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Wo steht dieses Sklaven-Haus?

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Wer kennt dieses Haus? So beschreibt die Chinesin das Anwesen, in dem sie eineinhalb Jahre als Zwangsprostituierte eingesperrt war. © Polizei

München - In der Vorstellung der Chinesin Jiang C. (38; Name geändert) war Deutschland der sichere Hafen. Das Land der Glücklichen, in dem alle Menschen in Wohlstand und Sicherheit leben.

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Ihr dagegen drohte in China die Zwangssterilisation und der finanzielle Ruin, weil sie mit drei eigenen Kindern gegen die staatlich verordneten Ein-Kind-Ehe verstoßen hatte. Da verließ Jiang C. Mann und Kinder, gab all ihr Geld (umgerechnet 3000 Euro) einem Schleuser und floh nach Deutschland. Im Münchner Asylbewerberheim in der Baierbrunner Straße (Sendling) bekam sie ein Zimmer.

Glücklich war sie nicht, aber sie fühlte sich endlich wieder sicher. Wie hätte Jiang ahnen sollen, welch unfassbares Martyrium ihr bevorstand – so schlimm, dass sich selbst langjährige Ermittler an keinen vergleichbaren Fall erinnern können. Bei der Klärung dieses Verbrechens setzen Hauptkommissar Ralph Irlbauer und Kriminalkommissar Stefan Süß vom Kommissariat 35 (Organisierte Kriminalität/Menschenhandel) nun auf die Hilfe der Münchner. In der Baierbrunner Straße lernte Jiang C. am 13. März 2007 einen Landsmann kennen, der der Chinesin eine seriöse Arbeit mit guten Verdienstmöglichkeiten in Aussicht stellte.

Ob sie sich das mal anschauen wolle? Erfreut stieg Jiang in sein Auto ein. Die Fahrt ging durch die Stadt: „Es war viel Verkehr. Am Anfang sah ich viele hohe Häuser eng nebeneinander. Dann wurde der Verkehr weniger und die Häuser immer kleiner, bis sie ganz frei da standen,“ schilderte Jiang später diese Fahrt. Sie erinnert sich, dass sie an einem typisch deutschen Restaurant vorbeifuhren: „Da sitzen die Leute an langen Holztischen und essen Schweinshaxe,“ erklärte ihr Begleiter.

Das fand Jiang sehr lustig. Es sollte ihr letztes fröhliche Lachen sein für eine sehr lange Zeit. Nach etwa 30 Minuten – die Polizei geht davon aus, dass die beiden das Stadtgebiet bzw. den Landkreis München nicht verlassen haben – hielt der „Jobvermittler“ vor einem cremefarbenen Einfamilienhaus. Ahnungslos folgte ihm Jiang über die Schwelle. Sie sah mehrere Landsleute und Asiaten, darunter auch Frauen. Der Chinese dirigierte sie ins Dachgeschoss. Dort oben in einem karg möblierten Zimmer – Bett, Tisch, Stuhl, Dusche, Waschbecken – ließ er die Maske fallen. Zu spät erkannte Jiang, dass sie in die Falle gegangen war. Sie war jetzt eine Prostituierte – gezwungen, täglich mehrere Freier zu bedienen. Weigerung zwecklos.

Unverhohlene Morddrohungen gegen sie selbst und auch ihre Familie in der Heimat verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Tür ging zu. Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Die Schritte entfernten sich. Es wurde still. Jiang war allein. So allein wie noch nie in ihrem Leben. Am Anfang weinte sie noch. Dann ergab sie sich apathisch in ihr Schicksal. Niemals durfte sie ihr Zimmer verlassen. Das Dachfenster war ihre einzige Verbindung zur Außenwelt. Es zu öffnen, laut zu schreien – das wagte sie nie. Selbst dann nicht, wenn sie das junge Paar mit dem kleinen Kindergarten-Kind im Nachbarhaus sah. Die vielen asiatischen und europäischen Männer, die in den folgenden Monaten mehrmals täglich zu ihr kamen, nahm sie gar nicht mehr wahr.

Ihre einzige Bezugsperson in dieser Zeit war ein Landsmann, den sie gehorsam Quiang Gu („Großer Bruder“) nannte, weil er sie mit Essen, Kleidung und dem Allernotwendigsten versorgte. Erst im August 2008 – 17 Monate nach ihrer Entführung – konnte Jiang fliehen. Über die Umstände schweigt die Polizei. Jiang tauchte in Karlsruhe auf – physisch und psychisch gebrochen. Sie brauchte Monate, bis sie über ihr Martyrium sprechen konnte. Sie ist jetzt an einem sicheren Ort, wird psychologisch betreut. Glücklich wird sie wohl nie mehr werden. Selbst als zwangsprostituierte Frau hat sie in der chinesischen Kultur ihr Gesicht verloren. Sie ist jetzt eine Verstoßene, die ihre Kinder nie mehr sehen wird.

So soll der Täter aussehen:

Chinese, ca. 40 Jahre alt, 175 cm groß, gepflegte, weiße, gerade Zähne, sportliche Figur mit kleinem Bauchansatz. An der linken Hand hatte er einen goldenen Ring mit rechteckiger Form und/oder Muster. Nordchinesische Aussprache.

So wird das Sklaven-Haus beschrieben:

Vor dem Haus standen zwei Mülltonnen (schwarz und gelb). Die Garage hatte ein alufarbenes Tor. Die Eingangstüre war aus Holz. Rechts davon war ein relativ großes Fenster, an dem der Rolladen geschlossen war.

Das Haus hatte zwei Stockwerke und ein Dachgeschoss. Das Anwesen war mit einer helle Cremefarbe gestrichen. Die Ziegel waren rot, das Dach hatte ein Dachfenster. Auffällig: Im Wohnzimmer stand eine weiße Couch und im Gang bemerkte die Chinesin relativ viele Schuhe. Vom Wohnzimmer aus konnte man in den Garten gehen.

So soll der Garten aussehen:

Ein dunkelbrauner Holzzaun/Lattenzaun (mindestens ein Meter hoch) führt um das gesamte Grundstück. Der Zaun schloss mit der Garage ab. Der Garten war verwildert. Vom Haus weg gesehen war links ein Laubbaum, der Rasen war nicht gemäht. Im Garten standen weiße Stühle und ein weißer Plastiktisch, etwas näher am Haus standen weiße Plastikstühle schlampig gestapelt.

Das Nachbarhaus (in der Zeichnung nur angedeutet) war deutlich nach hinten versetzt und vom Aufbau ähnlich. Im Tatzeitraum (2007/08) soll dort ein jüngeres Ehepaar mit einem Kind im Alter von ca. 3 – 5 Jahren gewohnt haben.

Zeugenaufruf:

Personen, die dieses Haus kennen, werden gebeten, sich beim Polizeipräsidium München, Kommissariat 35, (Telefon 089/2910-0), oder bei jeder anderen Polizeidienststelle zu melden.

Dorita Plange

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