Wegweiser erscheint am Freitag

Das sind Giesings gemütlichste Boazn

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Schnurrbärtiger Stüberl-Fan: Maximilian Bildhauer, der Autor von „Munich Boazn“, in der Kneipe „Alt Giesing“.

München - Maximilian Bildhauer, 25, hat ihnen ein Denkmal gesetzt, den Bierstüberln und den Boazn Giesings. Sein eigenwilliger Kneipenführer ist eine Schau. Alleine bei seinen Recherchen hat er sechs Kilo zugenommen und Dinge gesehen, die man sonst nirgends sieht. Garantiert nicht.

Dieter, der schnurrbärtige Wirt vom „Grandauer Fassl“, hat ein sensationelles, nahezu perfektes System entwickelt, wie er unliebsame Gäste von seiner Giesinger Boazn fernhält. Weißt ja nie, was für ein Rindviech sich an deine Theke hocken will. Deswegen stellt Dieter Reserviert-Schilder auf; verstärkt in Thekennähe, da, wo man dem Wirt quasi von Angesicht zu Angesicht gegenübertritt. Mit diesem Trick hat Dieter, Jahrgang 1933, schon einen Haufen ungebetener Gäste wieder aus dem Grandauer Fassl hinaus komplimentiert, bevor sie auch nur Grüß Gott sagen konnten. Aber heute droht keine Gefahr: Heute schaut Maximilian Bildhauer, 25, auf einen Absacker vorbei.

Für ihn räumt Dieter die Schilder so schnell beiseite, dass der Maximilian noch nicht mal Grüß Gott sagen kann. Aber dafür kann der Maximilian was anderes sagen: „Das ist meine Lieblingsboazn.“ Ein Satz, der Gewicht hat, hier im Herzen Giesings. Denn dieser schnurrbärtige, schnapstrinkende, vieltätowierte, junge Maximilian hat dem Viertel einen Schatz geschenkt: Der Student hat einen Kneipenführer der besonderen Art geschrieben; das Werk mit dem Titel „Munich Boazn“ ist ein unverzichtbarer Wegweiser durch die mal urigen, mal finsteren Stüberl und Bierhöhlen Giesings. „Zwei Monate habe ich intensiv recherchiert“, erzählt der Autor. „Es war eine Belastung, in jeglicher Hinsicht.“ Bier und Leberkäs, von nichts anderem hat er sich ernährt. Sechs Kilo hat Maximilian in jener Zeit im Sommer 2011 zugenommen, das war der Preis. Allerdings kennt er seitdem jeden Wirt rund um Kolumbusplatz, Candidplatz und die Tegernseer Landstraße mit Vornamen. Die Bierpreise kann er im Schlaf aufsagen. Alleine die Namen der Läden in seinem Buch sind ein Schmankerl für jeden Freund eines gediegenen Vormittags- oder Feierabendrauschs. Die Boazn heißen „Pilsbar Zic-Zac“, „Giasinga Schlümpfe“, „Hexenstub’n“, „Capitan Jack“, „Zum Pilshahn“ oder gleich „Bierschänke Bauerngirgl“.

Maximilian kippt seinen Schnaps, bestellt gleich einen neuen, dann sagt er: „Ich bin hier ums Eck in der Hans-Mielich-Straße aufgewachsen.“ Jeden Morgen ist er zur Schule geradelt, vorbei an all den Boazn. „Die Leute lagen bewusstlos davor.“ Die Bilder hat er nicht mehr aus dem Kopf gekriegt. „Da wollte ich einfach wissen: Was ist das für ein Paralleluniversum? Was für eine Schattenwelt?“ Irgendwann ist aus Maximilian selbst ein Stüberlgänger geworden – erst sozusagen aus ethnologischem Interesse, anfangs waren es Expeditionen ins Herz der Bierseligkeit. Später wurde Liebe daraus. Maximilian hat Freundschaft geschlossen mit den mal traurigen, mal liebenswürdigen, mal abgestürzten, mal steinreichen, mal bettelarmen Gestalten, die Tag für Tag in Giesings Stüberln hocken. „Dieter, wie lange hast du dein Stüberl schon?“, fragt er dann in Richtung des Wirts. Aber Dieter hat gerade keine Zeit zum Antworten.

