1. tz
  2. München
  3. Stadt

Keine „Zugabe“-Rufe, kein großer Jubel: Helene-Fischer-Spektakel ist zu viel des Guten

Erstellt:

Von: Armin Rösl

Kommentare

Schlagerqueen Helene Fischer hat in München ein großes Konzert gegeben. Doch die Größe des Musik-Spektakels mit 130.000 Fans war zu viel des Guten.

München - Gerne wird, will man die Bedeutung von historischen Großereignissen herausstellen, die Frage gestellt: „Wo warst Du, als...?“ Für die Frage „Wo warst du, als Helene Fischer am 20. August 2022 ihr größtes Konzert vor 130 000 Menschen in München gespielt hat?“ bietet Deutschlands Schlagersuperstar die Antwort gleich selbst im Refrain von „Null auf 100“.

Es war ihr letztes Lied nach knapp zweieinhalb Stunden Konzert auf dem Messegelände in Riem, die Zeilen gehen so: „Und der Himmel bricht auf / Komm, wir dreh’n richtig auf / Und die Wolken leuchten für uns beide hell in Neonfarben / Eines Tages werden wir sagen: Du und ich, wir war’n dabei“.

Helene Fischer-Konzert in der Messe Riem: Fans jubeln, tanzen und hüpfen zu den Songs

Zigtausende haben das am Samstag um kurz vor 22.30 Uhr gesungen, dazu fröhlich gehüpft, getanzt und danach gejubelt. Kurz. Wie den ganzen Abend – während eines Songs kommt hier und da ein klein wenig Stimmung auf, das Lied ist aus, Applaus, Stille. Nächstes Lied, bitte. Irgendwas fehlt.

Mit 130 000 Zuschauern ausverkauft meldet der Veranstalter für das einzige Helene-Fischer-Konzert in diesem Jahr. Zweifellos eine fulminante One-Woman-Show, die Sängerin schwebt per Schwenkkran oder Seilzug (bei letzterem in teilweise atemberaubendem Tempo) über das Publikum im vorderen Bereich, singt in luftiger Höhe auch mal kopfüber, zurück auf der Bühne tanzt sie mit ihrem Ensemble in Perfektion.

Helene Fischer fliegt bei Konzert in München durch die Lüfte: Mehr Schlager geht nicht

Das erste Mal fliegt Schlager-Superwoman Helene beim zweiten Song „Jetzt oder nie“ durch den abklingenden Nieselregen und irgendwie durch zwei Welten: Im Westen des Konzertgeländes blinzelt nach stundenlangem Regen die Sonne hervor, die Wolken reißen auf. Im Osten hat sich vor den abziehenden dunklen Wolken ein Regenbogen gebildet. Unter dem in diesem Moment Helene Fischer schwebt. Mehr Schlager geht nicht.

Am 5. August ist sie 38 geworden, nach Corona- und Babypause singt, tanzt, läuft und fliegt sie durchtrainiert wie eh und je. „Ich ziehe immer wieder den Hut vor ihr, ich bin ein großer Fan von ihr“, flötet ihr Ex Florian Silbereisen, der als Überraschungsgast auf der Bühne wenige Sekunden vorm Start die Schlager-Queen ankündigt. Später, nachdem die Königin das Lied „Volle Kraft voraus“ gesungen hat, in dem sie die Trennung verarbeitet, haucht sie ein „Schön, dass du da bist, Flo“, ins Mikrofon.

Helene Fischer-Konzert in München: Der Funke springt nicht über

Eines ist unumstritten: Goldmedaille für Helene Fischer in der Disziplin „Schlagersport mit Akrobatik“, gäbe es diese bei den gleichzeitig stattfindenden European Championships. Nur: Es funzt nicht. Da kann sie noch so tolle und bis in den kleinen Zeh durchchoreografierte Tanzeinlagen mit ihrem Team darbieten, da kann sie noch so himmlisch durch die Lüfte schweben, da kann sie noch so herrlich von Liebe und Leidenschaft singen, da kann noch so viel Feuerwerk und Lasershow die Bühne in verschiedene Lichter tauchen – der Funke springt nicht über.

