Fälle in Schwabing, Laim & Sendling

Denkmalschutz in München auf verlorenem Posten?

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Einsatz an der Plinganserstraße: Andreas Dorsch vom Denkmalnetz Bayern (3. v.re.) und seine Mitstreiter wollen das Biedermeierhaus vor dem Abriss retten.

Wenn Investoren Druck machen, bleiben historisch wertvolle Häuser meist auf der Strecke – Drei aktuelle Fälle.

Der Kampf um den Denkmalschutz scheint in München aussichtslos zu sein: An der Sailerstraße in Schwabing-West droht drei über 110 Jahre alten Häusern das Aus, weil ein Wohnblock entstehen soll. Auch an der Plinganserstraße in Sendling soll ein Biedermeier-Wohnhaus weichen. In Laim, wo die Bürger für den Erhalt der alten Glockengießer-Fabrikantenvilla an der Mitterhoferstraße gekämpft hatten, wurden mittlerweile Tatsachen geschaffen.

Plinganserstraße

Eine Frankfurter Immobilienfirma möchte an der Plinganserstraße, 100 Meter südlich des Harras, einen Wohnblock mit rund 200 Unterkünften errichten. Dafür müssten eine Asphaltwüste mit Parkplätzen sowie mehrere heruntergekommene Geschäfts-Flachbauten weichen – aber auch einige stattliche Bäume und ein Haus aus der Biedermeierzeit auf einem langgezogenen Grundstück neben der Post.

Einsatz an der Plinganserstraße: Andreas Dorsch vom Denkmalnetz Bayern (3. v.re.) und seine Mitstreiter wollen das Biedermeierhaus vor dem Abriss retten.

Das Häuschen war bis 2008 in der Liste der schützenswerten Baudenkmäler Münchens vertreten. Dass es herausfiel, begründet das Landesamt so: „Es wurde zu verschiedenen Zeiten umgebaut, der historische Baubestand ist dadurch stark reduziert worden.“ So seien die Ladenfronten, die Fenster und der Balkon verloren gegangen. Auch im Inneren sei das Haus völlig verändert worden. Für Andreas Dorsch vom Denkmalnetz Bayern ist das kein Argument, das Haus abzureißen: Es gehe schließlich „auch darum, gewachsene Ortsbilder zu erhalten.“ Mit den prächtigen Bäumen nebenan bilde das alte Biedermeierhäuschen ein Ensemble, das von der Geschichte Sendlings erzählt. Dorschs Vorschlag: „Die Architekten könnten das Gebäude und die Bäume ohne weiteres stehen lassen und in ihre Planungen integrieren.“ Auch wenn dann ein paar Wohnungen weniger entstehen, könnte das Haus als Café oder Nachbarschaftstreff die Anlage „enorm aufwerten“. Wieso man den Erhalt des Altbaus nicht schon beim Architektenwettbewerb vorgegeben hatte? Ingo Trömer vom Planungsreferat erklärt: „In den Wettbewerbsunterlagen taucht ein solcher Vorschlag nicht auf, vermutlich aufgrund der fehlenden Denkmaleigenschaft des Gebäudes.“

Einförmig: Dieses Gebäude plant ein Investor an der Plinganserstraße anstelle des Biedermeierhauses.

Mitterhoferstraße

Hier wurde das Glockenspiel des Neuen Rathauses gegossen, ebenso das Geläut der Frauenkirche. Der Betrieb in der Glockengießerei Oberascher wurde zwar schon in den 50er-Jahren eingestellt, doch die Laimer hatten das Ensemble mit der Villa an der Straße und dem von einem Glockentürmchen gekrönten Werkstattgebäude ins Herz geschlossen. Das Sozialreferat plant auf dem Gelände ein Wohnprojekt für 150 junge Flüchtlinge mit Bleiberecht. Auch eine Tiefgarage sowie zwei Werkstätten und drei Lernräume sind vorgesehen. 

