Ist das noch unser München? Teil 7 der Serie

Zwischen Isarauen und Platzangst im Bierzelt: Wie gemütlich ist München noch?

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Mit Freunden gemütlich im Biergarten sitzen - so stellt man sich das Münchner Lebensgefühl vor.

Auch in München wird der Alltag der meisten Menschen immer hektischer – und doch scheint es in München gemächlicher zuzugehen als anderswo.

München! Da denkt man an eine Mass Bier am Chinaturm, Lederhosn und die Frauenkirche vor der unverrück­baren ­Alpenkulisse. Aber auch an der Landeshauptstadt geht der Wandel der Zeit nicht spurlos vorüber. Wie viel München steckt ­eigentlich noch in München? In der großen tz-­Serie „Ist das noch ­unser München?“ ­gehen wir ­dieser Frage auf den Grund. Die heutige ­Ausgabe dreht sich um die Gemütlichkeit. Läuft das Leben in München noch gemächlicher ab als anderswo? Was genau ist Gemütlichkeit – und wie heimelig fühlen sich die Münchner?

Lesen Sie hier die anderen Folgen unserer Serie „Ist das noch unser München?“

Auch in München wird der Alltag der meisten Menschen immer hektischer – durch Termindruck, ständige Erreichbarkeit oder auch den zunehmenden Verkehr. Und doch scheint es in München gemächlicher zuzugehen als anderswo, wie diese Fakten zeigen. 

Acht Fakten zum Takt der Stadt

Ab zum Flaucher! ­München ist die Stadt mit den ­meisten Sonnen­stunden in ganz Deutschland

Münchner sind am gesündesten

Die Münchner sind am wenigsten krank! Das belegt der aktuelle ­Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK. Demnach waren an ­jedem Arbeitstag in München im Schnitt 2,7 Prozent der Arbeitnehmer krankgeschrieben. In Bayern lag der Krankenstand dagegen bei 3,4 und bundesweit sogar bei 3,9 Prozent. „Das liegt auch an der ­hohen Lebensqualität und dem ­hohen Freizeitwert der Stadt“, sagt Münchens DAK-Chef Günter Köll.

Top Lebensqualität

München ist die Stadt mit der höchsten Lebensqualität in Deutschland. Das zeigt die jüngste Untersuchung der Unternehmensberatung Mercer. Für die Studie werden jedes Jahr ins Ausland entsandte ­Mitarbeiter von Firmen befragt – sie beurteilen 231 Großstädte nach verschiedenen Kriterien. Im internationalen Vergleich landet München auf Platz vier – hinter Wien, Zürich und Auckland.

Stadt der Bankerl

Gemütlich dasitzen und schauen – das kann man in München besonders gut. ­Laut dem ­Kartenanbieter OpenStreetMap stehen in der Stadt rund 4700 Bankerl, also rund 3,3 pro 1000 Einwohner. Damit steht – oder sitzt – München im Vergleich gut da: In ­Berlin sind es nur etwa 2,2 Bänke pro 1000 Einwohner, in Hamburg sogar nur 1,9.

Lieber gemächlich joggen

Beim Joggen lassen es die Münchner gemächlich angehen: Laut der Fitness-App Strava brauchen die Läufer in der Landeshauptstadt im Schnitt 5:37 Minuten pro Kilometer, drei Sekunden mehr als die Berliner und sechs Sekunden mehr als die Hamburger.

Hier lebt’s sich länger

Laut den aktuellsten Zahlen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung für Kinder, die 2015 geboren wurden, in Deutschland 80,9 Jahre. In ­München lag sie im selben Jahr nach Angaben des Statistischen Amts bei 82,5 Jahren. Macht etwa eineinhalb Jahre mehr Lebenszeit!

Stadt der Langsamfahrer

In München gibt es laut Stadt etwa 330 Tempo-30-Zonen, das entspricht 80 bis 85 Prozent des Straßennetzes. Damit ist München die Stadt der Langsamfahrer. Zum Vergleich: In Köln sind es nur etwa 50 Prozent, in Berlin und Hamburg rund 70 Prozent.

Auf der Sonnenseite

In München scheint deutschlandweit am meisten die Sonne.

Sonne macht glücklich – und davon scheint den Münchnern besonders viel auf den Bauch! Laut ADAC und Deutschem Wetterdienst München ist die Landeshauptstadt mit 18 555 Sonnenstunden innerhalb von zehn Jahren die sonnenreichste Stadt Deutschlands, gefolgt von Stuttgart (18 476) und Rostock (18 306).

Mir redn gmiatlich

In einer Studie ließ der Leipziger Germanist Matthias Hahn Menschen an 99 Orten den gleichen Text vorlesen. Das Ergebnis: Der Münchner Sprecher ist mit durchschnittlich 3,6 Wörtern pro Sekunde der langsamste Sprecher ­Bayerns und auch langsamer als der Bundesdurchschnitt (3,8 Wörter pro sekunde). Aber: Die Studie zeigt lediglich Tendenzen auf. Hahn: „Das Sprechtempo hängt in hohem Maße von situativen und emotionalen Faktoren ab.“

Wo fühlen wir uns wohl?

Gemütlichkeit – ein schwer fassbarer Begriff. Schließlich bedeutet er für jeden etwas anderes: das Wohnzimmer, das Stammlokal oder auch das Sonntagsfrühstück… „Gemütlichkeit ist ein Gefühl des Wohlbefindens, das wir mit Plätzen, Orten, Situationen verbinden“, erklärt Bernhard Leipold, Professor für Gesundheitspsychologie an der Universität der Bundeswehr München.

München empfinden viele Menschen als eine gemütliche Stadt. „Hier spielt zum Beispiel die Natur eine große Rolle und die Lebensqualität. Für manche ist auch die Tradition ein Grund, dass München so ­gemütlich ist“, sagt der Experte. Viele ­Menschen empfinden Wirtshäuser als ­gemütlich. Das liegt vor allem daran, dass man einen Besuch dort mit gewissen Erwartungen an die Küche und Gepflogenheiten verbindet – und was man kennt, empfindet man als angenehm: „Wenn man nicht überrascht werden will, geht man dorthin. Man glaubt zu wissen, worauf man sich einlässt.“ Allerdings sei Gemütlichkeit wie jedes Gefühl kein Dauerzustand – und deshalb so wertvoll.

Psychologe Bernhard Leipold

Kein Platz für Kartler?

Für viele alteingesessene Münchner ­gehört das Karteln zu einer gemütlichen Wirtshausrunde einfach dazu. Doch mittlerweile sind die Kartler in vielen Gaststätten sehr ungern gesehen – manche verbieten das Spielen sogar ganz. „Es wird immer schwieriger“, sagt Wilhelm Blum (73), der ­Ehrenvorsitzende des Ersten Schafkopfvereins München. „Manche Wirtshäuser freuen sich, wenn wir kommen, aber es werden weniger.“

HB-Schafkopfer Kurt Stangl, Gerhard Stuber, Rudolf Margeth, Paul Ebner (v.l.)

Im Hofbräuhaus trifft sich jeden Mittwochmittag der „1. Oldie Fanclub 2000 ÜFÜ“ zum Essen, Trinken – und zum Schafkopfen. „Jede Woche sind wir hier, spuin Kartn, und dringa des guade Bier“, so lautet ihr Wahlspruch, der auch auf den eigenen Stammtisch-Bierdeckeln ­abgedruckt ist. „Das Hofbräuhaus ist ­eines der wenigen Wirtshäuser in der Münchner ­Innenstadt, in dem man überhaupt noch schafkopfen darf“, erklärt Paul Ebner (69), von ­Beginn an Mitglied bei den ÜFÜs. Auch im Schneider Bräuhaus im Tal, im Augustiner Bürgerheim im Westend oder in der Gaststätte Rumpler im Glockenbachviertel sind Kartler noch sehr willkommen.

„Für mich bedeutet es Gemütlichkeit, wenn ich mit Freunden zusammensitzen, ratschen und karteln kann, auch gern mal ohne Frau“, sagt Paul Ebner. „Wir sind ja alle Bayern-Fans, da geht es natürlich oft um Fußball.“ Das Leben in der Landeshauptstadt sei nicht mehr so gemütlich wie früher, findet Rudolf Margeth (73): „Wenn man jemanden auf der Straße getroffen hat, konnte man direkt eine Halbe mit ihm trinken gehen, sowas gibt’s heute nicht mehr. Alles ist hektischer geworden.“

Hier lebt die gute alte Zeit

An einem hat sich für Bedienung Traudl Specht (81) in all den Jahren nichts geändert: Das Hofbräuhaus ist für sie immer noch so gemütlich wie eh und je. Seit 45 Jahren schleppt sie hier Masskrüge und Haxen an die Tische. „Die Stimmung ist einfach unvergleichlich.“

Das berühmteste Wirtshaus der Welt ist für viele Münchner und Nicht-Münchner der Inbegriff von Gemütlichkeit. „Traditionen werden wieder geschätzt – und besonders viele davon findet man im Hofbräuhaus“, sagt Hofbräuhaus-Sprecherin Sabine Barthelmeß.

Traudl Specht (81) bedient seit 45 Jahren im Hofbräuhaus. Das Foto links zeigt sie in der heutigen Schwemme – so wie auf der Postkarte oben sah es dort früher aus. Viel hat sich nicht verändert.

Seit 1607 steht das Hofbräuhaus am Platzl, einst nur dem Hofstaat vorbehalten, seit 1828 auch offen fürs Volk. Täglich spielt Wirtshausmusik, die Speisekarte ändert sich kaum, und die Einrichtung ist historisch: So stehen in der Schwemme noch original Stühle aus dem Jahr 1897! In jenem Jahr wurde das Hofbräuhaus nach dem Umbau durch Architekt Max Littmann neu eröffnet.

