Nach Pflegeskandal im Münchenstift

Angehörige klagt an: "Mir hat niemand geglaubt"

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„Endlich bekomme ich recht“: Angehörige Sieglinde Knöpfle (61) mit der tz zum Pflege-Skandal.

München - Sieglinde Knoepfles dementer Ehemann Karl (77) hat von 2009 bis zu seinem Tod 2012 im Münchenstift gelebt – und den Pflege-Wahnsinn tagtäglich ertragen müssen. Jetzt kommen bei ihr bittere Erinnerungen hoch.

Mit einem Mal kommen alle Erinnerungen hoch. Als Sieglinde Knöpfle (61) am Mittwoch den tz-Bericht mit der Schlagzeile „Pflege-Schande im Münchenstift“ liest, in der es um Enthüllung der Missstände im Altenheim St. Josef geht, schießen ihr die Tränen in die Augen. „Genau das habe ich immer gesagt – und keiner hat mir geglaubt!“ Ihr schwer dementer Ehemann Karl (77) hat von 2009 bis zu seinem Tod 2012 in diesem Heim gelebt – und den Pflege-Wahnsinn tagtäglich ertragen müssen.

„Einmal ist Flüssigkeit an seinem Rollstuhl runtergetropft“, erinnert sich die Witwe. „Die ganze Windel war voller Urin, die wurde ewig nicht gewechselt.“ Ihr Mann habe deshalb oft offene Wunden gehabt. Aber das sei nicht alles gewesen: Als der Zimmernachbar verstarb und Knöpfle nicht ins Zimmer gehen konnte, habe man ihn unbeaufsichtigt in einen Aufenthaltsraum abgeschoben. „Als ich reinkam, war er total verwirrt, eingenässt und hing todmüde im Stuhl.“

Haben Pfleger die Bewohner geschlagen?

Die Frührentnerin kann etliche solcher Geschichten erzählen. Sie will das St. Josef-Heim nicht generell verteufeln – auch nicht alle Mitarbeiter. „Ein paar waren engagiert und liebevoll. Aber die waren nicht immer da.“ Das unmotivierte Personal habe Demente oder Bewohner ohne Angehörige vernachlässigt. „Nur weil sie schwieriger zu händeln sind als körperlich und geistig fitte.“

Ein Foto aus den Tagen im Sendlinger Altenheim: Sieglinde Knöpfle mit ihrem dementen Ehemann Karl (†77).

Zur Sicherheit kommt Sieglinde Knöpfle jeden Tag zu ihrem Mann ins Heim. Ein Vorfall lässt sich dennoch nicht verhindern. „Er ist ofthingefallen und hatte blaue Flecken. Ein Fleck an der Hand aber war verdächtig – und mein Mann erzählte, dass ein Pfleger ihn geschlagen hat.“ Tatsächlich: Sieglinde Knöpfle beobachtet nach eigener Aussage, wie dieser Pfleger eine andere Bewohnerin schlägt. „Bis auf die damalige Heimleiterin hat mir keiner geglaubt. Sie hat dem Mann eine Abmahnung gegeben, bald darauf ist der eh gegangen.“
Sieglinde Knöpfle sieht vor allem ein großes Problem: „Es gibt zu wenige und darunter zu viele schlechte Pfleger für so viele Bewohner!“ Oft seien vorübergehend Angestellte von Zeitarbeitsfirmen dagewesen, die gar nichts mit der Branche zu tun hatten. Und den Fachkräften mangele es wiederum an Kenntnissen. „Eine Pflegerin hat meinem Mann das Essen reingestopft, weil sie nicht wusste, dass bei Demenz irgendwann der Schluckreflex nicht mehr funktioniert.“ Gegenüber der tz wollte sich das St. Josef-Heim nicht zu den Vorwürfen äußern – aus datenschutzrechtlichen Gründen, wie es heißt.

"Die Pfleger haben ihn sogar nach seinem Tod vernachlässigt"

Sieglinde Knöpfle machte eine zermürbende Beschwerde-Odyssee durch: Pflegedienstleitung, Heimleitung, Medizinischer Dienst der Krankenkassen … „Alle wollten Zeugen oder Beweise.“ Umso erleichterter ist die Münchnerin, dass der Fernsehbericht nun die Missstände mit versteckter Kamera enthüllt hat. „Eine späte Genugtuung. Aber hoffentlich hilft das den Bewohnern, die noch dort sind.“

2011 bekommt Sieglinde Knöpfle eine Schock-Diagnose: Magenkrebs. Sie muss sich unzähligen Untersuchungen, einer Chemotherapie und einer Operation unterziehen. „Das schlimmste daran war, dass ich mich nicht um meinen Mann kümmern konnte.“ Mit Karl Knöpfle geht es in dieser Zeit steil bergab. „Als ich nach dem Krankenhaus wieder zu ihm kam, war er nur noch Haut und Knochen. Ob daran nur die Krankheit schuld war oder auch mangelnde Versorgung, werde ich nie erfahren.“ Drei Monate später stirbt Karl Knöpfle. Als seine Frau am nächsten Tag wegen der Formalitäten wieder ins St. Josef-Heim kommt, starrt sie ihr toter Mann an. „Ich bekam einen Riesen-Schock. Die Pfleger haben ihn sogar nach seinem Tod vernachlässigt – sie haben vergessen, ihm die Augen zuzumachen.“

Von den Kontrolleuren gab es die Note 1,0

Die Bilder aus dem RTL-Report über vernachlässigte oder misshandelte Pflegepatienten haben selbst Heike Franzen-Krapoth (50) erschüttert „und sehr traurig gemacht“. Sie ist leitende Qualitätsprüferin beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen in Bayern (MDK).

