LMU-Klinikum startet Kampagne

Drama um 8-jährigen Buben: Marco braucht ein neues Herz

Herzpatient Marco (8) im LMU-Klinikum in München-Großhadern
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Seit fast 1.000 Tagen wartet Marco auf ein neues Herz

Der 8-jährige Marco wird Weihnachten im Uniklinikum Großhadern verbringen. Er benötigt ein neues Herz, doch in Deutschland gibt es viel zu wenige Organspender.

München - Marco hängt ein silbern glitzerndes Herz an den Christbaum – und hofft, dass es ihm Glück bringt. Dass endlich der erlösende Anruf kommt, auf den er und seine Familie seit Langem warten. Dieses Weihnachten sind es 936 Tage, die der Achtjährige auf der Station G9, der kinderkardiologischen Station im Uniklinikum Großhadern, verbringen wird.

Das Warten, die lange Ungewissheit, die Zukunftsangst – dieses Schicksal teilt Marco mit hunderten anderen Betroffenen. Im Februar 2020 erkrankte er an einer Influenza, die nicht ganz ausheilte und sein Herz angriff. Sein Herzmuskel wurde irreversibel geschädigt. Mittlerweile ist Marco ein Kunstherz eingesetzt worden. Und nun wartet er auf einen Spender für ein neues, echtes Herz.

Marco aus München braucht neues Herz: LMU-Klinikum startet Kampagne

Um künftig mehr Spender zu gewinnen, geht das Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) nun neue Wege: Das Klinikum hat eine Reihe von Kurzfilmen produziert, um für die Organspende zu werben. Die Filme richten sich an verschiedene Altersgruppen. Zum Beispiel gibt es einen Film mit Senioren, die sich darüber unterhalten, dass sie ja zu alt seien für Organspende – um dann zu erfahren, dass es in dieser Frage keine Altersgrenze gibt. „Auch alte Menschen sind als Spender geeignet, wenn ihre Organe gesund sind. Nur wissen das viele nicht, das wollen wir ändern“, erklärt der Fotograf Andreas Steeger, der gemeinsam mit der Ärztin Dr. Laura Lily Rosenthal als Ideengeber für die Filme fungierte.

Heute werden die „Filme fürs Leben“ erstmals feierlich vorgestellt: Im Filmtheater am Sendlinger Tor in München zeigt der Förderverein der Herzchirurgischen Klinik des LMU-Klinikums die Filme, die schwer ans Herz gehen: Sie zeigen unter anderem eine attraktive Frau an einem Pool, einen Drink in der Hand, hinter ihr ein sie umsorgender Mann, vor ihr spielen die Kinder. Auf den ersten Blick wirkt es, als fehle es an nichts – bis sie den Bademantel öffnet und die Schläuche sichtbar werden, die sie am Leben halten. In einem anderen Film albert ein kleines Mädchen mit dem Vater herum, bis es plötzlich das Bewusstsein verliert, weil sein Herz nicht mehr normal arbeitet. Oder Jugendliche auf Skateboards, die über das scheinbar sehr ferne Thema Organspende scherzen, bis sie plötzlich ein schwerer Unfall schockt.

Drama um 8-jährigen Marco: Mit ihm warten mehr als 700 Menschen auf ein Spenderherz

Das Problem: Mehr als 700 Patienten warten derzeit in Deutschland dringend auf ein Spenderherz. Das Warten auf den erlösenden Anruf gleicht leider einer Art Glücksspiel. Denn es gibt viel zu wenige Organspender: Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 310 Herzen gespendet, in Bayern waren es gerade mal 32. Manche Patienten warten jahrelang – und zehn Prozent überleben die Wartezeit nicht.

Dramatische Zahlen, die den Herzchirurgen Prof. Christian Hagl und sein Team im LMU-Klinikum täglich aufs Neue betroffen machen. „Beinahe täglich sterben Menschen, die die Ärzte eigentlich hätten retten können“, klagt der Chef der LMU-Herzchirurgie. Rund 40 Prozent der Menschen in Deutschland haben einen Organspendeausweis. Vor einer Organspende werden zudem immer auch die Angehörigen gefragt. „Es ist sehr wichtig, den Weg mit den Angehörigen gemeinsam zu gehen“, sagt Prof. Hagl.

