Jetzt spricht die Schwester des Mordopfers

Das wahre Leben der Natallia G. († 35)

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Natallias Schwester Olga mit dem Lieblingshündchen des Opfers, Tom.

München - Olga ist eine zierliche Frau, der die Verzweiflung in ihre großen Augen geschrieben steht. Seit drei Tagen hat sie nicht mehr geschlafen - seit ihre Schwester Natallia im Nachtclub "Kapitol'" ermordet wurde.

Immerfort wiederholt Olga „23.03 Uhr“. Es war der Zeitpunkt am vergangenen Montag, als Natallia aus der Tabledance-Bar Kapitol anrief. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass Olga die Stimme ihrer Schwester hören durfte. Nicht einmal sechs Stunden später war Natallia G. tot. Die 35-Jährige wurde wohl Opfer eines krankhaft eifersüchtigen Mannes, der besessen von der schönen Bardame war. Olga sitzt am Küchentisch in dem kleinen, gemütlich eingerichteten Häuschen in der Nähe von Dachau. Eine kleine, zierliche, 41-jährige Frau, der die Verzweiflung in ihre großen, rehbraunen Augen geschrieben steht. Seit drei Tagen hat Olga nicht mehr geschlafen, nichts mehr gegessen. Sie schaut auf die Fotos von „Natalie“, wie sie ihre Schwester nannte. Tränen fließen über ihr blasses Gesicht.
„Natalie hat immer jedem Menschen geholfen. Für unsere Mutter in der Ukraine hat sie teure Medikamente besorgt. Dem hilfsbedürftigen Nachbarn den Blutdruck gemessen. Sie hätte ihr letztes Hemd gegeben. Sie war eine wunderbare Frau“, sagt Olga im Gespräch mit der tz. Während sie über Natalie spricht, schmiegt sich Tom, einer der fünf Chihuahuas, an Olgas Beine. Sie nimmt den Zamperl hoch, drückt ihn fest an sich, so als könne sie noch ein wenig von Natalies Leben spüren. „Tom war Natalies Lieblingshund“, sagt Olga. „Er spürt: Es stimmt was nicht.“ Jeden Sonntag sei Natalie zu Olga und ihrem Mann Kurt P. zu Besuch gekommen, obwohl sie als Geschäftsführerin vom Kapitol so viel arbeiten musste: „Aber das war ihr sehr wichtig. Natalie war ein Familienmensch“, so Olga.

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Natallias Tochter M. war ihr „Engel“. Oft besuchte das Mädchen, das beim Vater in der Ukraine lebt, ihre Mutter in München

Natalie habe sich noch einen Wunsch erfüllen wollen, erzählt Olga. „Sie wollte in zwei, drei Jahren in ihre Heimat in die Ukraine zurückkehren.“ Dahin, wo ihre fast 14-jährige Tochter und ihr Mann leben, der auch der Vater des Kindes ist. Sie wollten ein Haus bauen, in dem sie als kleine Familie endlich zusammenleben können. „Ihre Tochter – das war ihr Ein und Alles, ihr Engel. Und ihren Mann, nur den hat sie geliebt – und er sie.“ Für diesen Lebens­traum hat Natalie Tag und Nacht in München geschuftet, wo sie seit über zehn Jahren lebte. Allein, fernab von den Menschen, die sie liebte. Wie Olga hatte auch Natalie in der Heimat eine Ausbildung als Schneiderin gemacht. Ein Beruf, mit dem die Schwestern zu Hause nicht so viel Geld verdienen konnten wie in Deutschland. Olga sagt: „Natalie war so fleißig und pflichtbewusst.“
Der Traum von einem besseren Leben war auch in Deutschland ein hartes Brot. Am vergangenen Montag hatte Olga ihrer jüngeren Schwester noch im Kapitol geholfen. „Sie wollte unbedingt die Regale ausputzen. Ich habe ihr gesagt: ,Natalie, du bist Geschäftsführerin und keine Putzfrau.‘“ Doch so etwas ließ sie nicht gelten. Natalie habe sich stets für alles verantwortlich gefühlt – auch für ihre Mitarbeiterinnen, die Tänzerinnen. Olga: „Wenn sie bei mir war, habe ich sie immer geschimpft, sie soll ihr Handy ausmachen.“ Doch Natalie wollte stets erreichbar sein.

"Wie viel Schicksal kann man eigentlich ertragen?“

Glücklich über Natalies Job war Olga nie: „Ich wollte, dass Natalie in einem seriösen Laden arbeitet. Ich habe mir immer Sorgen um sie gemacht. Sie spürte das und wollte mich nicht ängstigen“ – deshalb habe Natalie kaum über die Arbeit geredet. „Ansonsten haben wir uns alles erzählt. Sie war immer fröhlich und hat so gerne gelacht – ein Sonnenschein!“

Für Ende März hatten sie einen Flug in die Heimat gebucht, um die Familie zu besuchen. Jetzt muss Olga früher fliegen, um ihre kleine Schwester zu beerdigen. Erst einen Monat zuvor hatte Olga am Grab ihrer erst 39 Jahre alten Schwester gestanden, die einem Krebsleiden erlegen war. Olga: „Zwei Schwestern innerhalb von zwei Monaten.“

8000 Euro kosten Überführung und Bestattung. „Und das alles wegen eines Menschen, der einem Kind die Mutter, einem Mann die geliebte Frau und mir das Liebste von der Welt genommen hat.“ Dann fügt Olga mit trauriger Stimme an: „Wie viel Schicksal kann man eigentlich ertragen?“

Tina Layes

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