Serie: München neu entdecken

Aus dem Libanon geflohen - in Sendling heimisch geworden: Falafel-Meister bringt Beirut an die Isar

Die Gegend um den Viehhof, zum Beispiel den Bahnwärter Thiel, liebt der Gastronom Khudor Lamaa.
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Die Gegend um den Viehhof, zum Beispiel den Bahnwärter Thiel, liebt der Gastronom Khudor Lamaa.

Zuagroaste wie Khudor Lamaa zeigen in einer neuen tz-Serie ihren Blick auf München. Der 42-Jährige verzaubert seit 2012 Sendling mit libanesischen Köstlichkeiten.

München - Wer in Sendling* das Bistro „BeirutBeirut“ betritt, erlebt einen Kurztrip in den Libanon. Die Wände des kleinen Ladens an der Lindenschmitstraße sind mit Landschaftsfotografien aus dem Land am östlichen Mittelmeer dekoriert, aus Musikboxen erklingt rhythmische Musik aus dem Orient. Es duftet nach Falafeln, Fladenbrot und frischem Gemüse. „Für die Libanesen ist das Essen der Lebensmittelpunkt, das ist bei uns das Thema Nummer 1“, sagt Khudor Lamaa und grinst.

In Sendling steht Khudor Lamaas libanesisches Restaurant „BeirutBeirut“

Der 42-Jährige trägt kurze Jeans, Sandalen und Schiebermütze, die Ärmel seines blau-weiß-gestreiften Hemdes hat er hochgekrempelt, im Laden ist schließlich viel zu tun. 35 Jahre ist es nun schon her, seit er mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland floh und in München* eine neue Heimat fand. Schon Lamaas Vater betrieb in den 1970er-Jahren einen kleinen Imbissstand in der Beiruter Innenstadt und gab seine Leidenschaft so früh an seine Familie weiter.

Die Rezepte für seine leckeren Falafeln, die dem „BeirutBeirut“ zu großem Erfolg verholfen haben, nahm er selbstverständlich mit nach Deutschland: „Einmal im Monat hat er sich den ganzen Tag in die Küche eingesperrt und für uns Falafeln gemacht“, erklärt Lamaa mit einem Leuchten in seinen Augen. Seine Eltern kehrten später in den Libanon zurück und damit leider auch das geliebte Essen seiner Mutter. „Das war ein wichtiger Punkt in meinem Leben“, gesteht er. „Ich habe damals gemerkt, wie sehr mir das libanesische Essen fehlt.“

Sein „BeirutBeirut“ ist eine Institution im Viertel, auch nach dem Umzug an die Lindenschmitstraße.

Vor rund zehn Jahren reifte in seinem Kopf dann eine Idee: Er wollte das Essen seines Heimatlandes im Münchner Süden anbieten. „Das war dann schon ein Jahr intensive Vorbereitung“, schmunzelt er verlegen. Per FaceTime und Skype brachte ihm seine Mutter die wichtigsten Grundlagenrezepte bei, für die Falafeln war sein Vater zuständig. An der Sendlinger Valleystraße fand der Zuagroaste 2012 eine Heimat für sein kulinarisches Abenteuer. „Ich mochte es hier einfach“, berichtet der Gastronom, der damals im benachbarten Thalkirchen wohnte. „Das Gefühl hier, das war einfach richtig. An meinem ersten Laden habe ich mich den ganzen Tag an die Kreuzung gesetzt und das Treiben beobachtet.“

Die Sendlinger helfen Khudor Lamaa bei der Suche nach einem neuen Platz für sein Restaurant

Dort erlebt Lamaa allerdings auch seine schwerste Zeit: Ende 2019 bringt ein Brief Unruhe in den beliebten Imbiss – der auslaufende Pachtvertrag wird nicht verlängert. Die Sendlinger springen ihm zur Seite und helfen bei der Suche nach einem neuen Laden. „Das war moralisch ganz wichtig und hat mir ganz viel Kraft gegeben“, erklärt Lamaa, noch immer sichtlich bewegt. Ein Umzug in ein anderes Viertel kommt für ihn nicht infrage: „Es war klar: Wir bleiben hier. Nach all den Jahren und all dieser Unterstützung wollten wir hier nicht weg.“

Im Februar 2020 folgt dann die frohe Botschaft: Das „BeirutBeirut“ zieht an seinen heutigen Standort an der Lindenschmitstraße, bleibt dem Viertel erhalten. „In diesem Viertel verbringe ich sehr viel Zeit, mehr als zu Hause“, gibt er zu bedenken. „Also muss man sich wohlfühlen, sonst kann man seine Arbeit auf so lange Zeit nicht machen.“

Nach der anstrengenden Arbeit trifft man Lamaa oftmals im Sendlinger Südbad an, unweit seines ersten Standorts. „Schwimmen, Sauna – da kann ich mich wirklich mal rausnehmen und abschalten“, gesteht er mit einem breiten Grinsen. „Das ist ein zentraler Punkt, das Südbad ist hier nicht mehr wegzudenken.“

