Rückfällig trotz Fußfessel

Sextäter muss wieder in Sicherungsverwahrung

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Kurz vor der Urteilsverkündung wird Andreas R. in den Saal geführt.

München - Er missbrauchte trotz elektronischer Fußfessel ein kleines Mädchen – jetzt hat das Landgericht entschieden: Andreas R. (42) muss nicht nur ins Gefängnis, sondern auch in Sicherungsverwahrung. Aus dieser war er 2012 entlassen worden – und nur vier Monate später rückfällig geworden.

Die Geschichte des Sexualstraftäters Andreas R. (42) ist eine, die in Bayern für viel Aufruhr gesorgt hat. Als landesweit erster Täter wurde er 2012 mit einer elektronischen Fußfessel aus der Sicherungsverwahrung entlassen – und nur vier Monate später trotz strenger Auflagen rückfällig. Er, dessen Aufenthaltsort ständig überwacht wurde und der sich Kindern nicht nähern durfte, missbrauchte ein siebenjähriges Mädchen. Was folgte, war eine politische Debatte über Sinn und Unsinn der elektronischen Fußfessel – und ein Prozess, der weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Zum Schutz des Opfers. Und des Täters. Doch gestern, am letzten Verhandlungstag, waren sie wieder da, die Zuschauer und Kamerateams. Um zu hören, wie die Geschichte ausgeht.

Als Andreas R. in den Saal geführt wird, trifft sein Blick ganz kurz die Kameras. Dann hält er sich eine Zeitung vor das Gesicht, wendet den Journalisten den Rücken zu. Regungslos hört er wenige Minuten später sein Urteil vom Vorsitzenden Richter Stephan Kirchinger: Erstens: Schuldig des schweren sexuellen Missbrauchs und des Verstoßes gegen Weisungen während der Führungsaufsicht. Zweitens: Drei Jahre und sieben Monate Haft. Drittens: Sicherungsverwahrung.

Es ist der dritte Punkt, den die zwei Verteidiger von Andreas R. bis zuletzt verhindern wollten. Sie hatten 22 Monate Haft gefordert, ohne die anschließende Verwahrung. Später werden sie sagen, dass sie das Urteil möglicherweise anfechten wollen.

Doch vorher ist es an Richter Kirchinger, die Entscheidung zu begründen. In anderen Gerichtsprozessen stehen Zuschauer an diesem Punkt häufig auf und verlassen den Saal. Dieses Mal bleiben sie sitzen. Kirchinger redet in langen Sätzen, geht an einigen Punkten in juristische Feinheiten, doch die Botschaft ist deutlich: „So viele Kriterien für die Sicherungsverwahrung, wie hier auf den Angeklagten zugetroffen haben, findet man selten“, sagt er. Von Andreas R. seien erhebliche Straftaten zu erwarten: „Das, was wir hier zu beurteilen haben, ist der Anfang.“

Der Anfang – das sind Berührungen, die Andreas R. dem siebenjährigen Mädchen an ihrer Brust und ihrem Gesäß aufzwang. Wie berichtet, hatte er die Mutter des Kindes im April 2012 kennengelernt und bei ihr übernachtet. Nachts schlich er sich in das Zimmer des Kindes, streichelte es und fragte die Siebenjährige auf obszöne Weise, ob sie wisse, was Geschlechtsverkehr sei und ob er ihr das zeigen solle. Die Aussage des Kindes, die per Video gezeigt wurde, wertete die Kammer als „in vollem Umfang glaubhaft“. Andreas R. hatte behauptet, er habe einen möglichen Missbrauch des Kindes durch den leiblichen Vater aufdecken wollen.

Doch Andreas R., auch das erwähnt Kirchinger, ist schon einmal weit über diesen „Anfang“ hinaus gegangen. Im Jahr 1999 wurde er wegen Missbrauchs seiner Stieftochter verurteilt: „Damals kam es zum Geschlechtsverkehr“, betont Kirchinger. Andreas R. teste aus, wie weit er bei Kindern gehen kann. Gutachter bescheinigten ihm eine „pädophile Nebenstörung“ und eine Persönlichkeitsstörung. Die Therapierung, sagt Kirchinger, sei eine Sache von Jahren, für die die Strafhaft keinesfalls ausreiche. Zudem sei R. zuletzt „sehr schnell nach seiner Entlassung wieder rückfällig geworden“.

Es ist diese Entlassung, die zum Auftakt des Prozesses scharf kritisiert wurde – und die Vertreter der Justiz selbst als unbefriedigend, aber nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts notwendig bezeichnet hatten. Dass eine Fußfessel einen Rückfall nicht verhindern kann, war vielen klar. „Besser als nichts“, hieß es. Weil seine Entlassung nicht gut vorbereitet war, musste Andreas R. in ein Obdachlosenheim ziehen. Dadurch sei er wieder in sein „dissoziales Umfeld“ zurückgekehrt, sagt Kirchinger: „Die Möglichkeiten, sich aus diesem Umfeld herauszuhalten, wurden ihm nicht an die Hand gegeben.“

Die Geschichte von Andreas R. geht nun hinter Gefängnismauern weiter, bis ihn Gutachter für nicht mehr gefährlich halten. Als er zuletzt dort war, lehnte er eine Therapie ab.

Von Ann-Kathrin Gerke

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