"So sieht die deutsche Frau aus, deren Lunge dich rettete"

+
Eberhard Bogner zeigt im Tel Haschomer Klinikum bei Tel Aviv der israelischen Palästinenserin Hasnin Haga Fotos seiner toten Schwester.

München/Tel Aviv - Die Münchner Journalistin Antonia Bogner starb nach einem Busunfall in Israel. Ihre Familie stimmte einer Organspende zu. Jetzt lebt eine israelische Palästinenserin mit ihrer Lunge.

“Meine Schwester liebte Israel sehr und wollte gerne hier leben. Jetzt tut sie das in gewisser Weise“, sagt Eberhard Bogner. Der Schmerz über den Unfalltod seiner Schwester Antonia im Mai ist ihm noch ins Gesicht geschrieben. Als die Ärzte sie nicht retten konnten, stimmte ihre Familie der Organspende zu. Neben Bogner sitzt die israelische Palästinenserin Hasnin Haga.

Die 28-Jährige litt seit ihrer Geburt an Lungenproblemen, musste immer wieder ins Krankenhaus. Schon eineinhalb Jahre wartete sie auf eine Spenderlunge. Dann kam der erlösende Anruf: Es gibt eine Spenderin. Mit Antonias Lunge erhielt die schüchterne Hasnin ein zweites Leben.

Der 40-Jährige Bogner sitzt in einem kleinen Konferenzraum des Großklinikums Tel Haschomer bei Tel Aviv. Das Krankenhaus hat ihn und Hasnin Haga zu einer Pressekonferenz eingeladen, um für Organspenden zu werben. Anders als in Deutschland ist es in Israel nicht verboten, dass Angehörige von Organspendern Informationen über die Empfänger erhalten.

Mit dunkler Stimme spricht Hasnin über ihre Zukunftspläne. Mit Kindern will sie arbeiten, endlich tun können, was sie möchte. Nur ein Mundschutz, der ihr um den Hals baumelt, erinnert noch an die schwere Operation.

“Mir fehlen die Worte. Diese Familie hat mir so viel gegeben: das Leben. Was kann ich ihnen denn zurückgeben?“, fragt die 28-Jährige auf Arabisch. Bogner hört sich die Übersetzung an, wendet sich ihr zu: “Indem Du hier sitzt und lächelst, hast Du uns schon alles gegeben. Wir danken Dir.“ Danach ist es sehr still in dem nüchternen Raum.

Noch ein zweiter Israeli, Leonid Feldman, überlebte dank der Organspenden von Antonia. Er litt an einem Leberleiden. Per Telefonschaltung bedanken er und seine Frau Natalie sich bei Bogner. “Unsere beiden Kinder haben jetzt Dank Ihrer Großzügigkeit wieder einen Vater“, krächzt es aus dem Handy.

Bogner möchte die Menschen kennenlernen, die durch den Tod seiner Schwester leben. “Wir hatten mit Antonia nie über das Thema Organspende gesprochen. Sie hatte auch keinen Spenderausweis. Aber wir haben uns dazu entschieden, um in dem ganzen Schmerz etwas Positives tun zu können“, erzählt der Vater von zwei Kindern. “Ich bin sicher, dass es im Sinne meiner Schwester gewesen ist.“

Antonia Bogner arbeitete als freie Journalistin und berichtete vor allem über Kulturthemen, erzählt ihr Bruder. Am 24. Mai war sie mit einem Bus von Tel Aviv nach Jerusalem unterwegs, um über ein Treffen zeitgenössischer israelischer Komponisten zu berichten. Der Bus stieß mit einem stehenden Lastwagen zusammen. Ein Passagier war sofort tot, Antonia kam mit schwersten Kopfverletzungen in das Tel-Hashomer-Krankenhaus, das größte Israels.

“Aber die Ärzte konnten sie nicht stabilisieren“, erzählt Bogner. Alle, die Ärzte und Krankenschwestern, seien unglaublich nett und einfühlsam mit seinen Eltern und ihm umgegangen. Ganz behutsam sei das Thema Organspende angesprochen worden. “Als klar war, dass Antonia hirntot ist, hat uns niemand gedrängt. Es war nur so, dass eine Entscheidung schnell getroffen werden musste“, erinnert sich der Mitarbeiter eines Unternehmens für medizinische Geräte.

Für das Krankenhaus ist das Treffen Bogners mit den Organempfängern eine Gelegenheit, für Organspenden zu werben. “Leben zu geben, ist die größte menschliche Tat, die es gibt. Sie ist Ausdruck der Hoffnung auf Freundschaft und Hilfsbereitschaft zwischen allen Menschen dieser Welt“ sagte der stellvertretende Klinikdirektor Amon Afek. Etwa 1000 Patienten warteten derzeit allein in Israel auf ein Spenderorgan.

Bogner und die Familie von Hasnin tauschen unterdessen Adressen und Telefonnummern aus. “Ich finde es sehr bewegend, die Geschichte ihrer Familien zu hören, deren Teil wir jetzt geworden sind. Kommen sie uns in München besuchen“, lädt er Hasnin und ihre Angehörigen ein. “Inschallah“ (So Gott will), antwortet ihr Onkel auf Arabisch - und auch die jüdischen Israelis nicken.

dpa

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion