Wallraff deckt schlimme Missstände auf

tz-Report: Pflege-Schande im Münchenstift

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Das St.-Josef-Heim der Münchenstift gGmbH am Luise-Kiesselbach-Platz: Hier ermittelte das Team Wallraff undercover.

München - Die RTL-Sendung "Team Wallraff – Reporter Undercover" deckte erschreckende Missstände im Münchner Altenheim St. Josef auf. Was sagt der München-Stift-Chef dazu? Wie ist die Stimmung im Heim? Und wie geht es jetzt weiter? Der tz-Report:

Ein Bewohner starrt mit Hämatomen unter den Augen in die Kamera. Eine Seniorin liegt entkräftet am Boden. Ihre Pflegerin macht sich darüber lustig, statt zu helfen. Sie knipst sogar de­mütigende Fotos! Noch schlimmer: Eine Pflegerin stößt einen ängstlichen Mann grob in sein Bett. Diese schockierenden Bilder stammen aus dem Münchner Altenheim St. Josef in Sendling. 4,4 Millionen Zuschauer sahen sie am Montagabend auf RTL in einer neuen Folge von Team Wallraff – Reporter Undercover. Eine Woche nach den Burger-King-Enthüllungen ging es diesmal um die Missstände in Altenheimen. Der Münchner Fall ist wohl nur ein Beispiel von vielen. Aber: Jetzt gibt es einen Beweis für die Pflegeschande!

Das St.-Josef-Heim ist eines der größten von zwölf Häusern der städtischen Münchenstift-Einrichtungen mit insgesamt 1800 Mitarbeitern und 3000 Bewohnern. Am Tag nach dem Bericht wird klar: Justiz und Stadt wussten bereits von den Vorwürfen. Die Staatsanwaltschaft München I hat ein Ermittlungsverfahren gegen einen 22-jährigen Pfleger wegen des Vorfalls aus dem September 2013 eingeleitet, der den hämatomgeplagten 81-jährigen Bewohner misshandelt haben soll. Sprecher Peter Preuß sagt: „Der Verdacht hat sich aber nicht erhärtet. Das Verfahren wurde im Januar eingestellt.“

Laut Kreisverwaltungsreferat sei die Heimaufsicht (siehe unten) den ­Gewaltvorwürfen nachgegangen. Bezüglich der im Fernsehbericht dargestellten neuen Vorwürfe werde es „umgehend eine erneute Überprüfung“ geben.

Was sagt der München-Stift-Chef dazu? Wie ist die Stimmung im Heim? Und wie geht es jetzt weiter? Der tz-Report:

Interview mit dem Geschäftsführer: Die Hausleitung ist bereits gefeuert

Schläge gegen Bewohner, überforderte Pflegekräfte und sogar ein Polizeieinsatz im Heim St. Josef am Luise-Kiesselbach-Platz: Nach einem RTL-Bericht steht die Münchenstift gGmbH in der Kritik. Im tz-Interview stellt sich Geschäftsführer Siegfried Benker den Vorwürfen.

Siegfried Benker, Chef der Münchenstift

Am Montagabend sahen 4,4 Millionen Zuschauer auf RTL die Missstände in einem Ihrer Heime. Wie gehen Sie damit um?
Benker: Zunächst finde ich es grenzwertig, pflegebedürftige Menschen ungefragt in diesen intimen Situationen öffentlich zu zeigen. Der Fernsehbericht kam für uns auch ohne Ankündigung. Er zeigt eindeutige Situationen, die wir nicht tolerieren werden. Diese Szenen entsprechen nicht den Standards der Münchenstift gGmbH und machen mich auch persönlich betroffen. Deshalb werden wir unmittelbar reagieren und dafür sorgen, dass so etwas nie wieder vorkommt.
Was tun Sie konkret?
Benker: Wir werden auf alle Fälle bei den drei gezeigten Mitarbeitern personelle Konsequenzen ziehen. Wir haben aber auch schon lange vor der Ausstrahlung auf die Missstände reagiert. Die RTL-Aufnahmen stammen aus dem September 2013. Im Dezember habe ich bereits die Hausleitung entlassen und einzelne Kräfte auf anderen Positionen umgesetzt. Wir haben auch organisatorisch und personell in dem Wohnbereich reagiert, der in dem Beitrag gezeigt wurde. Mir ist wichtig zu betonen, dass es sich im Bericht nicht um aktuelle Verhältnisse handelt.

Auch die Polizei ermittelte im St.-Josef-Heim. Doch die Beweislage ist zu dürftig für eine Anklage.

Dennoch sind die Bilder erschreckend. In einer Szene muss sogar die Polizei eingreifen. Ein Hausbewohner trug eine Verletzung am Auge davon!
Benker: Dass die Beamten überhaupt ins Haus gerufen wurden, war eine direkte Anweisung von mir an die damalige Hausleitung, als ich von dem Hämatom erfahren hatte. Selbst RTL zeigte sich ja überrascht über die Polizei. Aber es gehört zu unserer Vorstellung von Transparenz und Aufklärung, dass wir entweder die Polizei, die Heimaufsicht oder Ärzte informieren, wenn wir den Eindruck haben, dass Missstände herrschen. Ich habe festgestellt, dass wir in einem ganzen Bereich tätig werden müssen.
Inwiefern haben Sie das anschließend getan?
Benker: Zum 1. Januar dieses Jahres wurde eine neue Hausleitung eingesetzt, und wir haben Strukturen verändert, um die Arbeitsbelastung besser zu organisieren. Dazu gab es Fortbildungsmaßnahmen und Schulungen. Zum 1.Juni stellen wir 50 neue Mitarbeiter als Präsenzkräfte ein, um die Pflege zu entlasten. Aber es gibt leider auch immer wieder Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter. Darauf reagieren wir. Und wir lernen daraus.