Der Erhalt des Althergebrachten ist gewollt: „Deshalb geht der Gast ja ins Hofbräuhaus“, sagt Traudl Specht. Das kommt an: Während etwa in Wirtshäusern wie dem Hofbräukeller oder Löwenbräukeller allmählich die Stammtische aussterben, nehmen sie im Hofbräuhaus sogar zu. Im Jahr 2005 trafen sich etwa 120 Stamm­tische regelmäßig am Platzl – heute sind es schon 150!

Mit ihren 81 Jahren ist Traudl eine der ältesten Bedienungen im Hofbräuhaus. „Als ich anfing, dachte ich, ich bleibe keine drei Wochen, weil so viel zu tun war. Aber dann bin i pappn geblieben.“ Ihre Stammgäste kennt sie bestens. „Vielen stelle ich einfach so ihr Lieblingsessen und -getränk auf den Tisch.“

Die Gäste machen für Traudl die Atmosphäre aus: „Was wäre das Hofbräuhaus ohne die Menschen darin?“ Allerdings hätten Unverträglichkeiten zugenommen. „Heute muss man manchmal fast studiert haben, damit man denen sagen kann, was sie vertragen“, scherzt Traudl Die Münchner aber seien noch immer diegleichen: „Sie granteln wie eh und je. Das gehört dazu.“

Das sagen die Münchner

„Eigentlich finde ich München sehr gemütlich, vor allem den Viktualienmarkt. Hier schlendere ich gern herum oder sitze einfach und genieße und beobachte Leute. Allerdings habe ich ein bisschen Angst davor, dass es bald nicht mehr so sein wird, da es Pläne gibt, den Viktualienmarkt umzubauen. Dann ist es sicherlich nicht mehr so gemütlich. Ich wohne auf dem Land und komme sehr gern und immer wieder nach München um die Stadtluft zu schnuppern.“

Christine Deischl (56), Erzieherin aus Zeilern

André Bandel (86), Rentner aus Schwabing

„Für mich ist München heute viel gemütlicher als noch vor 20, 30 Jahren, da sich der Verkehr in der letzten Zeit erheblich beruhigt hat. Dadurch, dass man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln überall hinkommen kann, ist es weniger hektisch. Deshalb habe ich auch mein Auto hergegeben. Am gemütlichsten finde ich den Englischen Garten, den Chinesischen Turm und vor allem das Hofbräuhaus. Dort lerne ich Leute aus der ganzen Welt kennen und das Bier schmeckt auch.“

André Bandel (86), Rentner aus Schwabing

Ronny Schulz (38), im Vertrieb aus der Maxvorstadt

„Ich wohne seit 12 Jahren in München und finde die Stadt fast schon zu gemütlich. Ich komme aus der Nähe von Berlin und im Vergleich dazu ist München wie ein lang gezogenes Dorf. Es hat zwar Charme, aber wenn man sich für alternative Partys und Konzerte interessiert, muss man schon in eine andere Stadt fahren. Wohl fühle ich mich am Langwieder See und auf meinem Balkon. Für mich ist München die geeignete Stadt zum Gebären und Sterben.“

Ronny Schulz (38), im Vertrieb aus der Maxvorstadt

Christina Suwald (38), Bürokauffrau aus Se ndling und Birgit Edhofer (26), Einkäuferin aus Schwabing

„Einige gemütliche Orte gibt es in München schon, zum Beispiel den Olympia-Park, den Englischen Garten oder den Gärtnerplatz. Die Innenstadt ist überhaupt nicht gemütlich. In letzter Zeit sind die Leute immer mehr geworden, überall wird gebaut, es entstehen neue Wohnblocks, Nischen und Plätze. Grundsätzlich ist München sehr schön, aber manche Orte sollte man abends einfach meiden, zum Beispiel den Hauptbahnhof, den Stachus und den Ostbahnhof.“

Christina Suwald (38), Bürokauffrau aus Sendling und Birgit Edhofer (26), Einkäuferin aus Schwabing

„Ich wohne seit 10 Jahren in München und finde die Stadt sehr gemütlich, das merkt man zum Beispiel auch an den Arbeitszeiten, die gehen ja meistens nur von 9-18 Uhr, die Läden haben bis 20 Uhr geöffnet. In letzter Zeit ist mir der enorme Touristenzuwachs aufgefallen. Ich wohne zum Beispiel sehr zentral, und wenn ich abends noch eine Kleinigkeit im Supermarkt besorgen muss, dauert das meist ewig, weil alles so voller Menschen ist. Meine Lieblingsorte in München sind der Englische Garten und der Flaucher. Da kann man schön die Seele baumeln lassen.“

Daniela Zilic (29), Assistentin einer Anwaltskanzlei aus Sendling

Text: Christina Meyer, Judith Kohnle

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