Die Villa stand nicht auf der Denkmalliste des Landesamtes, der Bezirkssausschuss sprach sich Mitte vorigen Jahres jedoch dafür aus, das Areal unter Denkmalschutz zu stellen. Das Landesamt für Denkmalpflege stellte tatsächlich die Werkstätten unter Denkmalschutz, die Villa aber nicht. Ende Februar schafften dann die Abrissbagger vollendete Tatsachen: Die Villa wurde innerhalb weniger Tage dem Erdboden gleich gemacht. 

Und trotz Denkmalschutz wurde das Glockentürmchen abgerissen. Von einer Anwohnerin alarmiert, ließ die Lokalbaukommission die Arbeiten einstellen und rettete zumindest die alte Gießerei. Die Untere Denkmalschutzbehörde verfolgt nun das Ziel, das hölzerne Glockentürmchen wiederaufzubauen und somit den ursprünglichen Zustand der ehemaligen Glockengießerei wiederherzustellen.

Abgerissen: Die Glockengießer-Villa an der Mitterhofstraße gibt es nicht mehr.

Sailerstraße

Es ist ein Dreigespann, wie man es in Schwabing nicht mehr oft sieht: Die drei Giebelhäuschen an der Sailerstraße. Nach Ansicht von Martin Schreck von den Altstadtfreunden handelt es sich um ehemalige Kavalleristenhäuser – gebaut 1902, als auf dem benachbarten Oberwiesenfeld noch exerziert wurde. Ein Bauherr kaufte die drei Häuser und erwirkte 2015 eine Baugenehmigung für zwei von ihnen, das heißt automatisch, dass auch der Abriss der Bestandsbauten genehmigt ist. 

Die Neubauten sollen viel größer werden, schließlich hat die Stadt auf dem Nachbargrundstück schon ein fünfstöckiges Gebäude genehmigt. Erst nach der Genehmigung wurden Bürger und der Bezirkssausschuss auf den Fall aufmerksam. Das Landesamt für Denkmalschutz hält die Gebäude für schützenswert, doch mit der Baugenehmigung sei das Schicksal besiegelt, der Bauherr genieße Vertrauensschutz. 

„Stimmt nicht“, argumentiert der CSU-Landtagsabgeordnete Robert Brannekämper. Er unterstützt eine Petition der Altstadtfreunde, die das Ensemble retten wollen. Am gestrigen Mittwoch trafen sich die Abgeordneten des Landtags und des Bezirksausschussses zu einem Ortstermin in der Straße, um sich selbst ein Bild zu machen. Die Zeit drängt: Bauarbeiter haben schon damit begonnen, die Fenster herauszureißen. 

Brannekämpers Fazit: „Wir sind der Meinung, dass trotz mehrerer Umbauten vieles an Bausubstanz erhalten ist. Wir werden mit dem Landesamt für Denkmalpflege, den Eigentümern und der Stadt Kontakt aufnehmen mit der Bitte, die Abbrucharbeiten sofort einzustellen.“ Dem Landesamt für Denkmalpflege sei sofort Zugang zu gewähren. „Wir brauchen zwei Wochen Zeit, um die Häuser zu prüfen“, sagte der Landtagsabgeordnete Michael Piazolo (Freie Wähler). „Wenn es Denkmäler sind, dürfen sie nicht abgebrochen werden.“ Das Landesamt für Denkmalschutz hatte bereits eine Einschätzung abgegeben, wonach die Häuser schützenswert seien, doch mit der Baugenehmigung sei das Schicksal besiegelt, der Bauherr genieße Vertrauensschutz.

Sie geben nicht auf: Landtagsabgeordnete und Unterstützer gestern beim Ortstermin an der Sailerstraße.

Noch mehr Denkmalschutz-Fälle lesen Sie hier: Nach Sorge um „Dornröschenschloss“ an der Neuburger Straße - Eigentümer will verfallende Villa retten sowie „Lösung im Denkmalschutz-Streit um die Paul-Heyse-Villa“.

Von Johannes Welte und Johanna Sagmeister

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