Das beste Beispiel zum Schluss des regulären Sets: Helene Fischer verlässt mit Artisten und Band die Bühne, es folgt: nichts. Keine „Zugabe“-Rufe, kein lang anhaltender Jubel. Stattdessen strömen viele zur U-Bahn, der Rest wartet und unterhält sich wie schon so oft die zweieinhalb Stunden. Das war es: Jeder hört Helene Fischer eher für sich als im großen Ganzen. Weil dieses große Ganze viel zu groß ist. Dennoch kehrt die Sängerin noch einmal auf die Bühne zurück für zwei letzte Lieder („Luftballon“ und „Null auf 100“).

Konzert von Helene Fischer in München: „Gesehen hat man nicht viel“

Nicht jeder Superlativ ist wirklich super – zum Beispiel für jene, die auf den VIP-Tribünen ganz hinten, gegenüber der Bühne, sitzen und dafür knapp 600 Euro bezahlt haben. Eine kleine Figur tanzt und singt irgendwo dort vorne, erzählt eine Frau hinterher von ihren Eindrücken. „Gesehen hat man nicht viel.“ Gut, dass riesige Leinwände aufgestellt waren, auf denen die Helene-Fischer-Show übertragen wurde. So fühlt sich das Mega-Konzert denn auch an: Wie ein netter Abend vorm Fernseher.

Da helfen auch Sätze wie „Ich bin heute nur für euch da!“, „Das ist ein epischer Abend!“, „Das ist die unfassbarste Show für mich überhaupt!“ oder „München, das werde ich nie vergessen!“ wenig, die Helene Fischer zwischendurch tapfer ins Mikrofon ruft. Klar, hier hat sich jemand einen Traum erfüllt. Aber diese Gigantomanie ist zu viel des Guten.

Helene Fischer spielt Konzert in München: Es fehlt die gemeinsame Ekstase im Publikum

Manchmal erinnert es an Autokino, nur ohne Auto: Es fehlt der große Gemeinschaftsmoment, die gemeinsame Ekstase auch mit den Künstlern auf der Bühne. Als Fischer während des Konzerts dem Veranstalter Klaus Leutgeb namentlich dankt für diese Möglichkeit der großen Show, gibt es mehr Buhrufe als Applaus. Die Buhrufe wären vermutlich noch lauter ausgefallen, hätten viele Tausende Besucher da schon gewusst, welches Chaos sie auf dem Heimweg, insbesondere vor den U-Bahnstationen, erwartet.

Nichtsdestotrotz: Der „Zirkus Helene“ auf der Bühne hat geliefert. Makelloser Gesang, makellose Körper, makellose Tanz- und andere Einlagen, makellose Musik: Schlager-Superwoman Helene Fischer bietet Eins-A-Fernsehglanz auf der Bühne. Dazu gehört am Ende die Frage „München, seid ihr ready?“ bevor sie noch einmal in den Korb des Schwenkkrans steigt und „Atemlos“ singt.
Aber auch hier: Die Energie kommt bei einem solchen Großereignis nicht bis in die letzte Faser des Körpers an. Zumal nicht jedes Lied das Zeug zur Ekstase hat. Das aber ist ein anderes Thema.

Helene Fischer-Konzert in München: Nächste Auftritte in Bayerns Landeshauptstadt nächstes Jahr

Es war hoffentlich ein einmaliges Giganto-Gastspiel dieser Art. Lieber ein Gastspiel des „Zirkus Helene“ an fünf Abenden hintereinander an kleinerer Stätte, wo jeder ein viel intensiveres Livekonzertgefühl erlebt. Hierfür gibt’s nächstes Jahr zwischen 26. September und 1. Oktober in der Olympiahalle die Gelegenheit.

Schlusswort: Wer die Frage „Wo warst du, als Helene Fischer....?“ beantwortet mit „Ich habe mir zuhause einen gemütlichen Fernsehabend gemacht und eine alte Folge der Helene-Fischer-Show angeschaut“, hat nicht alles falsch gemacht.

Unser München-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Isar-Metropole. Melden Sie sich hier an.

Dabei gewesen? Teilen Sie es uns mit.

Auch interessant

Kommentare