„Nicht mit uns gesprochen“

Weil Gasteig umzieht, befürchten Sendlinger Mieter den Rauswurf

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Schreiner Hans Murr macht sich Sorgen um seine Werkstatt, die er mit Kollegen betreibt.

Der Gasteig-Umzug könnte auch für 25 Betriebe auf dem Gelände Folgen haben. Die Sendlinger Mieter befürchten, dass sie sich eine neue Bleibe suchen müssen. Das würde sie schwer treffen.

München - Immer wieder schüttelt Mirco Taliercio wütend den Kopf: „Schauen Sie sich um“, schimpft der Fotograf. „Auf unserem Areal hier am Heizkraftwerk arbeiten viele kreative Menschen - aber die hat man nun wohl alle vergessen.“ Der Münchner ist sauer. Wie alle Geschäftsleute dort, seit sie am Donnerstag aus den Medien erfuhren, dass der Gasteig möglicherweise auf eben jenes Gelände der Stadtwerke direkt am Brudermühltunnel ziehen soll. „Hier ist unsere Heimat. Kein Mensch hat mit uns darüber gesprochen. Das geht gar nicht!“

Was viele gar nicht wissen: Über 25 Betriebe werkeln hier jeden Tag rund um den zentralen Backsteinbau, in welchem nach dem Wunsch der Gasteig-Verantwortlichen der Ausweich-Konzertsaal während der Sanierung entstehen soll. Da gibt es eine Schreinerei, Architekturbüros, eine Autowerkstatt, Fotostudios, mehrere Grafiker, eine Tanzschule, Ateliers und vieles mehr. Und nun stellt sich die Frage: Fliegen sie alle raus?

Rauswurf nach 18 Jahren droht

„Die Angst haben wir natürlich schon“, sagt Schreiner Hans Murr. Immerhin ist der 60-Jährige schon seit 18 Jahren auf dem Grundstück gegenüber des Heizkraftwerks. Mit fünf anderen betreibt er zusammen seine große Werkstatt - und zahlt dafür natürlich auch gutes Geld: Rund 3000 Euro Miete im Monat für die knapp 300 Quadratmeter. 

„Das geht nur, weil wir uns das alle teilen“, erklärt er. Dass er nun aus der Zeitung erfahren musste, dass hier für ihn und all die anderen möglicherweise bald Schluss ist, war ein Schock. „Wir wollen natürlich hier bleiben. Wir haben ja teils sogar renoviert und ausgebaut.“

Riem als Ausweichmöglichkeit nicht beliebt

Zur Erinnerung: Als „ideale Lösung“ bezeichnete Bürgermeister Josef Schmid einen Umzug des Gasteig auf das 27.000-Quadratmeter-Areal an der Ecke Brudermühl- und Schäftlarnstraße. Das Kulturzentrum wird wie berichtet für 450 Millionen Euro saniert, vermutlich ab 2020. Also braucht man ein Ausweichquartier.

Eigentlich sollte die Interims-Spielstätte ja nach Riem kommen - aber da will keiner hin. Zu weit abgelegen, heißt es. Und so jubilierte am Donnerstag Gasteig-Chef Max Wagner über die neue Idee und sprach von „vielen kreativen Möglichkeiten“.

Hochschule für Musik und Theater hofft auf Umzug

Fotograf Mirco Taliercio arbeitet seit 12 Jahren auf dem Areal.

Auch Professor Bernd Redmann, der Chef der Hochschule für Musik und Theater München, hat sich inzwischen zu Wort gemeldet. Die Umzugsidee sei „unbedingt anstrebenswert“, teilte Redmann mit. Unter anderem, weil es am Heizkraftwerk genug Platz gäbe.

Aussagen, über die Alfred Küng sich nur wundern kann. Er betreibt auf dem auserkorenen Areal ein Büro für Ausstellungsgestaltung. „Dass hier einfach so über uns bestimmt wird, hat uns sehr verwundert“, sagt er. Das Problem ist: Sie alle haben nur Interimsmietverträge. „Jedem von uns kann also mit einer Frist von drei Monaten gekündigt werden.“

Stadtwerke lassen Interimsnutzung prüfen

Und was sagen die Stadtwerke als Vermieter zu dem Problem? Sie teilten am Freitag mit: „Der Gasteig untersucht in Abstimmung mit den SWM im Rahmen einer Machbarkeitsstudie aktuell eine mögliche Interimsnutzung des Areals an der Hans-Preißinger-Straße.“ Hier sei aber noch keine Entscheidung gefallen. Das Ergebnis der Untersuchung soll spätestens im September vorliegen. Dann werde man die Mieter selbstverständlich umgehend informieren.

Alfred Küng befürchtet Schlimmstes, obwohl es für ihn auch eine „leichte Lösung“ gäbe: „Wegen mir kann der ganze Gasteig ja kommen - wenn wir alle auch hier bleiben dürfen.“

Alfred Küng heißt den Gasteig willkommen, „wenn wir bleiben dürfen“.

Der Streit um den Standort

Das ewige Hickhack um den Gasteig - wo gibt’s ein Ausweich-Quartier während der Renovierung? Fakt ist: Die Kosten für die Generalsanierung des Gebäudes einschließlich Philharmonie werden auf rund 450 Millionen Euro geschätzt. Der Stadtrat hat sich unter verschiedenen Vorschlägen für eine große Lösung ausgesprochen - und das dauert. Lange wurde von Riem als Alternativ-Standort gesprochen - aber es ist kein Geheimnis, dass die Musiker dort selbst nicht hin wollen. Zu weit abgelegen, so eins der Gegenargument. Jetzt also Sendling? Los geht’s wohl 2020.

Unsere wichtigsten und besten Geschichten aus Sendling und Haidhausen posten wir auch auf den neuen Stadtviertel-Facebook-Seiten „Sendling - mein Viertel“ und „Haidhausen - mein Viertel“

Armin Geier

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