Samstag von 10 bis 16 Uhr großer Aktionstag

Selbsthilfe zeigt Gesicht: 70 Stände in der Fußgängerzone

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München - Am Samstag stellen sich 70 Selbsthilfegruppen auf dem Marienplatz vor. Die tz hat Menschen getroffen, die sich bedingt durch ihr persönliches Schicksal in einer Selbsthilfegruppe engagieren.

Sie sind Experten in eigener Sache geworden: Menschen mit seltenen Krankheiten oder Schicksalsschlägen, die ihr Leben für immer verändert haben. In Selbsthilfegruppen treffen sie Menschen, die ähnliches erlebt haben. In einem geschützen Rahmen können sie sich austauschen. So hilft jeder jedem und gibt sein Expertenwissen weiter. Über 1200 Selbsthilfegruppen gibt’s in München und Umgebung. Am Samstag stellen sich 70 zwischen 10 und 16 Uhr auf dem Marienplatz vor. Die tz hat Menschen getroffen, die sich bedingt durch ihr persönliches Schicksal in einer Selbsthilfegruppe engagieren.

von Jasmin Menrad, Severin Schötz

Stotterer: Wieder Worte finden!

„Ida und Ulrike aßen Autoreifen.“ Würde Florian Steyer (38) diesen Unsinns-Satz sagen, würde er über die Wörter stolpern, weil sie einen Vokal am Anfang haben. Solche Wörter fallen dem Stotterer Steyer besonders schwer. Der Ismaninger hat schon als Kleinkind gestottert, mit den Jahren hat sein Stottern abgenommen. „Als ich der Polizei einen Reifen auf der Autobahn melden wollte, haben sie beim Notruf aufgelegt. Die dachten, ich sei ein Scherzanrufer“, sagt Steyer. Einer aus der Selbsthilfegruppe hat sich jahrelang Pils bestellt, weil er das Wort ohne stottern sagen kann. Steyer leitet die Selbsthilfegruppe. Hier kennt es jeder, dass man an der Rezeption lieber den Partner vorschickt oder eben nicht schnell nach dem Weg fragen kann. Steyer thematisiert sein Stottern nie. „Brillenträger sprechen auch nicht permanent davon, dass sie schlecht sehen.“ Nur in der Gruppe redet Steyer darüber, wie schwer im reden fällt.

www.stottern-in-muenchen.de

Blaues Kreuz: Trocken!

Norbert Gerstlacher hatte sich aufgegeben. Mit Bier hatte er angefangen. Dann trank er Wein. „Es gab Tage, da habe ich morgens angefangen, untertags das Level gehalten und am Abend losgelegt“, sagt Gerstlacher (55). Nachdem privat und beruflich alles den Bach herunterging, wurde Gerstlacher vom bayerisch-gemütlichen Trinker zum Alkoholiker. Eineinhalb Jahre soff er, um zu funktionieren und die Realität zu verschieben. Bis zu diesem einen Tag im Jahr 2002: „Plötzlich wusste ich, dass ich so nicht weitermachen kann, weil ich sonst am Alkohol sterben werde“, sagt Gerstlacher. Am selben Tag recherchiert er und stößt im Internet auf www.blaues-kreuz-muenchen.de.

Sein Beratungsgespräch dauerte 3 Stunden, der Kampf gegen die Sucht dauert noch heute an. Wer einmal Alkoholiker ist, bleibt es. Doch seit 2002 ist Norbert Gerstlacher trocken. In der Selbsthilfegruppe trifft er Menschen, die ihn so annehmen, wie er ist – ein freiheitsliebender Idealist. Gerstlacher ist Grafiker und Maler. Heute leitet er einen Künstlerkreis, hat eine Suchthelferausbildung gemacht und hilft anderen Suchtkranken. „Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass ich geschäftlich wieder auf die Beine komme. Jetzt habe ich was aus meinem Leben gemacht“, sagt Gerstlacher. Beim Blauen Kreuz gibt‘s Einzelberatung und Selbsthilfegruppen für „problematischen Alkoholkonsum“, wie es heißt und Nachsorge nach einer Therapie. Alkoholsucht geht oft einher mit Medikamentenabhängigkeit, Spielsucht oder Essstörungen – auch das sind Themen in der Gruppe. Für Angehörige von Alkoholkranken und Frauen gibt’s eigene Gruppen. „Die Wahrscheinlichkeit trocken und stabil zu bleiben, steigt eklatant, wenn ein Süchtiger eine Selbsthilfegruppe besucht“, sagt Gerstlacher. Man muss nur den ersten Schritt tun. So wie Norbert Gerstlacher.

