Sicherheitsreport 2016 der Münchner Polizei 

Jahr der Gewalt: Straftaten in München nehmen wieder zu

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In der Maxvorstadt kam es zu einer Schießerei wegen eines Beziehungsdramas.

Erstmals seit 2010 ist die Zahl der Straftaten in Stadt und Landkreis gestiegen. Das offenbart der Sicherheitsreport der Polizei für das vergangene Jahr. Allerdings ist dafür auch der enorme Zuzug an die Isarmetropole verantwortlich.

München - Das Jahr 2016 bleibt im Gedächtnis. Für viele Menschen steht es für Angst, Gewalt - und dafür, dass der Terror unsere Heimat erreicht hat. Auch München blieb nicht verschont. Am 22. Juli erschütterte der Amoklauf mit zehn Toten am Olympia-Einkaufszentrum die Stadt. Die Bluttat und tausende weitere Einsätze verlangten der Polizei viel ab. Der Sicherheitsreport offenbart nun, was sich im Gefühl vieler Münchner angedeutet hatte: Die Zahl der Straftaten steigt.

Weil im vergangenen Jahr weniger Flüchtlinge nach München kamen, wurden weniger Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz registriert. Dieser Rückgang schlägt sich in der Anzahl der Gesamtstraftaten nieder. Werden diese Verstöße ausgegliedert, stellt man fest, dass die Kriminalität in München um sechs Prozent gestiegen ist. 

Größter Anstieg beim Schwarzfahren

Polizeipräsident Hubertus Andrä nennt Gründe: „Wo mehr kontrolliert wird, werden mehr Delikte festgestellt.“ Vor allem die Zahl der Schwarzfahrer stieg an. Auch die Aufklärungsquote ist höher. Nach wie vor ein Brennpunkt ist der Bereich um den Hauptbahnhof. Drogen, Gewalt und Prostitution beherrschen die Szene. Was auch zunimmt: Diebstähle (2,7 Prozent) und Körperverletzungen (6,3 Prozent). Andrä: „Der Anstieg scheint marginal. Aber er bedeutet, dass jeden Tag zwei zusätzliche Straftaten passieren.“

Im Fünf-Jahres-Vergleich ist die Zahl der Straftaten gesunken

Dabei ist die Zahl der Straftaten in den fünf Jahren zuvor kontinuierlich zurückgegangen, hatte 2015 den bisherigen Tiefstand erreicht. Etwas mehr als 110.000 Delikte gab es zuletzt 2010. Berücksichtigt werden muss, dass seitdem etwa 140.000 Menschen zugezogen sind. Im Vergleich zu 2010 ist deshalb die Zahl der Straftaten pro 100.000 Einwohner auch deutlich um über acht Prozent gesunken. Im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten passieren in München nur halb so viele Straftaten.

Sehen Sie hier ein Video der Polizei-Pressekonferenz in ganzer Länge. 

Welche Delikte besonders gestiegen sind:

Einbruch: Auch bei den Wohnungseinbrüchen verzeichnet die Polizei einen Zuwachs: Um 9 Prozent sind die Taten gestiegen. Allerdings hatte man dort 2015 auch einen historischen Tiefststand erreicht. „Mein Wunsch nach einem weiteren Rückgang der Fälle hat sich leider nicht erfüllt“, sagt Andrä. Ernüchternd: Die Aufklärungsquote bei Einbrüchen liegt bei mageren 12,7 Prozent. 

Schwarzfahren: Zwar ging die Gewaltkriminalität in den öffentlichen Verkehrsmitteln um etwa 14 Prozent zurück, dafür haben Kontrolleure 2016 mehr Schwarzfahrer erwischt - „Erschleichen von Leistungen“ nennen Beamte diese Art von Betrugsdelikten. Etwa 1000 Menschen mehr wurden im vergangenen Jahr zur Kasse gebeten, weil sie keinen gültigen Fahrschein vorzeigen konnten. Der Anstieg ist damit zu erklären, dass mehr Kontrollpersonal eingesetzt wird. Fälle von brutaler Gewalt, wie Schlägereien, gingen aber um 251 Delikte zurück.

Die Zahl der Schwarzfahrer ist um 16,6 Prozent gestiegen.

Gewaltkriminalität: Zugenommen hat auch die Gewaltkriminalität. Vor allem der Anstieg bei gefährlichen und schweren Körperverletzungen (+ 5,5 Prozent) ist bedenklich. Etwa ein Drittel der Taten wurde unter Alkoholeinfluss begangen. Im 10-Jahres-Vergleich ist aber auch bei der Gewaltkriminalität ein starker Rückgang zu erkennen. Auch wenn Rohheitsdelikte, wie Raubüberfälle, im Jahr 2016 leicht um 2,7 Prozent zugenommen haben. Der Anteil von Nichtdeutschen unter den 4591 Tatverdächtigen liegt in diesem Bereich bei 58,5 Prozent.

