Jahresbilanz

Simpler „Trick“: Münchenstift kämpft erfolgreich gegen den Pflegemangel

+
Guter Dinge: Münchenstift-Chef Siegfried Benker vor dem Haus St. Josef am Luise-Kieselbach-Platz.

Der Fachkräftemangel gilt als eines der größten Probleme in der Pflege. Beim städtischen Träger Münchenstift ist man die Probleme jetzt erst mal los. Grund dafür ist ein neuer Tarifvertrag.

Seit Jahresbeginn gilt bei der Münchenstift für Pflegekräfte der neue Tarif TVöDplus. Zwei Jahre lang hatte das städtische Unternehmen mit der Gewerkschaft Verdi verhandelt – auf das Ergebnis ist Münchenstift-Geschäftsführer Siegfried Benker mächtig stolz. „Wir haben die bundesweit beste Bezahlung für Pflegekräfte erreicht“, sagte er gestern. So liegt das Einstiegsgehalt jetzt beispielsweise bei 3000 Euro.

Seit Jahresbeginn ist der neue Tarifvertrag gültig, die erste Bilanz fällt ausgesprochen positiv aus. „Wir haben kein Fachkräfteproblem mehr“, freut sich Benker. Für ihn ist klar: „Wir können eine bessere Bezahlung der Pflegekräfte nicht nur fordern, sondern müssen selbst voran gehen.“ Denn die gesellschaftliche Wertschätzung dürfe sich nicht nur in Sonntagsreden ausdrücken, sondern auch in der Bezahlung. Mitarbeiter von anderen Häusern will Benker aber nicht weglocken. „Es hat uns gut getan, aber niemandem geschadet“, sagt er über den neuen Tarif. Im Gegenteil, dadurch steige nicht nur die Attraktivität des Arbeitgebers Münchenstift, sondern auch die des Pflegeberufes insgesamt. Außerdem ist der Ausstieg aus dem seit zwölf Jahren gültigen Sanierungstarifvertrag vereinbart worden. Dadurch verbessert sich vor allem die Situation für Hilfskräfte.

Mehr Ausbildung gegen den Mangel

Die wichtigste Säule gegen den Fachkräftemangel bleibt aber weiter die Ausbildung. Anfang September haben 62 junge Menschen ihre Ausbildung bei der Münchenstift begonnen. Zusätzlich bildet das Unternehmen auch Jugendliche mit Fluchthintergrund aus (siehe unten). Insgesamt bietet Münchenstift derzeit 200 Ausbildungsplätze an – so viel wie kein anderes kommunales Pflegeunternehmen bundesweit.

Die Mitarbeiter werden dringend gebraucht, denn beim größten Anbieter in der Altenpflege in München gibt es genug zu tun. 2800 Menschen werden in einem der 13 Häuser des Münchenstift betreut – die Belegung liegt bei 99 Prozent. Durch neue Pflege-Gesetze haben sich auch die Herausforderung an Münchenstift verändert. „Die Menschen kommen immer später und in einem immer schlechteren Zustand zu uns“, erklärt Benker. Die Hälfte der Neuzugänge sei mittlerweile über 80 Jahre alt und 60 Prozent verbrächten weniger als ein Jahr in dem Pflegeheim. „Für die Mitarbeiter ist das natürlich keine einfache Situation. Sie öffnen sich den Bewohnern und wissen zugleich, dass viele von ihnen kaum länger als ein Jahr im Pflegeheim leben“, erklärt Benker. Deswegen spielt das Thema Hospiz- und Palliativbetreuung eine immer wichtigere Rolle.

Ein weiterer Trend: Die Kurzzeitpflege wird immer öfter in Anspruch genommen. „Wir werden deshalb Anfang nächsten Jahres im Haus an der Rümannstraße eine eigene Station für die Kurzzeitpflege eröffnen“, kündigt Benker an. Bereits in diesem Jahr ist die Tagespflege im Haus St. Josef eröffnet worden. Der Umbau des denkmalgeschützten Hauses am Luise-Kieselbach-Platz ist weiterhin eine große Herausforderung. „Vor 100 Jahren hat man im Pflegebereich noch sehr anders gebaut als heute“, sagt Benker. Dafür hofft der Chef, im riesigen Dachgeschoss des Gebäudes Personalwohnungen einrichten zu können.

Geduld zahlt sich aus – Ausbildung von Geflüchteten geglückt

Im vergangenen Jahr haben 18 Geflüchtete eine einjährige Ausbildung zum Pflegefachhelfer begonnen, 15 von ihnen haben sie jetzt erfolgreich beendet. Einer von ihnen ist der 23-jährige Alpha Bah. Der junge Mann ist im Jahr 2011 als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland gekommen. Sein Werdegang zeigt, dass sich Geduld und Beharrlichkeit bei der Ausbildung von Flüchtlingen auszahlen.

„Vor drei Jahren hatte ich schon mal eine Ausbildung bei Münchenstift begonnen, damals hat mir die deutsche Sprache aber noch zu viele Probleme gemacht“, erinnert sich Bah. Also drückte er nochmal die Schulbank und büffelte im Deutschkurs. Dem Münchenstift ist er derweil treu geblieben. „Ich habe dann ein Freiwilliges Soziales Jahr hier gemacht. Und danach war ich dann ehrenamtlich tätig und habe dem Hausmeister geholfen“, sagt Bah. Im vergangenen Jahr hat er dann erneut den Anlauf zu der einjährigen Ausbildung gewagt - mit Erfolg.

Muyenje Haroon

Er schätzt die Arbeit mit den Senioren im Haus an der Tauernstraße, mit seinem Deutsch stößt er allerdings trotzdem noch manchmal an seine Grenzen. Etwa weil viele Bewohner im starken Dialekt reden – oder weil er eine neue Redewendung lernen kann. „Einmal hatte ein Bewohner mir gesagt, er müsse auf den Topf. Da habe ich ihm einen Topf aus der Küche gebracht“, erzählt Bah und lacht. „Die Schwester hat mir dann erklärt, welche Bedeutung das Wort Topf noch haben kann.“

Am Anfang gab es auch Bewohner mit Berührungsängsten gegenüber dem Pfleger aus Sierra Leone. „Das habe ich nicht persönlich genommen. Mittlerweile haben die Senioren Vertrauen zu mir aufgebaut, für einige bin ich gar der Lieblingspfleger“, freut sich Bah. Er wird jetzt die dreijährige Ausbildung zum Altenpfleger antreten.

Alpha Bah

Am Anfang der einjährigen Ausbildung steht der 25-jährige Muyenje Haroon, der vor zwei Jahren aus Uganda nach Deutschland gekommen ist. In der Berufsintegrationsklasse hat ihn die Lehrerin auf die Idee mit der Altenpflege gebracht. „Ich habe mehrere Praktika absolviert, das im Altenheim hat mir am besten gefallen“, erklärt Haroon. Er freut sich auf den Umgang mit den Senioren und hofft, das deutsche Konzept der Altenpflege irgendwann einmal in sein Heimatland Uganda exportieren zu können. „Da gibt es solche Einrichtungen nicht“, erzählt Haroon.

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn: 26 Flüchtlinge springen bei Laim vom Zug - Stundenlang Chaos
S-Bahn: 26 Flüchtlinge springen bei Laim vom Zug - Stundenlang Chaos
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Sechs Orte in München, an denen wir uns aufwärmen
Sechs Orte in München, an denen wir uns aufwärmen

Kommentare