Verwaiste Eltern

Wenn die Schachbrettblumen im Garten blühen, erinnert das Franziska Offermann (49) an Lorenz. Vor 17 Jahren, als die Blumen blühten, war sie mit ihrem Sohn schwanger. Am 24. September 1998, zehn Stunden nach der Geburt, starb der kleine Mann. Er hatte einen Herzfehler, die genau Todesursache kennt die Familie nicht. „Es kam für uns überraschend“, sagt Franziska Offermann, die heute mit Lorenz großer Schwester und drei kleinen Geschwistern in Gauting lebt. Noch in der Klinik entstand der Kontakt zum „Verein Verwaiste Eltern und Geschwister“. „Es war ganz wichtig für mich Menschen zu sehen, die das erlebt und überlebt haben“, sagt Offermann. Drei Frauen, die sich nach dem Tod ihrer Kinder allein gelassen fühlten, haben den Verein vor 20 Jahren gegründet. Heute hat er 800 Mitglieder. In einer Akutbegleitung betreuen Trauerbegleiter Familien direkt nach dem Tod ihres Kindes.

„Diese Zeit ist für die weitere Zeit sehr wichtig – nicht weglaufen, sondern der Trauer Raum geben“, sagt Offermann. Die Begleiter wissen, im Gegensatz zu vielen Eltern, dass das verstorbene Kind zum Abschiednehmen nach Hause darf. In Gruppen können Eltern, aber auch Geschwister und Großeltern über den Tod sprechen. Neuerdings gibt’s eine Selbsthilfegruppe für die ganze Familie. „Da wird gelacht, geweint, geschimpft. Unsere Treffen sind zutiefst menschlich“, sagt Offermann. Sie will, dass der Tod ihres Sohnes nicht umsonst war. Sie hat eine Trauerbegleiterausbildung gemacht, hilft beruflich und privat Menschen, die jemanden verloren haben. Wenn Franziska Offermann mit Trauernden spricht, ist Lorenz im Herzen immer dabei.

www.verwaiste-eltern-muenchen.de

Nea: Kein Job, nirgends

Auf dem Weg von seinem Arbeitsplatz in Hallbergmoos nach München dachte sich Jürgen Stock (55) an einem dieser Abende, als ihm vor Müdigkeit fast die Augen zufielen: „Dieser Job wird mich umbringen. Irgendwann schlafe ich ein und ich fahre gegen den nächsten Baum.“ Kurz darauf kündigte der Physiker seinen Job beim Flugzeugbauer Messerschmitt AG. „Im nachhinein weiß ich, dass ich das nicht richtig vorbereitet habe, weil ich mir keine Alternativen aufgebaut habe“, sagt Stock.

Diplomphysiker ist er, den Eurofighter hat er mitentwickelt. Stock dachte gar nicht daran, dass er Probleme haben könnte eine neue Arbeit zu finden. Das war vor zehn Jahren. Heute bezieht Stock ALG II und arbeitet als Nachhilfelehrer für 9 Euro die Stunde. Er spricht schnell und ist eloquent. Ohne sichtbaren Groll reflektiert er seine Situation. „Das Arbeitsamt ist auf einen wie mich nicht vorbereitet. Zwei Angebote habe ich in zehn Jahren bekommen.“ Nachdem er unzählige Bewerbungen auf Arbeitsstellen in ganz Deutschland geschrieben hat, konzentriert er sich jetzt auf die Nachhilfe. „Ich bin aus dem System rausgeflogen“, sagt er.

Akademiker ohne Job oder in prekären Arbeitsverhältnissen gibt es viele in München. Knapp 200 Mitglieder hat nea e.V., das Netzwerk erwerbsloser Akademiker. Seit zehn Jahren klärt das Selbsthilfenetzwerk ehrenamtlich auf: über Hartz IV, Leben mit Armut und Ämtern, über prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Konsequenzen. Die Vereinsmitglieder unterstützen sich, suchen nach Lösungen.

www.nea-ev.de

ADS: Wenn man Reize nicht filtern kann

Vor ihrer Diagnose fiel Christine Hammouda (49) abends ins Bett und konnte nicht schlafen, so müde war sie. Als ein Arzt vor sechs Jahren bei ihrer Tochter ADS diagnostizierte und die Symptome beschrieb, da dämmerte es Hammouda. „Ich stamme aus einer alten ADS-Dynastie“, sagt die Münchnerin und lacht. Sie beschreibt sich als Chaot, weil sie ständig abgelenkt ist und sich nicht auf eine Sache konzentrieren kann. „In der Selbsthilfegruppe kennt das jeder, das ein Putzeimer tagelang mitten im Wohnzimmer steht, weil man ständig etwas Neues anfängt und nichts zu Ende bringt. Hammouda leitet die Münchner Selbsthilfegruppe für Erwachsene mit AD(H)S. „Wenn wir unter uns sind, merken wir, dass wir uns gut tun.“

Fast allen in der Gruppe haben abenteuerliche Lebensläufe: Hammouda hat 20 Jahre Kunstgeschichte studiert. Erst nach der Diagnose konnte sie ihr Studium abschließen. Ihr zwölf und 16 Jahre alten Kinder haben auch ADS. „Ich kann meinen Kinder nicht helfen, wenn es mir selbst nicht gut geht. Deshalb bin ich auch in die Selbsthilfegruppe gegangen“, sagt Hammouda.

