Ring-Serie: Fünf neue Geschichten

Hier geht der Stern auf

Die Mercedes Benz Niederlassung aus der Sicht von der Donnersbergerbrücke

München - In der Serie zum Mittleren Ring erzählt die tz Geschichten rund um die wichtigste Straße der Stadt. Heute geht es entlang des Westparks bis zur Donnersberger Brücke.

Ohne diese 28 Kilometer würde der Verkehr längst kollabieren. Der Mittlere Ring ist die wichtigste Straße der Stadt. Aber wie lebt und arbeitet es sich eigentlich dort? Der Autor Florian Kinast und die Fotografin Judith Häusler machten sich auf eine Reise entlang der Bundesstraße 2R. Entdecken Sie neue Seiten des Rings in der großen tz-Serie!

Praktische Erfinder

Das Fraunhofer-Hochhaus ist vom Ring gut zu sehen.

In seinem Büro, ganz oben auf 75 Metern Höhe im 17. Stock, hat Präsident Raimund Neugebauer ein Fernrohr. Ein Original von Joseph von Fraunhofer. In seiner Heimatstadt wurde der Münchner Optiker (1787–1826) zum Namensgeber einer Straße, eines Theaters, einer Wirtschaft – und der Fraunhofer-Gesellschaft, Europas größter Organisation für angewandte Forschung und Entwicklung. Firmensitz ist seit 2003 der Glasbau an der Hansastraße, gleich neben dem Ring.

Das Ziel der 1949 gegründeten Gesellschaft ist, Ideen technisch so umzusetzen, dass Firmen sie praktisch nutzen können und auch die Allgemeinheit etwas davon hat. Es gibt in Deutschland 66 Fraunhofer-Institute an 40 Standorten, insgesamt beschäftigt es an die 22 000 kleine Daniel Düsentriebs mit jährlich 700 Erfindungen. Fast zwei pro Tag.

Im 17. Stock hat Raimund Neugebauer sein Büro, in dem ein Original-Fernrohr steht

Der Sachse Neugebauer ist seit 1. Oktober 2012 Präsident der Gesellschaft. „Die Menschen in Dresden und München sind sich ähnlich, sie ruhen in sich“, sagt er. „Ich sehe mich als Pendler zwischen zwei Perlen.“ Perlen bei den vielen Erfindungen gibt es viele. Von gestochen scharfen Projektionsflächen für Planetarien über antiseptisches Nanosilber zum Bakterienschutz an Medizingeräten bis hin zum TNT-Sensor bei der Sprengstoffsuche – alles aus dem Hause Fraunhofer. Die berühmteste Innovation aber war der MP3-Player, an dessen Forschung bereits Ende der Siebzigerjahre im Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen begonnen wurde. Die Komprimierung von Musikdateien, die Möglichkeit, Tausende von Liedern auf einen kleinen Computer für die Hosentasche zu speichern. Eine Revolution unter den Tonträgern. Heute hört die ganze Welt drauf. Klingt nicht schlecht.

Ständig unter Strom mit Draht zur Bahn

Die Münchner Filiale von Balfour Beatty an der Garmischer Straße 35

Wenn Andreas Feil (45) in seinem Firmengebäude aus dem Fenster schaut, dann sieht er vor sich ein Stück vom Mittleren Ring und links hinten Richtung Westpark die Schrebergärten. Noch viel schöner aber, rechts liegt der Bahnhof Heimeranplatz, die Eisenbahntrasse Richtung Großhesselohe und Wolfratshausen. Über den Schienen hängen seine eigenen Erzeugnisse. Die elektrifizierten Oberleitungen. Feil sorgt dafür, dass die Bahn unter Strom steht. Als Entwicklungsleiter für Fahrleitungssysteme bei Balfour Beatty. „Wir versorgen alles, was mit Strom fahren kann“, sagt Feil. Von der U-Bahn in München über die Bahn im neuen Gotthard-Tunnel in der Schweiz bis zu Hochgeschwindigkeitsstrecken in China.

Andreas Feil, Leiter Entwicklung Führungssysteme und Beate Mohr, Referentin für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit bei Balfour Beatty

Balfour Beatty, 1909 gegründet von George Balfour und Andrew Beatty. Hauptsitz des Konzerns ist London, das Unternehmen ist heute weltweit einer der Marktführer in Planung, Realisierung, Wartung von Bahnstrecken, Gleisbau, Signaltechnik, Energie. Jahresumsatz rund neun Milliarden Euro. Die Münchner Filiale von Balfour Beatty Rail verbaute 2012 in Deutschland 214 000 Meter Fahrdraht, befestigt an 2350 Masten, Neubaustrecken gab es vor allem bei der Elektrifizierung im Öffentlichen Nahverkehr.

Dazu gibt es interessante Jugendarbeit. Wie an der Bergmannschule im Westend fördert der Konzern Projekte für die soziale Entwicklung der Kinder. Integrationskurse, Werteerziehung, Sport-aktivitäten. Hat zwar nichts mit Eisenbahn zu tun, hilft aber, um für die Zukunft der Kinder die richtige Weiche zu stellen.

Leben in himmlischer Ruh’

Ach ja, die alten Zeiten, früher. Dabei war es früher nicht besser. Es war nur lauter. Vor dem Haus an der Trappentreustraße 41, der Wohnung der Familie Heiland.