Einmal im Jahr führen bis zu vier ihrer Mitarbeiter unangemeldet eine Prüfung in den stationären Pflegeheimen durch – die Bewerzung ist öffentlich. „1,0“ hieß das Urteil am 24. Oktober 2013 im Sendlinger Altenheim St. Josef – nur rund einen Monat zuvor filmte RTL dort die schlimmen Missstände. Nun fragen sich viele: Was taugen diese Noten? Und wie können reale Zustände so weit abweichen?

Heike Franzen-Krapoth.

„Die Note 1 sagt aus, dass ein Heim die Mindestanforderungen bei der Regelprüfung erfüllt hat“, erklärt Franzen-Krapoth. Mit Schulnoten sei das nicht vergleichbar. „Wir legen als Kriterium einen bundesweit einheitlichen Qualitätsprüfleitfaden zugrunde.“ Die Richtlinie sieht vor, dass anhand einer Stichprobe maximal 15 Bewohner geprüft werden – bei großen Einrichtungen können daher nicht alle Wohnbereiche einbezogen werden. Mit der Begutachtung einzelner Bewohner müssen sich diese oder ihre gesetzlichen Betreuer einverstanden erklären. Wichtig auch: Die Pflegenoten decken nicht den gesamten Qualitätsprüfbericht ab, sondern nur einzelne Bereiche.
Selbst der MDK sieht das Notensystem kritisch. „Es ist an seine Grenzen gestoßen. Die Einrichtungen können sich leichter darauf einstellen, welche Kriterien sie erfüllen müssen, um gute Bewertungen zu erhalten.“ Aber: Wenn die Prüfer Missstände sehen oder Beschwerden eingehen, kann auch eine Sonderprüfung stattfinden.

"Kriminelle Arbeitsbedingungen"

Experte, Kritiker, Pflege-Papst: Niemand weiß besser über unsere Pflege Bescheid als Claus Fussek (61). Er hat auch bei dem RTL-Report mitgewirkt, der am Montag 4,4 Millionen Zuschauer erschüttert hat.

Jetzt kennt jeder die Missstände in München!

Fussek: Der Beitrag war eine Bankrotterklärung für die Pflege. Die Missstände sind Realität in unzähligen Pflegestationen. Viele empören sich darüber, aber wir sollten uns alle schämen.

Warum genau?

Pflege-Papst Claus Fussek spricht Klartext.

Fussek: Man muss nur mal in den Heimen nachsehen, wie viele Mitarbeiter anwesend sind – oft nur zwei für 30 Bewohner. Offiziell ist der Pflegeschlüssel oft aber ganz anders. Wir brauchen keine versteckte Kamera, um diese Zustände zu sehen.
Die Bilder erschrecken!
Fussek: Selbst Geschäftsführer haben mir berichtet: Die Bilder sprechen für sich. Aber die Pflegekräfte haben Angst, die Wahrheit zu berichten – selbst anonym. Es ist fast egal, wohin man geht: Man findet überall Missstände. Die Arbeitsbedingungen sind kriminell.

Gibt es aktuelle Beispiele?

Fussek: In einer Pflegeschule berichteten mir Schüler, dass sie im Praktikum alleine in der Schicht waren und Medikamente verteilen müssen – ohne Anleitung oder Begleitung. Das ist wie Autofahren ohne Führerschein.

Wer ist verantwortlich?

Fussek: Die Pflegekräfte und die Heimleitungen. Aber auch die Angehörigen, die um Missstände wissen und diese sehen, aber nichts unternehmen. Das Problem ist: In diesen Heimen leben unsere Eltern und Angehörigen. Wir kennen und beklagen die Zustände seit Jahren.

Aber nichts ändert sich?

Fussek: Es gibt gute Einrichtungen. Und das ist das Beschämende: Der Pflegenotstand ist kein Tsunami. Er ist hausgemacht.

Was kritisieren Sie?

Fussek: Dass wir seit Jahren dulden, dass Pflege-Auszubildende verheizt und ohne Anleitung arbeiten müssen werden. Diejenigen, die den Notstand am lautesten beklagen, sind vor Ort verantwortlich: die Heimträger.

Aber die Heime werden regelmäßig kontrolliert und öffentlich bewertet!

Fussek: Davon halte ich wenig. Die Noten sind schwachsinnig und sagen nichts aus.

Warum?

Fussek: Die Note 1 gibt es zum Beispiel für eine vollständige Dokumentation. Die Pflegekräfte erklären aber klar, dass sie teilweise keine Zeit haben zu pflegen. Also fälschen sie die Dokumentationen.

Was raten Sie?

Fussek: Die Mitarbeiter sollten ehrlich dokumentieren, was sie tatsächlich leisten können. Ein MDK-Mitarbeiter (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung; Anm. d. Red.) sagte mal zu mir: „Die guten Noten sind nur dazu da, damit die Gesellschaft ruhig schlafen kann. Alle wissen Bescheid!“

Sind unabhängige Kontrollen also unmöglich?

Fussek: Die beste Kontrolle sind kritische Angehörige und ehrliche, kompetente und emphatische Pflegekräfte. Niemand kann mehr behaupten, er hätte von dieser Situation nichts gewusst!

Nina Bautz / Andreas Thieme

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