Seit vier Jahren ist endlich ein Medikament für Erwachsene zugelassen. Christine Hammouda hilft es, die vielen Reize zu filtern und abends fällt sie nicht mehr wie ein Stein ins Bett.

www.adhs-selbsthilfe-muenchen.de

19: No Mobbing: Raus aus der Hölle!

„Persönlichist mir die Gruppe eine enorme Kraftquelle“, sagt Bärbel Hoffmann. Sie war selbst jahrelang Opfer von Beleidigungen, Rufmordkampagnen und körperlichen Angriffen. Eine Clique von Kolleginnen terrorisierte die Fachlehrerin für Textilwirtschaft und Heimwerken solange, bis die heute 70-Jährige die Reißleine zog, und sich nach 25 Jahren versetzen ließ. Die Schikane reichte aber weit über das Schulgebäude hinaus. „Ich habe im Tanzkreis nur kurz gefragt, wie ein bestimmter Schritt geht. Eine Kollegin hat mir daraufhin heftig auf den Oberarm geboxt und mich aufs Übelste angebrüllt und beleidigt“, berichtet Hoffmann.

Über eine Zeitungsanzeige wurde sie dann auf die Gruppe „No Mobbing“ im Selbsthilfezentrum in der Westendstraße aufmerksam. An jedem Donerstag im Monat, außer dem jeweils dritten, kommen die Mitglieder im Selbsthilfezentrum zusammen. Leider brauchen viele Leute laut Hoffmann zu lang, bis sie den Schritt zur Selbsthilfegruppe zu wagen. „Wir geben den Menschen wieder das Gefühl, als Mensch behandelt zu werden.“ Am wichtigsten sind für die Leiterin Gruppengespräche „Es tut einfach unheimlich gut, wenn man weiß, dass einem zugehört wird.“ Mittwochs gibt es zudem von 16 Uhr bis 19 Uhr unter der Nummer 089/89 42 93 06 eine telefonische Beratung. „Wir unterstützen Leute beispielsweise aber auch beim Gang zum Arbeitsgericht oder ähnlichen Dingen.“ www.shz-muenchen.de; Mail: baerbel@schwabing.org

Münchner Erfinderclub Pioniere e.V.

Erfinder sind keine normalen Leute. Das sagt nicht irgendwer, sondern der Mikrobiologe Prof. Dr. Alexander Pustovar (74). Er muss es wissen: Denn Pustovar ist Vater des Vereins Münchner Erfinderclub Pioniere. Hier unterstützen sich 24 Ideenschmiede. „Deutschland ist ein schlechter Markt für freie Erfinder“, sagt Pustovar. Zu den Erfindertreffen kommen IT-Spezialisten genauso wie Ingenieure oder Hobby-Bastler. Die Tüftler beraten sich, ob Ideen umsetzbar sind, helfen bei der Patentrecherche und bei der Vermarktung der Produkte. Auf Messen stellen sie den Verein und die Erfindungen der Mitglieder vor. Über 100 Sachen haben die Pioniere schon angemeldet. Manchmal sind die praktisch im Alltag und manchmal nur für Spezialisten gedacht.

Pustovar hat eine Wärmehaube für biologische Reaktoren, in denen man Bakterien und Zellen züchten kann, erfunden. Ein Kollege von ihm einen Pizzaschneider mit Kratzschutz und Drehgriff. Ein anderer Kollege eine Duschvorhanghalterung, die ohne Bohren befestigt werden kann. www.muenchner-erfinderclub.de

Schlafapnoe: Aufwachen!

„Nicht, dass jemand seine Krankheit verschläft!“ Dieser Satz kommt Ruth Schuster mit einem Lächeln über die Lippen. Die 61-Jährige ist seit ihrer Diagnose 1998 bei der Schlafapnoe-Gruppe, seit 2004 als Leiterin. Aktuell zählt die Gruppe 35 bis 40 Mitglieder. An jedem dritten Donnerstag im Monat findet ein Treffen im Selbsthilfezentrum statt – kommen kann und darf Jeder. Bei den Treffen sind regelmäßig Referenten aus allen Bereichen der Medizin. „Wir hatten schon Narkose- und Lungenspezialisten, an die sich die Besucher auch nach den Vorträgen noch wenden können.“ Auch Ernährungswissenschaftler waren schon da. Häufig sind übergewichtige Menschen besonders schwer betroffen. Durch den verengten Hals bekommt man schlechter Luft. Der Abfall des Sauerstoffspiegels löst nächtliche Atemstillstände aus, häufiges Erwachen und unerholsamer Schlaf sind die Folge. „Es ist ein ewiger Kampf gegen das Ersticken!“, sagt Schuster. Durch ihre Müdigkeit war die Steuerfachangestellte täglich mehrere Male in der Arbeit eingeschlafen. Das war aber nur der Anfang, berichtet Schuster: „Einmal habe ich sogar mein Auto zu Schrott gefahren, und das ist dann nicht mehr nur für mich gefährlich!“

E-Mail: schlafapnoe-muenchen@t-online.de

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