Warum hat die Stadt nichts gemerkt?

Das fragen sich viele, die den Bericht über das städtische Heim gesehen haben. Die Heimaufsicht des Kreisverwaltungsreferats spricht 2011 von einem „herzlichen Umgang der Mitarbeiter mit den Bewohnern“ im St.-Josef-Heim – wie kann das sein? „Ich war selbst schon dort. Wir haben Häuser, die uns mehr Bauchschmerzen bereiten“, sagt Rüdiger Erling, Chef der Heimaufsicht des KVR, zur tz. Aber er gibt zu: „Unsere Prüfungen erfolgen zwar ohne Ankündigung, aber nicht anonym. Das dürfen wir nicht. Da kommt es natürlich vor, dass sich das Personal von seiner besten Seite zeigt. Die Prüfung erfolgt stichprobenartig und kann kein Gesamturteil über das Haus sein.“ Macht die Prüfung dann überhaupt Sinn? „Ich verstehe die Kritiker – vielleicht sollte man noch mal über die Methoden nachdenken. Aber dieses Prüfsystem hat seine Grenzen. Und die Kontrolle ist prinzipiell nicht sinnlos: Dadurch haben wir zum Beispiel erreicht, dass in vielen Heimen weniger freiheitsentziehende Maßnahmen bei den Bewohnern erfolgen.“

Umfrage: "Lieber tot als in diesem Heim"

Peter Forstmeyer.

„Skandal!“, „Sauerei“, „schockierend!“ – am Tag nach dem Bericht über die Zustände im St.-Josef-Heim ist die Entrüstung bei Angehörigen, Bewohnern und Sendlinger Nachbarn groß. Die meisten wollen anonym bleiben. „Wenn die mein Foto sehen, kann ich doch gleich ausziehen“, sagt ein Bewohner zur tz. Auch Angehörige haben Angst, dass ihre Verwandten schlecht behandelt werden, wenn sie sich öffentlich äußern. „Der Bericht geht mir sehr nahe“, sagt die Sendlingerin Susanne Widmayer (74). „Das war so grausam, dass ich gegen Ende abschalten musste. Man hört viel – aber dass es so gravierend ist, hätte ich nicht gedacht. Da falle ich lieber daheim tot um, bevor ich ins Heim muss.“ Der Rentner Peter Forstmeyer (76), der sich im Heim immer zum Ratschen trifft, ist geschockt: „Das ist eine Riesen-Sauerei! Pfleger brauchen dringend mehr Geld, es muss mehr Personal geben.“ Ein Bewohner sagt: „Hier gibt es auch gutes Personal. Aber die Pfleger sind einfach alle überfordert.“ Eine ehrenamtliche Helferin fügt hinzu: „Das ist kein Problem dieses Heims, das Problem liegt im System.“

Wallraff: Das ist kein Einzelfall

Als Enthüllungsreporter eine Legende: Günter Wallraff (71) hat etliche Skandale aufgedeckt – Montag zeigte er bei RTL die Missstände im Pflegeheim Sankt Josef.

Herr Wallraff, Ihre Bilder haben viele Münchner erschüttert! 

Günter Wallraff wurde durch ein Enthüllungsbuch über die Bild-Zeitung berühmt.

Wallraff: Solche gravierende Missstände sind leider kein Einzelfall, sondern das Ergebnis sich breitmachender Zustände in den Heimen, unter denen immer mehr Betroffene zu leiden haben. Viele Angehörige und Pflegende bestätigen die Zustände.
Wo liegt das Hauptproblem? Wallraff: Die Pflegekassen sind fast leer, die Mittel fehlen in der täglichen Arbeit. Inbesondere private Betreiber versuchen oft, möglichst viel Geld herauszupressen.
Das Heim St. Josef gehört aber der Stadt München!
Wallraff: Das ist besonders erschreckend. Die Stadt ist in der Pflicht, die Sache jetzt nicht auszusitzen, sondern unmittelbar zu reagieren und unabhängige Kontrolleure in die Heime zu lassen sowie unter Umständen auch eine Mediation durchzuführen. Ich sehe viel Bürokratie. An erster Stelle muss der Beruf der Pflegenden aufgewertet werden, vor ihrer Leistung habe ich allergrößten Respekt. Sie sind aus meiner Sicht systematisch überfordert.

Herrschen in anderen Heimen ähnlich schlimme Zustände?

Wallraff: Uns erreichen seit der Ausstrahlung Hunderte von Fallschilderungen Betroffener, die Ähnliches oder Schlimmeres erlebt haben. Ich kann jedem nur raten, seine Angehörigen regelmäßig zu besuchen und mal einen ganzen Tag in einem Heim zu verbringen, um sich intensiv umzuschauen. Teure Heime sind auch nicht unbedingt besser.

Andreas Thieme, Nina Bautz

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