Der Fischmarkt in Sendling erinnert Lamaa an seine Heimat Beirut

Die Einkäufe für das „BeirutBeirut“ erledigt er meist in der Großmarkthalle, häufig fährt er mit dem eigenen Lastenrad aber auch zur Sortieranlage an der Oberländerstraße. Besonders der Fischmarkt „Bizim Balikci“ und seine Semmeln haben es ihm angetan: „Für mich ist das mittlerweile auch eine Institution in Sendling.“ Auf dem Markt fühlt sich der 42-Jährige oftmals an Beirut erinnert, nicht nur wegen des Fisches, der in der libanesischen Küche eine wichtige Rolle spielt. „Die Ecke dort vermittelt schon ein bisschen das Gefühl von einem Hafen.“

Als begeisterter Radfahrer schwärmt Lamaa zudem vom „Ritzel Kitzel“ an der Brudermühlstraße, einem kleinen Fahrradladen mit Werkstatt. „Ein ganz besonderer Laden mit einem sehr freundlichen Besitzer“, schwärmt er. „Dort werden alte Fahrräder zusammengebastelt und Bambusräder gebaut. Man kann immer vorbeikommen, egal, was man mit dem Radl hat.“

Im Südbad gibt es draußen einen Strömungskanal, drinnen lockt das renovierte 50er-Jahre-Ambiente.

Auch kulturell habe das Viertel viel zu bieten, wirbt Lamaa, besonders die Gegend um den Viehhof gefällt ihm sehr: „Auf diesem kleinen Gebiet spielen sich sehr viele verschiedene Dinge ab.“ Das Ambiente der Gegend erinnere ihn an das „alte München“. Weil die Gebäude in Fernsehserien der 80er-Jahre auftauchen, wecke der Viehhof in ihm nostalgische Gefühle. „Ich stelle mir dann immer vor, dass es hier wohl früher so ausgesehen hat.“ Eines ist auf jeden Fall klar: Sendling hat Lamaas Herz erobert. „Ich finde, das hier ist das urbanste Viertel Münchens“, unterstreicht er, während er aus seinem Laden auf die umliegenden Straßen blickt. „Es ist allgemein ein buntes Viertel – hier finden sich alle Schichten und viele Nationen wieder.“ *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Khudor Lamaas Tipps für Sendling

Sendling liegt am süd- bis südwestlichen Rand der Innenstadt und wurde 782 unter dem Namen „Sentilinga“ erstmals urkundlich erwähnt. Mit dem Kontrast von dichter Bebauung und großen Parkanlagen zählt das Viertel zu den abwechslungsreichsten Stadtbezirken Münchens.

Gegend um den Viehhof

Der Abschnitt zwischen Tumblingerstraße und Großmarkthalle ist so vielseitig wie Sendling selbst. Das neue Münchner Volkstheater (Tumblingerstraße 29) nimmt im Oktober den Spielbetrieb auf (www.muenchner-volkstheater.de), die Kulturfläche Bahnwärter Thiel (www. bahnwaerterthiel.de, Tumblingerstraße 29) ist mit ihren Veranstaltungen und der Essbahn Pflichtprogramm. Öffnungszeiten Essbahn: Montag von 17 bis 22 Uhr, Dienstag bis Donnerstag von 17 bis 24 Uhr, Freitag von 16 bis 1 Uhr, Samstag von 14 bis 1 Uhr, sonn- und feiertags von 14 bis 23 Uhr.

Südbad

Valleystraße 37. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 7 bis 22.30 Uhr, Samstag und Sonntag jeweils von 7.30 bis 23 Uhr. Eine Einzelkarte kostet fünf Euro, ermäßigt drei Euro (jeweils drei Stunden Schwimmzeit). Die Saunalandschaft hat täglich von 9 bis 23 Uhr geöffnet, der Eintritt inklusive Schwimmbadnutzung kostet 15 Euro (Saunierzeit vier Stunden). Weitere Informationen unter www.swm.de/baeder/schwimmen-sauna/suedbad.

Fischmarkt Bizim Balikci

Thalkirchner Straße 126, gelegen in der alten Sortieranlage zwischen Gotzinger Straße, Oberländerstraße und Thalkirchner Straße. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 9.30 bis 18.30 Uhr, Samstag von 9 bis 14 Uhr, Sonntag und Montag ist Ruhetag. Fischsemmeln to go gibt es in vielen Ausführungen, beginnend bei drei Euro für ein Matjesdoppelfilet.

Ritzel Kitzel Bike Shop

Brudermühlstraße 18. Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag von 15 bis 19 Uhr, freitags und samstags öffnet der Laden auf Nachfrage. Weitere Infos unter der Telefonnummer (089) 41 55 20 74 oder unter https://ritzelkitzel.com.

Libanesisches Bistro „BeirutBeirut“

Lindenschmitstraße 18. Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 11.30 bis 20 Uhr, Sonntag ist Ruhetag. Sitzplätze gibt es im Inneren und vor dem Laden. Für Veranstaltungen bietet das „BeirutBeirut“ einen Catering-Service an. Weitere Infos gibt es auf der Internetseite www.beirutbeirut.de und unter der Telefonnummer (089) 54 04 58 69.

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