Neben seinen Reserviertschildern hat er nämlich noch ein weiteres nahezu perfektes System etabliert: sein Abrechnungssystem. Allerdings nimmt es viel Zeit in Anspruch, auch bei geringen Gästezahlen. Direkt neben dem Zapfhahn liegt ein großes weißes Blatt. Der Wirt trägt dort jede Bestellung ein. Die Zeichen auf dem überdimensionierten Zettel sehen aus, als ob der Wirt darauf komplizierte physikalische Berechnungen vollzieht, womöglich zur Vorbereitung der nächsten Nasa-Mission. Aber es geht dann doch nur um ein paar Stamperl Schnaps.

Klar, Maximilians Boaznführer ist lustig, skurril, wunderbar, er schreibt, in welchem Stüberl man essen sollte, in welchem besser nicht, was das Bier kostet und ob der Wirt grantig oder doch eher eine gute Seele ist. Aber vor allem hat der Stüberlführer einen ernsten Hintergrund. Er ist eine Mahnung, ein Warnschrei, eine Liebeserklärung im Angesicht des Todes. „Stüberl sind bedroht bis zum Geht-nicht-mehr“, sagt Maximilian.

„München wird Viertel für Viertel einer radikalen Schönheitskur unterzogen, welche den alteingesessenen Bürgern übel auf den Magen schlagen muss. Das Schreckgespenst der Gentrifizierung geistert durch die alten Arbeiterquartiere“, schreibt Maximilian in seinem Vorwort. Die Boazn ist vom Aussterben bedroht, ganz klar. „Wenn es so weiter geht, dann gibt’s in 20 Jahren in Giesing vielleicht noch eine Boazn. Wer heute einen neuen Laden aufmacht, der macht eine coole Bar auf.“ Aperol Spritz schlägt Asbach Cola. So läuft’s, wenn aus einem Arbeiterquartier plötzlich ein angesagtes Viertel wird. Ein gigantisches Problem, findet Maximilian: „Ich kenne einige Boazn, die schließen mussten. Ich habe die Leute, die früher Gäste waren, nie mehr gesehen. Wahrscheinlich betrinken sie sich jetzt zu Hause und sterben irgendwann.“ Das Glatte, Schöne vertreibt das Verruchte, Verbrauchte.

Dieter, der Wirt, hat inzwischen seine Berechnungen unterbrochen. „Früher war es besser“, sagt er. Mehr Gäste, mehr Umsatz, längere Nächte. Seit 1970 gibt es den Laden, erzählt er, irgendwann hat ihm ein Spezl vom Film eine Almhütte in sein winziges Lokal gezimmert. Seitdem sieht es im „Grandauer Fassl“ aus wie in der Kulisse einer kitschigen Heimatschmonzette, der Kini darf da natürlich auch nicht fehlen. Er hängt als Bild an der Wand. Ein Stück weiter hat Dieter ein großflächiges Schild genagelt, darauf steht das Glaubensbekenntnis so mancher Boaznnächte, das Vaterunser eines jeden bayerischen Zechers: „Nix is so wichtig, dass morg’n net scho wieda wurscht war“.

Maximilian sagt: „Nach einem Abend in der Boazn kenne ich viele Leute, die ich nicht kannte, besser als viele, die ich schon lang kenne.“ Vor einiger Zeit hat er sich das Münchner Stadtwappen auf den Arm stechen lassen. Allerdings wohnt er inzwischen in Freising. „Den Münchner Mietwahnsinn mach’ ich nicht mehr mit“, sagt er.

Dann bestellt er bei Dieter die Rechnung. „Zweimal Marille und die zwei von meinem Nachbarn zahl’ ich auch. Was kriegst du?“ Dieter schaut auf seinen großen Abrechnungszettel, lange, noch länger. Er rechnet, schaut, rechnet. In seinen Büchern ist irgendwie der Wurm drin. Maximilian gibt ihm zwölf Euro und steht von der Bar auf. „Eine Boazn ist nicht verschiebbar“, sagt er beim Gehen. „Zu ist zu.“ Maximilian hat seinem Büchlein schwarze Trauerstreifen zum Einkleben beigelegt. Wenn ein Stüberl tatsächlich dicht macht, kann man den Streifen über die entsprechende Seite kleben. Man kann seiner Boazn die letzte Ehre erweisen.

Ruhe in Frieden, alte Säuferhöhle! Oder in den Worten von Maximilian: „Arrivederci, Lebensfreude!“

Stefan Sessler

"Munich Boazn" Band 1: Giesing. Volk Verlag, 180 Seiten, 10,90 Euro. Ab Freitag im Handel.

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