Spenderherz in anderen Ländern meist schneller zu bekommen

In anderen europäischen Ländern wie etwa Spanien oder Österreich finden Betroffene meist weit schneller ein Spenderorgan. Der Grund: Dort greift seit Jahren die sogenannte Widerspruchslösung. So gilt in Österreich jeder zunächst als potenzieller Organspender. Wer das nicht will, muss zu Lebzeiten widersprechen. „Das Gute daran ist, dass sich dort jeder mit dem Thema befassen muss“, sagt Hagl. In Deutschland spendeten im Jahr 2021 pro einer Million Verstorbener rund elf Menschen Organe. In Österreich waren es fast doppelt so viele. Und in Spanien, wo ebenfalls die Widerspruchslösung gilt, gibt es vier bis fünf Mal so viele Organspenden. Das verkürzt die Wartezeiten enorm. Hierzulande sieht es momentan aber nicht so aus, als würde sich die Rechtslage ändern. Insofern hofft das LMU-Klinikum, dass sich dank ihrer Filme mehr Menschen ganz bewusst für die Organspende entscheiden.

Christian Hagl, Chef der Herzchirurgie am LMU-Klinikum

Marcos Mama Stefanie Schäfer zählt seit mehr als zwei Jahren jeden Tag – so lange wartet die Familie schon auf ein Herz. „Jetzt wird dann bald auch eines für uns dabei sein“, gibt sich die 40-Jährige optimistisch. „Wir hoffen jeden Tag, dass es so weit ist und der erlösende Anruf kommt.“

Um Marco die lange Zeit in der Klinik zu erleichtern und das Einerlei der sich scheinbar endlos in die Länge ziehenden Tage aufzulockern, geben sich die Ärzte und Pflegekräfte die allergrößte Mühe. Marco darf den Christbaum dekorieren, bekommt viel Aufmerksamkeit und immer wieder Überraschungen: Kurz vor Weihnachten führen Josef Parzefall und Richard Oehmann von „Doctor Döblingers geschmackvollem Kasperltheater“ extra für Marco im Personalcasino des LMU-Klinikums das Stück „Kasperl und der Zwackilutschku“ auf. Das Stück hat sich Marco ausgesucht, er freut sich schon sehr auf die Aufführung. Auf die 45 Minuten, in denen der Kasperle und seine Gesellen ihm die quälende Zeit des Wartens ein bisschen versüßen werden.

Interview: „Sprechen Sie mit Ihren Familienangehörigen über das Thema Organspende“

Im Zuge der Corona-Pandemie ist die Zahl der Organspenden eingebrochen. Aber neben dieser schlechten Nachricht gibt es viele gute, sagt Prof. Christian Hagl, Chef der Herzchirurgie im LMU-Klinikum:

Welche Fortschritte erleichtern heute Organtransplantationen?
Neue Technologien haben dazu geführt, dass das Zeitfenster zwischen der Organentnahme und der Implantation größer geworden ist. Ummantelt man ein Herz für den Transport mit Eis, so sollte die Implantation innerhalb von maximal vier Stunden erfolgen. Braucht es länger, kommt es vermehrt zu Komplikationen. Obwohl die Zeiten für andere Organe – Lunge, Leber, Niere – länger sind, besteht für diese grundsätzlich dieselbe Problematik. Aktuell werden Systeme erprobt, die im Sinne einer kleinen Herz-Lungen-Maschinen das Herz aber auch andere Organe mit Blut oder mit speziellen Lösungen versorgen, sodass sie besser geschützt sind und länger am Leben bleiben.
Was hat sich noch verbessert?
Grundsätzlich nutzen wir heute viel schonendere und kleinere Herz-Lungen-Maschinen. Das verhindert ausgeprägte Entzündungsreaktionen und Kreislaufinstabilitäten. Zudem sind die Narkoseverfahren weniger belastend. Und wir haben neue Maschinen, die in der Lage sind, ein Herz nach einer Implantation in der oft schwierigen Anfangsphase zu entlasten und zu unterstützen. So haben viele Transplantierte einen hohen Blutdruck in der Lunge, da ihr Herz nicht in der Lage war, ausreichend Blut abzupumpen. Da das neue Herz aber ein Muskel ist, kann man es entsprechend trainieren. Dank der unterstützenden Pumpen kann dies langsamer und kontrollierter geschehen.
Die Zahl der Spender sinkt. Was tun?
Natürlich würden wir uns freuen, wenn möglichst jeder einen Organspendeausweis hätte. Beinahe wichtiger ist es jedoch, mit seinen Angehörigen über das Thema zu sprechen. Es ist auch in Ordnung, wenn sich der eine oder andere am Ende bewusst dagegen entscheidet – aber es muss besprochen werden. Denn normalerweise stellt sich die Frage unerwartet: Es gibt einen Unfall, eine Hirnblutung oder ein anderes dramatisches Ereignis. das zum irreversiblen Hirntod führt. Die Angehörigen werden dann gefragt, ob sie bereit sind, ihren Partner freizugeben – und sind überfordert. Kaum einer weiß, was sein Partner in der Situation gewollt hätte. Das führt zu viel Unsicherheit. Herrscht Klarheit über den Willen des potenziellen Organspenders, ist es für die Angehörigen viel leichter.
Interview: Susanne Sasse

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