Der Sendlinger Fitzcarraldo

Besuch bei der MS Utting: So sieht das Schiff von innen aus

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Land in Sicht: Schon im Frühsommer will Daniel Hahn Kunst und Kultur an Bord holen.

Schon jetzt zieht die MS Utting, die seit Februar auf einer alten Eisenbahnbrücke vor Anker liegt, Menschen wie ein Magnet an. Momentan wird der Ammersee-Dampfer noch aufgehübscht, im Frühsommer sollen Bewirtung und Kulturprogramm starten.

München - Bei schönem Wetter herrscht reges Kommen und Gehen. Viele wollen ihn sehen, den Ausflugsdampfer, der 56 Jahre lang über den Ammersee schipperte und jetzt hoch über der Lagerhausstraße auf einer alten Eisenbahnbrücke thront. Laut aktueller Baugenehmigung ist der Dampfer ein Kunstobjekt. Doch der Münchner Daniel Hahn (26), der die MS Utting gekauft hat, geht nun den nächsten Schritt. Er und sein Team holen gerade bei der Stadt die Genehmigung für Gastronomie und Veranstaltungen ein. „Anfang Sommer wollen wir öffnen“, so Hahn.

Auf einem alten Bahngleis thront der ehemalige Ausflugsdampfer und lockt schon jetzt viele Zuschauer an. 

Noch braucht man viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie aus dem rostigen Kahn ein blühender Ort von Kunst und Kultur werden soll. Aber Daniel Hahn hat eine Vision. Wo weniger beseelte Augen womöglich nur kaputte Kloschüsseln und sanierungsbedürftige Fensterrahmen sehen, entstehen in Hahns Kopf elegante Speisesalons, Bars und eine Kleinkunstbühne. Die Sendlinger Variante eines Fitzcarraldo sozusagen, jener von Klaus Kinski verkörperten Filmfigur, die einen kompletten Flussdampfer über eine Bergkette ziehen lässt, um im peruanischen Urwald ein Opernhaus zu errichten. Genau wie Kinskis Figur beabsichtigt auch Daniel Hahn, im Inneren seines Kahns einen Raum für die Kunst zu schaffen.

Im Bugsalon soll bald bei nostalgischer Stimmung gespeist werden. Derzeit restauriert das Bau-Team Fenster und Türen.

Einrichtung wie in den 50ern

Bis spätestens Juni soll unter Deck ein Hecksalon entstehen, detailgetreu der Originaleinrichtung aus den 50er-Jahren nachempfunden. Ein stilvoll-nostalgisches Restaurant. Auch im Bug will Hahn einen Speisesalon einrichten. Eine Etage tiefer, im Maschinenraum, plant der 26-Jährige eine Kleinkunstbühne für Lesungen, Kabarett und Musik. „Dieser Raum wird eine kreative, einzigartige, einfach abgefahrene Bühnensituation bieten“, sagt er und strahlt. Die ausrangierten Maschinenteile, die dort herumstehen, sollen bleiben. Die Besucher sollen spüren, dass sie sich in einem Schiffsrumpf befinden. Wer Zerstreuung sucht, findet sie dann oben im Mittelschiff, an der Bar.

Spüren, dass man sich in einem Schiff befindet soll man laut Daniel Hahn im Rumpf des Dampfers. Hier entsteht eine Kleinkunstbühne.

Im Viertel steht man dem Projekt positiv gegenüber

Das Echo auf Hahns Pläne ist fast durchweg positiv. Erbost äußerte sich nur Silvia Haas, die für die Grünen im Bezirksausschuss (BA) Ludwig-Isarvorstadt sitzt. Bei einem Besuch im Sendlinger BA stellte sie die Statik in Frage, berichtete von Betrunkenen, die „schon jetzt“ über die Gleise torkelten und prognostizierte Lärmbelästigungen für das Dreimühlenviertel. Hahn wies die Kritik zurück. „Wir halten die gesetzlichen Regelungen ein“, versicherte er. Auch Peter Heilrath, Bundestagskandidat der Grünen, reagierte ungehalten: „Die Politik sollte Initiativen wie die von Daniel Hahn mit offenen Armen aufnehmen, mit ihm gemeinsam Hürden überwinden und Lösungen für mögliche Konflikte suchen, statt Knüppel zwischen die Beine zu werfen.“

Im Mittelschiff sieht es aktuell noch nicht gerade nach entspannter Cocktail-Atmosphäre aus. Das soll sich ändern, wenn hier eine Bar steht.

Ingo Trömer, Sprecher des Planungsreferats, sieht keine Probleme. „Alle erforderlichen Berechnungen der Statik wurden erbracht“, stellte er klar. Nun werde das Nutzungskonzept geprüft. „Die Nachbarn werden noch angehört.“

Keineswegs nur Party - auch Ausstellungen und Theater soll es geben

Das Programm hat Daniel Hahn schon zu großen Teilen im Kopf. „Es wird zum Beispiel eine Walzernacht unter freiem Himmel geben, mit einem Pianisten an Deck“, sagt er. „Ich habe auch mit Seemanschören gesprochen, die hier proben und Konzerte geben werden.“ Kunstausstellungen und Theateraufführungen seien ebenfalls angedacht. „Uns hat sogar eine Band geschrieben, die in den 50er-Jahren auf der MS Utting aufgetreten ist – von denen gibt es sogar noch alte Bilder, wie sie hier an Deck spielen.“ Die Musiker-Formation existiere heute noch so wie damals, berichtete Hahn und kündigte an: „Wenn das Schiff restauriert ist, werden sie hier ihr letztes Konzert geben.“

Hahn geht es auch darum, ein Stück Geschichte zu bewahren. Die MS Utting sei ein liebevoll gestaltetes bayerisches Traditionsschiff. „Erstaunlich, wie detailreich hier alles gearbeitet ist.“ Ein Zustand, den er rekonstruieren will. „An Deck werden wir einen Holzfußboden und Nussholzstühle haben – genau wie früher.“

Von Marian Meidel und Brigitta Wenninger

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