Mietverein schlägt Alarm

Brutale Modernisierung: Münchner zahlen über Nacht doppelt so viel Miete

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Das Rückgebäude an der Thalkirchner Straße wird gerade ­modernisiert. Die Mieten der Bewohner wie ­Tilman Schaich ­haben sich zum Teil mehr als verdoppelt

Das Künstlerhaus an der Thalkirchner Straße ist ein Paradebeispiel, wie es nicht laufen sollte: Für die Bewohner hat sich die Miete binnen Tagen mehr als verdoppelt.

Tilman Schaich zahlte bisher für seine Wohnung (65 Quadratmeter) 675 Euro warm. „Ich soll nach der Modernisierung 821 Euro mehr zahlen“, schimpft der 47-Jährige. Und Schaich ist kein Einzelfall: „Tausende Mieter fürchten um ihre Wohnung!“, warnte am Montag der Mieterverein München. Die Masche der Eigentümer sei immer gleich: „horrende Mieterhöhungen durch Modernisierung“.

112 Quadratmeter für 2109 Euro Miete

Das besagte Haus in der Isarvorstadt wurde von einem Investor gekauft und bereits weiterverkauft. Der neue Eigentümer hat weitere Modernisierungen angekündigt. Die Miete könnte sich danach für manche Bewohner erneut erhöhen. „Das ist absurd“, sagt Schaich. „Viele von uns müssten dann ausziehen. Einige Mieter leben seit 30 Jahren hier.“

Der Mieterverein nennt weitere Beispiele:

  • Eine 112 Quadratmeter große Wohnung in Schwabing kostete nach der Sanierung 2109 Euro Miete, vorher 564 Euro.
  • Für eine 50,21 Quadratmeter große Wohnung in Untergiesing verlangte der Vermieter nach der Sanierung statt 298 Euro plötzlich 672 Euro.
  • In Haidhausen kostete eine 60 Quadratmeter große Wohnung auf einmal statt 957 Euro 1767 Euro Miete.

Und das Schlimmste an all diesen Fällen: Das Vorgehen der Eigentümer ist völlig legal. Schuld daran ist die Modernisierungsumlage (siehe unten). Mietervereins-Chefin Beatrix Zurek: „Der Bund muss endlich etwas dagegen tun.“ Was Tilman Schaich erlebe, sei „Entmietung brutal“! Und die Fälle aus der ganzen Stadt werden immer mehr. Allein zwischen Januar und Oktober 2017 seien rund 600 Menschen mit derlei Problemen dem Mieterverein beigetreten.

Wie es für die Mieter weitergeht, ist unklar

Das Haus an der Thalkirchner Straße hat eine leidvolle Vorgeschichte: Nachdem es ein ­Investor gekauft hatte, begann der Umbau, einige Mieter wurden abgefunden. Für die anderen stieg die Miete. Im November verhängte die Stadt einen Baustopp wegen Denkmalschutz’. Der Investor, die Firma KL Bau Grünwald, hatte es da bereits wieder verkauft. Seit einigen Wochen vermarktet eine Bauträgergesellschaft die Wohnungen.

Wie es nun für die Mieter weitergeht, ist unklar. Ein Sprecher des Planungs­referats: „Der Baustopp wird erst aufgehoben, wenn ein entsprechendes Sanierungskonzept vorliegt.“ Tilman Schaich will kämpfen: „Wir wissen, dass man uns raushaben will. Aber wir wollen hier bleiben!“

Modernisierungsumlage: Reform wäre notwendig

Die Modernisierungsumlage ist eines der ­wichtigsten Themen der Koalitionsverhandlungen in Berlin. Aus Münchner Sicht wäre eine Reform notwendig, um Entmietung durch Luxus­sanierungen zu stoppen. Der Mieterverein spricht von Tausenden Betroffenen, die Angst um ihre Wohnungen haben.

Die Modernisierungsumlage ­erlaubt es Eigentümern, die Kosten für Sanierung oder Umbau ihrer Gebäude anteilig auf den Mieter umzulegen. Das gilt für Maßnahmen, die den (Wohn-)Wert des Gebäudes erhöhen, beispielsweise den Einbau neuer Heizungen, eines Aufzuges oder von Balkonen. Der Eigentümer darf bis zu elf Prozent der Kosten pro Jahr auf die Miete draufschlagen. Allerdings bleibt die ­Erhöhung dauerhaft und endet nicht, wenn sich die Investition amortisiert, der Eigentümer also seine Kosten für die Sanierung durch die Miete reingeholt halt.

Die Modernisierungs­umlage wurde 1974 eingeführt. Sie sollte Eigentümern Anreize zur Verbesserung des Wohnungsbestandes geben. Damals gab es noch in rund elf Millionen Wohnungen keine Sammelheizung, drei Millionen hatten kein Bad. „Es ist ein antiquiertes, ungerechtes Gesetz, das dringend abgeschafft werden muss“, sagt Mietervereins-Chefin Beatrix Zurek. Unlängst hatte sich OB Dieter Reiter (SPD) in einem Forderungskatalog an die Koalitionsverhandler in Berlin gewandt. Einige dieser Forderungen sind offenbar angekommen, etwa zur Modernisierungsumlage. Künftig sollen Eigentümer nur noch acht Prozent der Kosten einer ­Modernisierung auf die Mieter umlegen dürfen. Ob diese Umlage zeitlich begrenzt sein wird, ist noch unklar.

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