Oktoberfest-Albtraum geht weiter

Von Gaffern auf der Wiesn brutal verprügelt: Sendlinger kämpft noch immer um sein Bein

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„Der Täter hat genau gewusst, wie er mich schwer verletzen kann.“

Weil er Zivilcourage zeigte, wurde ein Sendlinger auf dem Oktoberfest brutal verprügelt, sein Bein dabei zertrümmert. Jetzt, drei Monate später, ist immer noch völlig unklar, ob er sich jemals wieder vollständig von den schweren Verletzungen erholen wird.

Bierzelte und Fahrgeschäfte sind längst abgebaut, auf der Theresienwiese werden inzwischen Christbäume und Glühwein verkauft. Winter-Tollwood statt Wiesn. Doch für Manni Gläser ist das Oktoberfest noch lange nicht vorbei. „Ich träume immer wieder davon – leider“, erzählt der 56-Jährige der tz. Und wenn er aus dem Bett flüchtet, erinnern ihn die Schmerzen an seinen letzten Wiesn-Besuch im September. Er endete im Operationssaal, weil ihm brutale Schläger grundlos das Bein zertrümmert hatten. Drei Monate später steht weiterhin in den Sternen, ob er sich jemals vollständig von der schweren Verletzung erholen wird. Die Täter kamen ungestraft davon.

Rückblende: Gemeinsam mit Kollegen hat Gläser den Nachmittag auf der Wiesn verbracht. Gegen 16.30 Uhr ist der Sendlinger gerade auf dem Heimweg, als er in der Wirtsbudenstraße auf Höhe des Hacker-Zelts Zeuge eines Notarzteinsatzes wird. Ein Mann mittleren Alters war zusammengebrochen – möglicherweise ein Herzinfarkt. Doch statt zu helfen, machen einige Gaffer Handy-Videos, versperren heraneilenden Sanitätern den Weg. Gläser versucht, dem Patienten etwas Platz zu verschaffen, beugt sich zu ihm hinunter. „Dann habe ich plötzlich einen stechenden Schmerz gespürt, bin zusammengesackt. Ich wollte wieder aufstehen – keine Chance.“

„Der Täter wusste genau, wo er hintreten muss“

Sein Bein war zertrümmert – genauer gesagt der Schienbeinkopf knapp unterhalb des Kniegelenks. „Die Polizei hat mir gesagt: Der Täter wusste genau, wo er hintreten muss, um möglichst großen Schaden anzurichten. Das war profimäßig“, berichtet Gläser. „Der Täter muss mit aller Kraft zugetreten haben“, sagt Privatdozent Dr. Martin Lucke, erfahrener Chefarzt im Chirurgischen Klinikum München-Süd, der früheren Rinecker-Klinik der tz. „Jedenfalls kommt eine solche Verletzung nur durch brachiale Gewalteinwirkung zustande.“

Im Operationssaal sollte sich das ganze Ausmaß herauskristallisieren: Der Schienbeinkopf ist praktisch gesprengt, an einer Stelle wie zerbröselt. Das Ärzteteam um Dr. Lucke muss den Defekt mit allogenem Knochenmaterial auffüllen und unterfüttern – so nennen Experten Spenderknochen von einem Toten.

Fast drei Stunden sind sie damit beschäftigt, den Schienbeinkopf wieder zu rekonstruieren. Mithilfe spezieller Operationstechniken können die Chirurgen trotz des großen Defektes die umgebende Durchblutung schonen, um ein Zusammenwachsen der Knochenfragmente zu ermöglichen. „Blut bringt Leben, und nur was lebt, kann heilen“, erklärt Dr. Lucke. Zum Abschluss stabilisieren die Operateure den Bruch mit einer langen Metallplatte und sechs Schrauben.

Der Patient und seine Ärzte: Manni Gläser mit Amelie Borck und Dr. Martin Lucke, der ihn federführend operierte.

„Herr Gläser war nicht der einzige schwere Wiesn-Fall an diesem Tag“, erinnert sich Assistenzärztin Amelie Borck. „Wir hatten das Übliche: mehrere Schädelverletzungen nach Maßkrugschlägereien und einen Patienten, der fünf oder sechs Meter die U-Bahn-Treppe heruntergestürzt ist.“ Die dunkle Seite des größten Volksfests der Welt eben.

Wenn es im nächsten Herbst wieder eröffnet, wird Gläser vermutlich immer noch an den Folgen seiner Verletzung zu knabbern haben. „Es ist schwer zu sagen, ob sich sein Knie vollständig erholen wird. Das hängt auch vom Zustand des Knorpels ab“, erläutert Dr. Lucke. Sicher ist dagegen, dass sein Patient noch über Monate zur Physiotherapie gehen muss. „Ich trainiere drei bis vier Mal pro Woche.“

Überwachungskameras zeichneten nichts Verwertbares auf

Der Heilungsprozess ist ein zähes Unterfangen – immer wieder mit Rückschlägen verbunden, weil das lädierte Bein nur ein gewisses Maß an Belastung zulässt. Wochenlang konnte der Studio-Tontechniker nicht arbeiten. „Nach maximal zwei Stunden sind die Schmerzen im Sitzen einfach zu groß geworden.“ Die Metallplatte, die sein Bein zusammenhält, kann erst nach eineinhalb bis zwei Jahren entfernt werden. Dazu muss sich Gläser erneut unters Messer legen.

Während er also weiterhin täglich mit den Folgen der feigen Tat konfrontiert wird, hat die Polizei die Angelegenheit längst zu den Akten gelegt – notgedrungen, wie Gläser inzwischen von den zuständigen Kripobeamten in der Türkenstraße erfahren hat: „Es gab zwar im Bereich des Tatorts mehrere Überwachungskameras, aber die haben leider nichts Verwertbares aufgezeichnet.“ Die Ermittlungen der Polizei sind eingestellt worden.

Trotzdem würde Gläser wieder genauso handeln wie bei seinem letzten Wiesn-Besuch: „Ich kann doch einen Menschen, der Hilfe braucht, nicht einfach liegen lassen.“ Der Sendlinger hat für diese Einstellung einen hohen Preis bezahlt. Aber eine Gewissheit sollte ihn zumindest ein bisserl trösten: Charakter zu zeigen in Situationen, in denen andere wegschauen, ist sehr viel wert.

Video: Die Gaffer schlugen einen weiteren Mann bei dem Einsatz nieder

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