Seit den Achtzigerjahren fahren die Autos unterirdisch, und die Anwohner in dem Haus leben in himmlischer Ruhe

Franz Heiland ist 77, seine Frau Gisela 75, hier wohnen sie seit 1955. Das waren Zeiten, in denen hier noch die Trambahn vorbeifuhr, die Linie 22 vom Harras über die Donnersbergerbrücke zum Rotkreuzplatz. Sie fuhr bis 1970, das Jahr, in dem das vierte und jüngste Kind der Heilands kam. Dann kam auch der Ring, die Trappentreustraße wurde auf eine Breite von fast 40 Metern ausgebaut. „Der Lärm und der G’stank“, sagt Heiland, „das war nicht zum Aushalten. Da hast nicht lüften können.“ Laut war’s aber auch durchs geschlossene Fenster. „Da hast schon die Laster g’hört, wenn sie von der Kazmairstraß’ übers Kopfsteinpflaster gerumpelt sind.“ Dann haben beim Herrn Heiland sogar der Werkzeugkoffer gescheppert und die vielen kleinen Schubladen. Franz Heiland war von Beruf nämlich Schreiner, und manchmal dachte er sich, bei denen da draußen sind wohl alle Schrauben locker.

Gisela und Franz Heiland wohnen seit 1955 an der Trappentreustraße und wollen hier „bis zum Schluss“ bleiben

Dann machte die Stadt nach langen Diskussionen aber Nägel mit Köpfen, baute Anfang der Achtziger-jahre den Trappentreutunnel. Jetzt ist längst Ruhe, statt 135 000 Fahrzeugen kommen am Tag nur noch 3000 vorbei. „Seit 30 Jahren hamma Ruhe, das ist eine große Freud’“, sagen beide. „Das ist unsere Heimat, hier bleiben wir, bis zum Schluss.“ Sie haben es hier jetzt auch himmlisch, die Heilands.

Historische Fotos: So sah der Mittlere Ring früher aus

Historische Fotos: So sah der Mittlere Ring früher aus

Zweimal Land in Sonne

Vom Ring aus sieht man wenig – außer einer langen Lärmschutzwand. Ist aber auch verständlich. Die dahinter wollen schließlich ihre Ruhe haben, die aus der Schrebergartenanlage Land in Sonne.

Gastronom Nikola Lulic versorgt die Gartler auf der Ostseite des Rings

Land in Sonne, einer der größten Kleingartenvereine in ganz Bayern, einer mit langer Geschichte, seit 1932, lange vor dem Ring. Der Ring kam 1973 und schlug eine schmerzhafte Schneise in die heile Kleingartlerwelt. Zwölf Jahre nach dem Mauerbau in Berlin trennte nun die sechsspurige Garmischer Straße die Anlage in Ost und West. Heute gibt es links und rechts des Rings Land in Sonne I und Land in Sonne II, es gibt miteinander 535 Parzellen und zwei Gaststätten.

Von der Garmischer Straße aus sieht man nur die Lärmschutzwand, die die Gärten schützt

Die auf der Ostseite hat Nikola Lulic gepachtet, er ist 71 und Kroate mit reichlich Gastro-Erfahrung. Er war früher mal im Vereinsheim vom FC Wacker und im Hotel Post in Weßling. Seine Frau Franziska kredenzt Spezialiäten aus Bayern und vom Balkan, Schweinsbraten und Rahmschwammerl, Raznjici, Cevapcici. Laufkundschaft, die sich zufällig hierher verirrt, gibt es nicht, seine Gäste sind die Gartler. Darum, sagt er, ist das Geschäft sehr wetterabhängig. Offen ist täglich von 10 bis 23 Uhr, aber in den Monaten Mai und Juni gab es Tage, wo selbst die hartgesottensten Kleingärtner daheim blieben. Da hatte Herr Lulic in den 13 Stunden nicht einen einzigen Gast. Das lag am Dauerregen. Da war das Land nicht in Sonne. Da war Land unter.

Hier geht der Stern auf

Die Mercedes Benz Niederlassung aus der Sicht von der Donnersbergerbrücke

Weg von hier? Am Ende Richtung Konzernzentrale im Schwäbischen? Undenkbar. Berufsbedingt hat Ulrich Kowalewski (57) viele Telefonate mit den Kollegen am Stammsitz Stuttgart. „Wenn ich während der Gespräche durchs Fenster Richtung Süden schaue“, sagt er, „bei Föhn die Berge sehe, dann denke ich: Besser geht es nicht als hier.“ Hier, als Chef der Niederlassung von Mercedes Benz an der Donnersberger Brücke.

Am Dach geht der Stern auf: Ulrich Kowalewski vor dem Firmenwahrzeichen

Ein optimaler Standort für Bergblicker, aber auch für Sterngucker. 150 000 Autos fahren jeden Tag am Haus vorbei – mit dem sechs Meter hohen Benz-Stern am Dach. Das riesige Logo sieht auch Kowalewski täglich. Er wohnt am Wörthsee, kommt täglich von der Lindauer Autobahn. Fährt er aus dem Trappentreutunnel, geht der Stern auf. Mehr als 15 000 Autos werden hier jedes Jahr in dem von Architekt Peter Lanz erbauten 65 Meter hohen Gebäude verkauft, im Dezember gibt es an der Westfassade seit 2004 immer einen Adventskalender, jeden Tag erstrahlt ein Fenster mit einem anderen Benz. Ulrich Kowaleski gibt zu, dass das nicht seine Idee war. Sondern die seiner Frau.

Kürzlich hatten sie ihr Fest zum Zehnjährigen, es war recht harmonisch, auch der jahrelange Streit um den Stern ist beigelegt, weil die Stadt gemeint hatte, das Trumm am Dach sei unerlaubte Werbung. „Inzwischen ist das geklärt“, sagt Kowalewski, der sich neulich mit OB Ude im Franziskaner traf. „Zu einem Stern-Friedens-Weißwurstessen“, sagt er. Da gab dann nochmal jeder seinen Senf dazu. Dann war die Sache vom Tisch.

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