160 Millionen Euro für rund 300 Wohnungen

Groß-Investition für günstigen Wohnraum: Die Stadt als Retter bleibt die Ausnahme

+
OB Dieter Reiter und der Stadtrat wollen 300 günstige Mieten in Sendling erhalten.

Im Kampf um Wohnraum greift die Stadt München nun stärker ein. In Sendling hat sie für 160 Millionen Euro rund 300 Wohnungen erworben und so erstmals in größerem Rahmen von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht. Ein genereller Trend ist daraus aber nicht abzuleiten.

In Erhaltungssatzungsgebieten genießt die Stadt ein Vorkaufsrecht für Immobilien. Das darf sie aber nur wahrnehmen, wenn der eigentliche Käufer keine Abwendungserklärung unterzeichnet. In dieser verpflichtet er sich, für einen fixen Zeitraum etwa keine Luxussanierung durchzuführen und von überbordenden Mieterhöhungen Abstand zu nehmen. Gewöhnlich unterzeichnen Käufer die Erklärung, was die Grausamkeiten für Mieter in der Regel nur verzögert.

Im Jahr 2016 kaufte die Stadt nur vier Wohnungen, für 1553 andere wurden Abwendungserklärungen unterzeichnet. 2017 nahm die Stadt in keinem Fall ihr Vorkaufsrecht wahr, dem stehen 545 Wohnungen gegenüber, für deren Erwerb die Erklärung unterzeichnet wurde. 2018 wurden für 644 Bleiben Erklärungen unterzeichnet. Die Stadt kaufte 93 Wohnungen. Jetzt allerdings hat sie in Sendling erstmals in größerem Rahmen das Vorkaufsrecht ausgeübt und rund 300 günstige Mieten erhalten.

Große Belastung für die Stadtkasse 

Dem hat der Stadtrat am Dienstag zugestimmt. Ein Trend ist daraus aber nicht abzuleiten. OB Dieter Reiter (SPD) antwortet auf Anfrage vage: „Wir werden als Stadt immer dann von unserem Vorkaufsrecht Gebrauch machen, wenn es darum geht, Mieter vor Verdrängung zu schützen. Denn hier geht es in den allermeisten Fällen um Wohnungen, die noch bezahlbar sind und unbedingt erhalten werden müssen.“ Es belaste die Stadtkasse freilich immens: „Das kostet richtig Geld.“ In Sendling investiert die Verwaltung 160 Millionen Euro.

Der Geschäftsführer des Mietervereins, Volker Rastätter, findet das Vorgehen zwar gut, „solange die Stadt das vereinbaren kann und der Wohnungsbau nicht darunter leidet“. Aber er pflichtet Reiter bei, wenn dieser sagt, eigentlich seien Land und Bund in der Pflicht: Sie müssten „die Mietgesetze wieder zu echten Mieterschutzgesetzen machen“.

Die 300 Wohnungen, die die Stadt gekauft hat, liegen an der Plinganserstraße/Karwendelstraße und im Erhaltungssatzungsgebiet „Am Harras/Passauerstraße“. Sie werden nun dem städtischen Wohnungsbauer GWG überantwortet. Die Firma rechnet noch mit einem Sanierungsbedarf von rund 13 Millionen Euro.

Durchschnittliche Miete der Wohnungen beträgt 9,55 Euro

Im August hatten erstmals die Alarmglocken geschrillt. Da meldete die dänische Pensionskasse PFA den Kauf von 33 Immobilien mit 3700 Wohnungen und einem Gewerbeprojekt an 15 Standorten in Deutschland. Rund eine Milliarde Euro hatte das Unternehmen als Investition für das Portfolio von IntReal International Real Estate veranschlagt. Zwei Drittel der Wohnungen sollen in Metropolstandorten wie Berlin, München, dem Rheinland und der Region Rhein-Neckar liegen, berichtete das Handelsblatt. Mehr als die Hälfte der Mieterträge werde aber in München und Berlin erzielt. In der Immobilienzeitung wurde ein Unternehmensmanager mit den Worten zitiert, dass vor allem bei den Mieten in München „noch großes Potenzial nach oben“ bestehe. Die durchschnittliche Miete der 300 Wohnungen in Sendling beträgt 9,55 Euro.

„Die Entscheidung zeigt, dass die Ausübung von Vorkaufsrechten dazu geeignet ist, bezahlbaren Wohnraum in München zu erhalten“, sagt Reiter. München leiste damit einen wichtigen Beitrag, erschwingliche Wohnmöglichkeiten für die alteingesessene Wohnbevölkerung, aber auch für junge Familien zu sichern. Kommunalreferentin Kristina Frank (CSU) sagte: „Auf diese Weise wird der Milieuschutz verwirklicht und die Wohnbevölkerung vor Verdrängung geschützt.“ Die Bewohner hätten nun die Gewissheit, dass sie langfristig in ihrem Zuhause bleiben könnten.

Auf dem Gelände besteht laut Stadt Potenzial für Nachverdichtungen. Die Verwaltung rechnet mit zusätzlich 200 Wohnungen. Für deren Errichtung wurde mit dem bisherigen Eigentümer ein Vertrag geschlossen. Neben frei finanzierten Wohnungen soll ein Modell für Werkswohnungen entwickelt werden. Unternehmen könnten Belegungsrechte erwerben.

Lesen Sie auch:

Schlechter Scherz Skurrile Immobilienanzeige bietet Balkon der besonderen Art

Künftig weniger Aufschläge für Mieter bei Modernisierungen

Reiters rote Rosskur: Das fordert der Rathaus-Chef für München

Reiter mit Vorstoß für günstige Wohnungen: Fünf-Euro-Miete soll kommen

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Bluttat am Stachus: Männer gehen aufeinander los - dann zückt einer ein Messer
Bluttat am Stachus: Männer gehen aufeinander los - dann zückt einer ein Messer
Arnulfsteg bleibt ein Politikum: Stadt will Baufirmen verklagen - es geht um 8,4 Millionen Euro
Arnulfsteg bleibt ein Politikum: Stadt will Baufirmen verklagen - es geht um 8,4 Millionen Euro
Münchner betrieb Fake-Onlineshop und verursachte Millionen-Schaden - wurde er nur ausgenutzt?
Münchner betrieb Fake-Onlineshop und verursachte Millionen-Schaden - wurde er nur ausgenutzt?
E-Scooter während Oktoberfest verbannt - diese Sperrzonen gelten zur Wiesn
E-Scooter während Oktoberfest verbannt - diese Sperrzonen gelten zur Wiesn

Kommentare