Stadtteil-Serie

Viertelbewohner erzählen: So verwandelt sich Sendling

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Gabi Duschl-Eckertsperger lebt seit 48 Jahren in Sendling.

Wie sich München wandelt, welche Traditionen Bestand haben und welche Großprojekte anstehen - das erzählen uns Viertelbewohner in unserer großen Stadtteil-Serie.

München - München ist ein großes Dorf. Wirklich, stimmt das noch? Wo’s in der Millionenstadt familiär und beschaulich zugeht und wo Althergebrachtes schon verloren gegangen ist, wissen die Menschen in den Vierteln am besten. Oft sind es die kleinen lokalen Initiativen, die darum kämpfen, dass München lebens- und liebenswert bleibt. Hier wird eine Grünfläche gerettet, dort ein Kulturprojekt realisiert – auch wenn die Stadtteilbewohner manchmal machtlos sind: Mammut-Projekte wie der Bau ganzer Quartiere verändern das Zusammenleben in der Stadt – zunehmende Verkehrsbelastung und steigende Mieten sind die Schattenseiten des München-Booms. Wie sich unsere Heimatstadt wandelt, wohin die Reise in den einzelnen Vierteln geht, wo Altes noch Wert und Bestand hat und wo Neues entsteht, das lesen Sie in dieser Woche in unserem großen Stadtteilcheck.

Das alte Sendling verschwindet

Als Gabi Duschl-Eckertsperger vor 48 Jahren an den Sendlinger Kirchplatz zog, wusste sie gleich: Dieser Platz ist ein Juwel. Heute wohnt sie immer noch dort.

Im angestammten Viertel alt werden – ein Glücksfall, der vielen Sendlingern nicht mehr zuteil wird, bedauert die Mitbegründerin der Sendlinger Kulturschmiede.

„Wir haben das Glück, dass wir viel genossenschaftlichen und Gesellschaftswohnungsbau haben. Aber auch bei uns in Sendling findet vielfach die Umwandlung in Eigentum statt. Und die Tagesbedafsversorgung bleibt auf der Strecke – Einkaufsläden werden abgerissen. Ich spreche nicht von den kleinen Milliläden an der Ecke, die gibt es schon lange nicht mehr, sondern von normalen Supermärkten wie zum Beispiel dem ehemaligen ,Netto‘ an der Lindenschmitstraße.“

Gabi Duschl-Eckertsperger lebt seit 48 Jahren in Sendling.

An der Daiserstraße 22, wo sich die Kulturschmiede seit fast 40 Jahren befindet, sei ganz früher einmal ein Metzger drin gewesen. Danach habe sich die KPD/ML (Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten- Leninisten) dort getroffen. „Die Leute haben uns lange mit den Kommunisten in Verbindung gebracht“, sagt Duschl-Eckertsperger und lacht. Sie selbst habe nie „Berührungsängste“ mit den Kommunisten gehabt. Der Kapitalismus unserer Zeit macht die 71-Jährige wütend. Jüngste Bausünde im Viertel: der Abriss des im Jahre 1929 erbauten Kinos „Sendlinger Lichtspielhaus“ an der Oberländerstraße (s. unten rechts). Duschl-Eckertsperger, Anwohner und der Bezirksausschuss hatten vergeblich versucht das Haus über den Denkmalschutz zu retten – ohne Erfolg. „Jetzt werden Wohnungen gebaut. Aber nicht für unsereins. Unser Protest war massiv, aber er hat leider nichts genutzt.“

Und doch gibt es noch Ecken des alten Sendlings. „Die Stemmerwiese ist für mich ein kontemplativer Ort, wo ich zur Ruhe komme. Bis vor 30 Jahren standen da noch Kühe.“ Dass es die Wiese noch gibt, ist zum großen Teil der Verdienst der Bürgerinitiative „Sendlinger Berg“, bei der auch Duschl-Eckertsperger mitmischte. Die Bürger verhinderten in den 1970er-Jahren, dass die Bundesstraße B12 durchs Viertel zum Sendlinger-Tor-Platz geleitet wird. „Der Westpark ist nichts anderes als die bereits ausgehobene Baugrube für die B12.“

Gemeinsam gegen den Mietwucher

Pfarrerin Andrea Borger sieht die ansteigenden Mietpreise im Stadtteil mit Sorge. „Dass dermaßen mit Wohnraum spekuliert wird, ist auch in Sendling ein Problem.“ Seit zwölf Jahren ist die 56-jährige Pfarrerin der Sendlinger Himmelfahrtskirche an der Kidlerstraße. Was ihr über die Jahre aufgefallen ist: „Früher gab es in Sendling mehr Familien mit größeren Kindern. Ich denke, dass heute viele Familien gezwungen sind wegzuziehen, wenn die Kinder älter werden und eine größere Wohnung gebraucht wird. Sie finden hier nichts mehr Bezahlbares.“

Willkommen! Pfarrerin Andrea Borger schätzt den guten Zusammenhalt in Sendling.

Dass sich gierige Spekulanten und Immobilienhaie auf Kosten der Menschen bereichern, ärgert die Seelsorgerin. „Die arbeiten mit allen juristischen Tricks. Das macht mich wütend.“

Auch die Himmelfahrtskirche leistet ihren Beitrag im Kampf gegen die Wohnungsnot: Im Dachgeschoss des alten Gemeindehauses lebt eine Flüchtlingsfamilie. Der Zusammenhalt im Stadtteil sei sehr gut. „Ich schätze die Gemeinschaft hier sehr. Man muss nicht einsam sein im Viertel! Die Kulturlandschaft ist vielfältig, und wir haben eine bunte Mischung aus Jung und Alt im Stadtteil.“

Wohnen, wo früher ein Kino war

Stefan Caspari verfolgte „Winnetou“ noch auf den bereits etwas abgewetzten roten Kino-Sesseln des Sendlinger Lichtspielhauses. Der heute 65-Jährige wuchs in der Aberlestraße auf. Als sieben- bis achtjähriger Bub besuchte er mit seinen Eltern das Stadtteilkino an der Oberländer- Ecke Danklstraße. „Das war damals ein richtiges Event“, sagt der Fotograf und Kunstmaler. „Wir hatten mehrere Kinos in Sendling. Das Lichtspielhaus war im Vergleich zu dem am Harras weniger prunkvoll und etwas düster. Überhaupt war die Gegend recht dunkel.“

Stefan Caspari ging als kleiner Bub hier ins Kino. Jetzt wurde das alte Sendlinger Lichtspielhaus abgerissen.

Anfang des 20. Jahrhunderts nach Plänen des Architekten Otto Heilmann errichtet, öffnete das Sendlinger Lichtspielhaus am 5. Dezember 1929 seine Türen. Die „Bayerische Staatszeitung“ bemerkte zur der Eröffnung, dass die Straßenfronten des neuen Kinos „die moderne Baugesinnung zum Ausdruck“ brächten. Doch 1969 war es dann vorbei: Das Fernsehen machte vielen Stadtteilkinos den Garaus. Das Lichspielhaus schloss 1969.

Dass das Gebäude Wohnungen weichen muss, findet Caspari schade. „Man hätte das Haus erhalten und ein Veranstaltungszentrum einrichten können.“

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Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebookseite „Sendling – mein Viertel“.

Daniela Schmitt

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