moment ist es vergriffen, aber ab Januar soll es wieder lieferbar sein. ISBN: 978-3-8316-1517-9

Aber all das erfuhr Schwester Bernadette erst nach dem Tod ihrer lieben Bekannten, als sie zu recherchieren begann, weil einige Dinge ihr merkwürdig vorkamen. „Ich hatte den jungen Mann angesprochen, weil im Haus der Seniorin noch Unterlagen von mir waren, die ich gern zurückhaben wollte Er meinte damals, dass ich die wohl erst nach der Testamentseröffnung abholen könne. Aber später stellte sich heraus, dass zu diesem Zeitpunkt schon ein Container vor dem Haus stand, in dem er alle ihre persönlichen Dinge entsorgte: Fotos, Andenken, Briefe – alles war weg. Die Angehörigen standen total unter Schock. Und ich auch!“

Die Ordensfrau konsultierte Anwälte, schaltete sogar die Politik ein – aber helfen konnte ihr niemand. Tatenlos musste sie ­zusehen, wie sich der junge Mann das Vermögen ihrer Bekannten unter den Nagel riss.

Doch dann ergriff sie die Initiative. Aufklärung musste her. „Am liebsten hätte ich den Fall verfilmt“, berichtet sie, „doch leider fand ich keinen Produzenten.“ Also wurde es ein Buch. Mit einem Tipp zur Vorbeugung: „Achten Sie auf Veränderungen bei Ihren Lieben. Und fragen Sie nach: ,Opa, Oma, was ist los, wo ist das Geld?‘ Viele Opfer schämen sich, sprechen erst, wenn man sie anspricht.“

Den Traum vom Film hat Schwester Bernadette noch nicht aufgegeben. Drehbuchschreiben studiert sie schon nebenher – wenn ihr die Zeit als Seelsorgerin im Klinikum Rechts der Isar Zeit dafür lässt.

E-Mail-Kontakt: bernadette146@auswege.info

So funktioniert die Masche

Dr. Michael Bonefeld, Co-Autor von Schwester Bernadette, ist seit über 15 Jahren als Erbrechtsanwalt tätig. Dabei hat er festgestellt, dass Erbschleicher so gut wie immer nach dem selben Schema vorgehen.

Schritt 1: Das Opfer wird isoliert!

Das beginnt oft damit, dass der Erbschleicher erst einmal Mitgefühl vorgaukelt und zum Beispiel sagt: „Du verkümmerst ja ganz, keiner sorgt sich um Dich. Ich helfe Dir.“ Und wenn dann die Kinder, die vielleicht in einer anderen Stadt leben, anrufen, wird ihnen erzählt, dass Vater oder Mutter nicht da seien oder nicht mit ihnen sprechen wollten. So entsteht schließlich auf beiden Seiten der Eindruck, man wolle nichts mehr voneinander wissen.

Schritt 2: Das Abhängigmachen!

Für Bonefeld ist das der Klassiker. Der Erbschleicher suggeriert dem Opfer, dass er noch der Einzige auf der Welt sei, den es noch habe. Und dann wird dem Opfer vorgespielt, dass man ihm völlig selbstlos helfe. Allerdings wird dann im Laufe der Zeit immer öfter unterstrichen, wie gut man dies doch mache und wie wichtig man doch für das Opfer sei.

Schritt3: Der Druck wird erhöht!

Das geschieht, in dem der Erbschleicher dem Opfer klar macht, dass er für seine Hilfsleistungen inzwischen vieles selbst aufgeben müsse.

Schritt4: Das Opfer muss ein schlechtes Gewissen bekommen!

Das geht schließlich so weit, dass das Opfer nur noch eine Chance sieht, dieses schlechte Gewissen zu erleichtern – und zwar in dem es den Täter als Erbe einsetzt oder ihm Vermögen überschreibt, beispielsweise in Form einer Immobilie.

Das sagt der Anwalt

Fast jeder kennt aus seinem eigenen persönlichen Umfeld eine Erbschleicher-Geschichte. Juristisch sind diese Fälle aber kaum zu greifen. Ein Grund dafür ist, so Erbrechtsexperte Dr. Michael Bonefeld, der Co-Autor von Schwester Bernadette, dass Erbschleicherei kein Straftatbestand ist. Und wohl auch nie einer werden wird: „Wir sind hier sehr stark auf der subjektiven Ebene.“ Der Vertrauensmissbrauch sei zwar moralisch verwerflich, aber leider kaum nachweisbar.

Das sei auch das Problem, wenn man als Angehöriger ein Testament anfechte, das einen Erbschleicher zum Alleinerben einsetze. Denn ein Gericht könnte immer sagen, der Verstorbene habe ja etwas bekommen – nämlich Zuneigung. Denn auch falsche Zuneigung ist Zuneigung!

Ein Patentrezept, sich vor Erbschleichern zu schützen, gibt es leider nicht. Selbst eine liebevolle Familie, die sich rührend um Oma und Opa kümmert, ist nicht vor einem Erbschleicher gefeit. Allerdings ist die Chance, dass ein lieber Angehöriger Opfer eines Erbschleichers wird, deutlich geringer, wenn er mit Respekt und Akzeptanz in die Familie eingebunden ist oder ein gutes soziales Netz von Freunden und Bekannten hat, die ihm die Angst vor dem Alter und der Einsamkeit nehmen oder mit ihm teilen.

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