Sendlinger Original

Der Stemmerhof in München: Ein Dorf ohne Kühe

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Haben den Stemmerhof zu einem Zentrum in Sendling gemacht: Die Eigentümer Elisabeth Stemmer-Kunz und ihr Mann Walter Kunz.

Vor 25 Jahren wurde der letzte Milchviehbetrieb in der Münchner Innenstadt eingestellt – ein Besuch am Stemmerhof - mitten im Herzen von Sendling.

München - Draußen vor dem Hofladen geht es zünftig zu. Ein offenes Feuer flackert vor den hölzernen Stehtischen, an denen sich ein paar Gäste nach Feierabend auf ein Gläschen Wein getroffen haben. Bis 1978 verkaufte die Sendlinger Familie Stemmer hier in ihrem Hofladen noch eigene Milch, Sahne, Butter und Eier. Erst 1992, nach dem tragischen Tod des letzten Hoferben, gab die Familie die Landwirtschaft und die Milchviehhaltung mit zuletzt 46 Kühen endgültig auf. Damals war der Stemmerhof an der Plinganserstraße 6 der letzte landwirtschaftlich betriebene Bauernhof in der Münchner Innenstadt. Heute, ein Vierteljahrhundert später, gibt es den Hof noch immer – er wurde nur völlig neu erfunden.

„Aufzeichnungen aus dem Jahr 1666 zeigen, dass es sich damals bereits um einen Dreiseitenhof handelte mit Wohnung und Viehstallung unter einem Dach“, wissen die heutigen Eigentümer, Elisabeth Stemmer-Kunz und ihr Mann Walter Kunz. „Die davon getrennten Nebengebäude haben den Innenhof von drei Seiten umschlossen – so wie der Hof bis heute erhalten ist.“ Schon deswegen versprühen die kleinen Geschäfte und Gastrobetriebe, die heute in den Gebäuden sind, den ländlichen Charme von einst.

Die Bilder stammen laut Familie Stemmer aus den 40er- und 50er-Jahren, sind aber nicht genau datiert.

Auch die sogenannte Stemmerwiese, die heute der Stadt gehört, erinnert noch an die Nähe zum Bauernhof. Wo sich heute bei schönem Wetter die Anwohner in der Sonne rekeln, weidete bis in die 90er-Jahre noch das Vieh der Stemmers. Am Hang, der heute das Ende der Lindwurmstraße bildet, lagen im alten Sendling einst mehrere Bauernhöfe, dahinter erstreckten sich Felder. Ein großer Teil des Ackerlandes liegt im heutigen Westpark. Auch die Familie Stemmer hatte es im Vorfeld der Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) an die Stadt abgetreten.

„Man kann sagen, dass Sendling ein etwas wohlhabenderes Bauerndorf war“, sagt Klaus Huber, Gründungsmitglied des Historischen Arbeitskreises Sendling. Zwei, drei Mal im Jahr erzählt der ehemalige Stadtbaumeister aus Geretsried an der Volkshochschule die Geschichte vom Stemmerhof.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde dieser 1381, als der herzogliche Oberrichter Otto von Pienzau ihn dem Münchner Heiliggeistspital am Viktualienmarkt vermachte, in dessen Eigentum er fast 500 Jahre lang blieb. 1799 übernahm die Familie Stemmer den Hof und kaufte ihn 1864 dem Heiliggeistspital ab.

Einst mit Tram vor der Tür und Kühen auf der Wiese hinterm Hof: Der Stemmerhof war bis 1992 der letzte Milchviehbetrieb in Münchens Innenstadt.

Ein Schwerpunkt neben der Milchviehwirtschaft war der Anbau von Kartoffeln. Neben dem landwirtschaftlichen Betrieb hatte Georg Stemmer senior zudem Brennrechte erworben, die ihm erlaubten, aus seinen Kartoffeln in einer Brennerei in Großhadern Schnaps herstellen zu lassen.

Nach seinem Tod im Jahr 1991 übernahm Georg Stemmer junior als einziger Sohn den Sendlinger Hof. Doch nur ein Jahr später starb der junge Hoferbe im Alter von nur 27 Jahren bei einem Unfall an Christi Himmelfahrt direkt vor seiner Haustür. „Wenn der Schorschi nicht verunglückt wäre, hätten wir in Sendling sicherlich noch länger Viehwirtschaft gehabt“, ist sich Klaus Huber sicher. Doch so musste dessen Mutter Eva den Betrieb rapide zurückfahren. Nach ihrem Tod wurde das Gut unter den drei Schwestern aufgeteilt.

1998 hat Elisabeth Stemmer-Kunz gemeinsam mit ihren Ehemann Walter das Gebäude-Ensemble übernommen. Sie habe eine „starke Verbindung zum Hof“, erzählt Elisabeth Stemmer-Kunz. Ihr Mann, der selber aus der Immobilienbranche kommt, nickt zustimmend: „Meine Frau hat sich nicht davor gefürchtet, eine Ruine zu erben. Ihr Bestreben war es, nach dem Wunsch vieler Anwohner ein Dorfzentrum inmitten der Großstadt zu erschaffen.“

Ein erstes Experiment auf diesem Weg war ein Biomarkt, der 1998 zunächst in die Remise, die alte Wagenhalle, zog. „Das war der erste Schritt“, erklärt Walter Kunz, der die Geschäftsführung innehat. Schnell merkten beide: Ihre Idee mit dem Dorfplatz geht auf. Schrittweise wurden die Gebäude saniert, und weitere Geschäfte kamen über die Jahre hinzu: 22 Unternehmen auf 2300 Quadratmeter Gewerbefläche zählt Kunz heute zusammen.

So sieht der Stemmerhof heute aus.

Mit dem Sendlinger Berg Fischer, dem Sapori Originali, dem Hofladen und dem Stemmerhof-Restaurant schlägt hier inzwischen das Gastronomie-Herz Sendlings. Auf der Ars Musica-Kunstbühne finden regelmäßig Kulturveranstaltungen statt. Biomarkt, Malschule, Fahrradhändler, Tierarzt, Goldschmiede, mehrere Veranstaltungsräume: All das hat den ehrwürdigen Stemmerhof inzwischen zum Sendlinger Dorfkern gemacht. Auch ganz ohne Kühe.

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebookseite „Sendling – mein Viertel“.

Christina Seipel

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