Katrin M. vor Haustür erstochen

Sendling-Mord: "Es war ein schrecklicher Zufall"

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Narco F. muss in die Psychiatrie.

München - Er tötete eine ihm völlig Fremde, um an ihre Wohnung zu gelangen – die Idee hatte er aus einem Computerspiel. Nun wurde der Mörder von Katrin Michalk vom Landgericht verurteilt.

Als das Urteil gesprochen ist, atmet die Mutter von Katrin Michalk tief durch. Sie hat es geschafft. Fünf Tage lang saß sie mit dem Mörder ihrer Tochter im selben Raum. Jetzt hat das Gericht entschieden: Marco F. (20) muss dauerhaft in die geschlossene Psychiatrie. Die Richter sind überzeugt, dass er die Tat begangen hat – doch der Prozess hat auch erwiesen, dass der Schüler psychisch krank und deshalb schuldunfähig ist. So folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft, Marco F. dauerhaft einzuweisen: „Die Öffentlichkeit muss vor ihm geschützt werden, weil er nach wie vor gefährlich ist“, sagt der Vorsitzende Richter Reinhold Baier.

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Der Prozess gegen den Schüler, der zum Tatzeitpunkt erst 18 Jahre alt war, fand weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Am Dienstag zur Urteilsverkündung werden die Türen wieder geöffnet – und Richter Baier versucht, das Grauen, das Katrin Michalk widerfahren ist, in Worte zu fassen. „Diese Tat ist auch für uns Juristen schwer nachvollziehbar“, sagt er. „Es war ein außerordentlich tragisches Geschehen.“

Wie berichtet war die 31-jährige Verlagsangestellte am Abend des 4. Januar 2013 auf dem Weg zu ihrer Wohnung an der Halskestraße (Obersendling), wo ihr Lebensgefährte auf sie wartete. Sie kam vom Fitnessstudio, hörte Musik – und bemerkte nicht, dass Marco F. sie verfolgte. An der Eingangstür zum Mietshaus griff er Katrin Michalk an, stach immer wieder mit einem Messer auf sie ein. 22 Mal, bis die Klinge abbrach. Dann flüchtete er. Sein Opfer starb noch im Hausflur. Ein Stich hatte das Herz getroffen. „Die Ärzte waren chancenlos“, sagt Baier.

Drei Wochen lang jagte die Polizei den Täter, doch erst ein Hinweis eines aufmerksamen Polizisten führte zu Marco F.: Der habe vor einiger Zeit erfolglos versucht, an eine Waffe zu gelangen, sagte der Beamte seinen Kollegen von der Mordkommission. Von Gewaltfantasien war die Rede. Und: Marco F. lebte nur wenige hundert Meter entfernt vom Tatort bei seiner Mutter. Als die Beamten ihn überprüfen wollten, fanden sie den Griff der Mordwaffe in einem Regal. „Ohne diesen Hinweis wäre die Tat vielleicht nie aufgeklärt worden“, sagt Baier. Dass ausgerechnet Katrin Michalk an diesem Abend sterben musste, sei „ein schrecklicher Zufall“ gewesen. „Es hätte jede andere Frau treffen können, die des Weges kam.“

Das Gericht geht davon aus, dass Marco F. spätestens seit April 2012 Mordfantasien hegte. Bereits seit seinem 15. Lebensjahr habe sich der Schüler immer mehr zurückgezogen und autistische Züge gezeigt. Er lebte in der gewalttätigen Welt seiner Computerspiele – in einem davon war es das Ziel, Leute umzubringen, um ihre Wohnung zu bekommen. Offenbar übertrug Marco F. dieses Spiel auf die Realität, als er zuhause ausziehen wollte. „Das klingt alles sehr bizarr“, sagt Richter Baier. „Aber es ist leider Gottes die bittere Wahrheit.“

Psychiatrische Gutachter kamen zu dem Schluss, dass Marco F. an einer „Psychose mit autistischem Hintergrund“ leidet. Deshalb gilt er als schuldunfähig und kann nicht im strafrechtlichen Sinne verantwortlich gemacht werden. Die Einweisung in die Psychiatrie ist zeitlich nicht begrenzt – Marco F. kommt erst wieder raus, wenn die Ärzte ihn für nicht mehr gefährlich halten. Er selbst reagiert vor Gericht auf nichts davon. Ohne ein Wort steht er am Ende auf, lässt sich Handschellen anlegen.

Nachdem er abgeführt worden ist, geht die Mutter von Katrin Michalk nach vorne. Sie will sich bei den Richtern bedanken, reicht allen zum Abschied die Hand – auch dem Verteidiger von Marco F. „Die Eltern haben hier großes Herz bewiesen“, hatte Baier kurz zuvor gesagt. Die Szene zeigt, wie Recht er damit hat.

von Ann-Kathrin Gerke

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