„Niemand hat Schuld, außer der Täter“

Frau aus München nach Party vergewaltigt: Jetzt spricht sie über die schlimmste Nacht ihres Lebens

Natalia wurde mit 21 vergewaltigt. Viele Jahre konnte sie nicht darüber sprechen
+
Natalia wurde mit 21 vergewaltigt. Viele Jahre konnte sie nicht darüber sprechen.

Tausende von Vergewaltigungen gibt es pro Jahr in Deutschland. Natalia Z. hat es nach einer Partynacht in München getroffen: Sie erzählt, wie sie sich ins Leben zurückkämpfte.

München - Es geschah am hellichten Tag, diesen Sonntag mitten in Sendling: Eine 23-Jährige wird vergewaltigt, ganz in der Nähe der Großmarkthalle (wir berichteten). Ein Lastwagenfahrer hatte die junge Frau in sein Fahrzeug gezerrt, sich über sie hergemacht. Wenig später schnappt die Polizei den Täter. Gewalt gegen Frauen – jedes Jahr gibt es rund 10.000 Vergewaltigungen in Deutschland. Die Opfer kämpfen oftmals lebenslang mit den Folgen der Tat. Wir sprachen mit einer Münchnerin, die vor Jahren vergewaltigt wurde.

Natalia Zollitsch wird im August 29 Jahre alt. „Ich freue mich aufs Älterwerden“, sagt die Münchnerin. „Je älter man wird, desto mehr Erfahrungen sammelt man.“ Und je mehr Zeit vergeht zwischen heute und der schlimmsten Nacht ihres Lebens. Natalia wurde mit 21 Jahren vergewaltigt.

München: Vergewaltigung im Bekanntenkreis - „Meine Unbeschwertheit war weg“

Die Sendlingerin spricht mit fester Stimme. Wie oft ihr die schrecklichen Bilder dieser Nacht in Gedanken erschienen sind, kann man nur erahnen – laut ausgesprochen hat sie das Erlebte bis vor einigen Monaten noch nie.

„Wir waren feiern mit einer größeren Gruppe“, erzählt sie. Nach dem Clubabend habe sie mit ein paar Leuten bei einem Bekannten übernachtet. „Ich bin allein ins Büro gegangen, da war eine Couch.“ Dort schlief sie ein. „Ich bin aufgewacht, als jemand meine Beine gespreizt hat und mir die Strumpfhose zerrissen hat und sich auf mich gelegt hat.“ Schlaftrunken und verwirrt versuchte sie sich zu wehren, schrie den Angreifer an, aufzuhören. Doch sie hatte keine Chance. „Er hat mir den Mund zugehalten und mich vergewaltigt.“

Acht Jahre nach Vergewaltigung: „Niemand hat Schuld, außer der Täter“

Fast acht Jahre sind seither vergangen. Heute geht es der 28-Jährigen gut. Doch hinter ihr liegt ein harter Weg. „Mir fiel es am Anfang nicht schwer, die Sache zu verdrängen“, sagt sie. In dem Moment, wo sie Gedanken zuließ, ergriffen Schuldgefühle und Scham Besitz von ihr. War sie Schuld an dem, was passiert ist? Heute weiß sie: nein! „Niemand hat Schuld, außer der Täter.“

Sie vergrub die düsteren Gedanken tief in ihrem Inneren, machte einfach weiter, „ich habe funktioniert“. Sie studierte damals Biologie und Chemie auf Lehramt, hatte viele Freunde. „Aber meine Unbeschwertheit war weg.“ Sie fühlte sich leer, stellte ihr Leben in Frage, schmiss ihr Studium.

Vergewaltigt in München: Kampagne hilft Opfern von sexualisierter Gewalt

Sie begann eine Therapie. „Ich hatte depressive Neigungen. Mich hat nichts mehr glücklich gemacht.“ Woher die Leere in ihr kam, fand sie erst im Laufe der Therapie heraus. „Wir sind auf dieses Erlebnis gestoßen.“ Auf diese schreckliche Nacht, die sie so gut weggesperrt hatte, damit ihr die Gedanken daran ja nicht gefährlich werden konnten.

Heute weiß sie: „Emotionen zuzulassen bedeutet Stärke.“ Nach und nach fand sie wieder zu sich, orientierte sich beruflich neu und begann eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketing und Kommunikation. Die Kraft über ihr Schicksal zu sprechen, fand Natalia erst vor Kurzem. „Es war immer noch eine Barriere zwischen mir und meinen Liebsten. Die wollte ich einreißen.“

Also nahm sie all ihren Mut zusammen – und redete. Mit ihren Freunden, ihren Eltern. Und irgendwann sogar mit der ganzen Welt: Als Mitarbeiterin der „Agentur Mensch“ hat sie für den Frauennotruf München an der neuen Kampagne SPEAKUP mitgearbeitet. In dem Instagram-Video erzählen von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen ihre Geschichten. Mutig, stark und laut. Eine der Frauen ist Natalia.

Traumaberaterin erklärt, warum es so schwierig ist, über erlittene Gewalt zu sprechen

Der Frauennotruf München* hilft Frauen, die sexuelle Belästigung, Übergriffe und Gewalt erlebt haben. Traumaberaterin Theresa Schmeisz (33) erklärt im Interview, warum es für viele betroffene Frauen so schwierig ist, sich jemandem anzuvertrauen.

Frau Schmeisz, ist sexualisierte Gewalt gegen Frauen immer noch ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft?
Theresa Schmeisz: Leider ist das so. Das merken wir schon alleine daran, das jede siebte Frau in Deutschland in ihrem Leben von sexualisierter Gewalt betroffen ist. Nur die Hälfte davon spricht darüber.
Warum ist das so?
Schmeisz: Viele Frauen haben Angst, dass man ihnen nicht glaubt und die Schuld bei ihnen gesucht wird. Das erleben wir täglich in unserer Arbeit. Deshalb haben wir auch die Kampagne SPEAKUP gestartet.
Was soll die Kampagne bewirken?
Schmeisz: Sie richtet sich nicht nur an betroffene Frauen, sondern vor allem an die Gesellschaft. Wir wollen ein Bewusstsein für das Thema sexualisierte Gewalt* schaffen. Wir hoffen, dass sich möglichst viele Menschen auf die Seite der Betroffenen stellen und dass den Frauen geglaubt wird. Das ist so wichtig.
Wie viele Frauen melden sich beim Frauennotruf?
Schmeisz: Wir hatten telefonisch 1125 Erstkontakte im Jahr 2020. Davon waren 68,4 Prozent selbst betroffen, die anderen waren Angehörige oder Freunde.
Wie hilft der Frauennotruf?
Schmeisz: Wir unterstützen in allen Bereichen. Die Frau entscheidet. Es geht ganz viel darum, die Kontrolle zurückzubekommen. Manche können gar nicht darüber sprechen, andere möchten Unterstützung bei einer Anzeige oder Therapie. Die meisten Frauen melden sich erst Wochen, Monate oder sogar Jahre später. Daran sieht man wie groß die Hürde ist darüber zu sprechen.
Welche Schicksale haben die Frauen erlitten?
Schmeisz: Es gibt alles. Aber der Fall, dass eine Frau nachts im Park von einem Unbekannten überfallen wird, ist sehr selten. Der Großteil der Taten spielt sich im familiären Umfeld oder Bekanntenkreis ab.

(Daniela Pohl) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare