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Die Schlange der Menschlichkeit: Tafel verteilt Lebensmittel für bedürftige Münchner & Flüchtlinge

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Noch mehr los als sonst: Neben den Stammgästen kamen am Samstag viele Ukrainer zur Tafel am Großmarkt.
Noch mehr los als sonst: Neben den Stammgästen kamen am Samstag viele Ukrainer zur Tafel am Großmarkt. © JENS HARTMANN (4)

Es war kein normaler Samstag bei der Ausgabestelle der Münchner Tafel am Großmarkt in Sendling. Denn seit tausende Flüchtlinge aus der Ukraine in München angekommen sind, bemerken auch die Helfer der Tafel einen besonderen Andrang. Ein Besuch vor Ort.

Die Schlange ist lang, deutlich länger als sonst: So viel Andrang gab es selten bei der Münchner Tafel. Rund 1250 Bedürftige haben am Samstag Lebensmittel bei der Ausgabestelle am Großmarkt abgeholt – mehr als 800 von ihnen ukrainische Flüchtlinge*, die Zuflucht in München* gefunden haben. Eine Riesen-Herrausforderung für die Tafel – deren Erwartungen haben sich bestätigt (wir berichteten). Stefan Horak von der Tafel schätzte schon um zehn in der Früh: „Heute wird sich die Besucherzahl mehr als verdoppeln…“

München: Tafel verteilt Lebensmittel für bedürftige Münchner & Flüchtlinge

Die Helfer haben schon ab acht Uhr morgens geackert, haben Brot, Obst, Gemüse und Hygiene-Artikel zurechtgelegt. Es gibt vieles, das zur Grundsicherung nötig ist. Grüne Taschen mit Malbüchern, Gummibärchen und Wasser werden an ukrainische Familien mit Kindern ausgegeben.

Die Koordination sei nicht einfach, erzählt der blaubeschürzte Helfer Peter Schreiber. Er steht am Eingang, kontrolliert die Gäste und erklärt den Ukrainern, wie die Ausgabe funktioniert. Die Flüchtlinge, die sich bei der Tafel mit Essen versorgen wollen, mussten sich eigentlich vorab anmelden. Am Ende waren am Samstag dann trotzdem rund 100 Flüchtlinge da, die nicht vorab Bescheid gegeben hatten – und die Tafel hat keinen von ihnen weggeschickt.

München: Mittlerweile kauft die Tafel viel selbst

Woher kommt das zusätzliche Essen? Horak erklärt: „Früher war die Hauptaufgabe der Tafel, Essen aus Geschäften vor der Tonne zu bewahren und es an Bedürftige weiterzugeben.“ Doch der Andrang wurde größer und größer. Heute kauft die Tafel viel selbst, „deshalb sind auch Geldspenden so enorm wichtig für uns, besonders jetzt“.

Die Stammgäste sollen nicht weniger bekommen, sie leben ohnehin schon am Existenzminimum. Peter Schreiber erzählt von einem Gast, der beim Anblick der vielen Menschen wieder gehen wollte: „Die Ukrainer brauchen das mehr als ich.“ Horak sagt aber: „Angst, dass man mit leeren Taschen nach Hause gehen muss, braucht keiner zu haben.“ Die Tafel-Leute haben deshalb diesmal im Zwei-Schicht-Betrieb gearbeitet, bis abends.

Allerdings: Kommenden Samstag werden wohl noch mehr Menschen kommen. Eine Vorab-Anmeldung wird daher zwingend nötig sein: Telefon-Hotline in ukrainischer Sprache unter 0800/200 44 60, besetzt am Donnerstag von 14 bis 15.30 Uhr.

München: „Die Hilfsbereitschaft hier in der Stadt ist sehr groß“

Angelika Rauber
Angelika Rauber. © JENS HARTMAN

Ich kann seit einem Unfall vor ein paar Jahren nicht mehr arbeiten – ich habe mir dabei das Genick gebrochen. Deswegen bin ich jetzt bedürftig und komme regelmäßig zur Tafel. Ich mache mir keine Sorgen, wegen der Situation um die ukrainischen Flüchtlinge weniger zu bekommen. Allerdings geht es in der Schlange deutlich langsamer voran als sonst. Außerdem tragen ein paar der Flüchtlinge ihre FFP2-Masken nicht ordentlich oder halten zu wenig Abstand. Angelika Rauber (61)

Julia Pysanenko.
Julia Pysanenko. © JENS HARTMANN

Ich bin aus der Ukraine geflohen und seit dem 8. März in München. Heute begleitet mich eine Freundin zur Tafel, die schon länger in Deutschland wohnt und die Sprache spricht. Die Hilfsbereitschaft hier in der Stadt ist sehr groß. Ich war völlig überrascht, wie viel Lebensmittel wir bekommen. Ich bin dankbar über so viel Großherzigkeit, die wir hier erfahren. Julia Pysanenko (39)

Rose Levi von Miller.
Rose Levi von Miller © JENS HARTMANN

Ich bin obdachlos. Das Essen, das ich von der Münchner Tafel bekomme, teile ich mit anderen Obdachlosen in der Stadt. Wir helfen uns hier gegenseitig. Ich bin in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Deshalb teile ich gerne und bin es auch gar nicht anders gewohnt. Sorgen, dass ich heute wegen des großen Andrangs weniger kriege als sonst, habe ich keine. Ich bin einfach froh um alles, was ich von der Tafel bekomme. Rose Levi von Miller (24) PETER SCHLINGENSIEF *tz.de und Merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

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