Rauschgift: Zwar gilt seit Kurzem das Alkoholverbot am Münchner Hauptbahnhof, die Auswirkungen werden sich aber erst im nächsten Bericht zeigen. Für das Jahr 2016 bleibt der Schmelztiegel sämtlicher Nationen ein Brennpunkt. Vor allem, wenn es um Rauschgiftdelikte geht. Über 4000 Straftaten registrierte die Polizei alleine in diesem Bereich. Heroin, Marihuana und verschiedene andere Arten von gefährlichen Drogen werden dort vor allem in den Abendstunden und in der Nacht konsumiert. Insgesamt stieg die Zahl dieser Fälle um 600.

Auf Mohammad R. wurde geschossen.

Tötungsdelikte: 58 Tötungsdelikte gab es im Jahr 2016 (52,6 Prozent mehr als im Vorjahr) - auch Versuche zählen dazu. Ein erschreckendes Beispiel wird gerade vor Gericht verhandelt. Im April 2016 musste die Polizei ein blutiges Beziehungsdrama schlichten: Hassan A. (41) hatte in der Maxvorstadt den neuen Freund seiner Ex-Frau niedergeschossen. Danach wollte er sich selbst richten. Das konnten die Beamten in einem stundenlangen Großeinsatz aber verhindern. Wegen versuchten Mordes wird A. seit Donnerstag der Prozess gemacht. Die Trennung im Oktober 2015 hatte er nicht verkraftet. „Ich stand unter Dauerstress. Sie nahm die Kinder mit und wollte noch Geld von mir. Ihr neuer Freund hat mir gedroht“, so die Aussage von A., die Verteidigerin Ricarda Lang verlas. Die Vorwürfe räumte er ein: „Ich habe geschossen. Aber weiß nicht, wie oft.“ Im Prozess kommt heraus: drei Mal - um Mohammad R. (25) zu töten. Laut Anklage hatte Hassan A. heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt, als er sich mit Mohammad R. getroffen hatte, um einen Streit zu klären. Unvermittelt soll er einen Revolver gezogen und auf R. geschossen haben, der blutend zusammenbrach. Dann soll er weitere Male abgedrückt haben - aber sein Magazin war leer. Die Polizei schoss auf den Täter und setzte ihn außer Gefecht - auch das Opfer bekam eine Kugel ab. „Ich wurde knapp neben das Herz getroffen“, sagte R. aus. Hassan A. gab an, aus Angst geschossen zu haben. „Ich dachte, Mohammad bringt mich um.“ Erst nach Stunden konnte ein Sondereinsatz-Kommando den Angeklagten überwältigen. Ihm droht lebenslange Haft.

Sexualdelikte: Die Zahl der Sexualstraftaten erschüttert. Im Jahr 2016 kam es in Stadt und Landkreis zu 882 Delikten. 187 vollendete Vergewaltigungen und Versuche wurden registriert. Laut Hubertus Andrä ist diese Zahl gestiegen, weil sich Opfer immer häufiger trauen, sich an die Polizei zu wenden und Anzeige zu erstatten. „Das geschieht auch“, sagt Andrä, „weil wir eine gute Zusammenarbeit mit den verschiedenen Hilfsorganisationen pflegen.“ Der brutalste Fall: Am 18. Dezember wurde eine Joggerin an der Isar bei Oberföhring überfallen.

Lesen Sie dazu: Nach zwei Vergewaltigungen in Rosenheim und Oberföhring -Profiler ist Sextäter auf der Spur

Asylunterkünfte: Auch wenn der Anlass in vielen Fällen nichtig ist, wie Polizeipräsident Hubertus Andrä betont, so ist die Zahl bemerkenswert. Vergangenes Jahr musste die Polizei fünf Mal so oft zu Asylheime anfahren, als noch 2014. Damals waren es noch 850 Einsätze – 2016 ganze 4800. Meist handelt es sich um harmlose Auseinandersetzungen, zu einer brutalen Tat in der Messestadt ist es Anfang Mai gekommen. Die 30-jährige Hasnaa A. wollte ihren Sohn besuchen und fand den Tod. Ihr Ehemann erstach sie in einem Waldstück in der Nähes des Riemer Parks.

Die Zahl der Einsätze in Asylbewerberheimen ist stark angestiegen, allerdings war der Anlass oft nichtig.

Betrug & Enkeltrick: Diesen Sumpf hat die Münchner Polizei ausgetrocknet. Auf den großen Fahndungserfolg nach den Enkeltrickbetrügern ist Hubertus Andrä stolz. Gab es im 2015 noch 89 vollendete Taten, passierte vergangenes Jahr nur eine einzige. Grund: Ermittler spürten eine Betrügerbande in Polen auf. Von dort riefen die Täter bei Senioren an und gaben sich als Verwandte ihrer Opfer aus. Unter einem falschen Vorwand – meist akute Geldnot – brachten sie ältere Menschen oft dazu, ihr Vermögen von der Bank zu holen, und es Boten in die Hand zu drücken.

Lesen Sie dazu: Täter-Paar vor Gericht - So betrogen sie Senioren um tausende Euro.

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