Skandal-Händler will Schadenersatz vom Freistaat

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Der Wildfleisch-Händler Karl Berger wurde wegen Betrugs verurteilt – jetzt fordert er Schadenersatz.

München - Der Mann hat Fleisch falsch etikettiert, er ist verurteilt wegen Betrugs und Verstößen gegen das Lebensmittelrecht. Karl Heinz Berger hat für den Skandal seiner Passauer Firma Berger Wild zwei Jahre Haft auf Bewährung bekommen.

 Jetzt dreht er den Spieß um: Berger verklagt den Freistaat auf Schadenersatz! Die Klage ist fertiggestellt und beim Landgericht München eingereicht. Das bestätigte Bergers Anwalt Horst Koller der tz. Zunächst gehe es um eine halbe Million Euro. Die Forderungen könnten sich aber auf mehrere Millionen ausweiten!

Der Vorwurf an den Freistaat: Der damalige Umweltminster Werner Schnappauf (CSU) soll Bergers Firma in den Ruin getrieben haben – mit haltlosen Gammelfleisch-Behauptungen. Tatsächlich beherrschte der Fall im Januar 2006 tagelang die Schlagzeilen: Innerhalb von vier Tagen schickte Schnappaufs Ministerium drei Pressemitteilungen. Bereits im ersten Schreiben vom 24. Januar 2006 war die Rede von Fleischproben, die „ranzig, stickig, muffig oder sauer rochen“. Berger Wild war mit vollem Namen genannt. Schnappauf kündigte „rückhaltlose Aufklärung“ an und sagte: „Das Ganze hat das Zeug zu einem handfesten Fleischskandal.“

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In der nachfolgenden Woche meldete Karl Heinz Berger auf Raten seines damaligen Anwalts Insolvenz an. Berger-Fleisch ist Gammel-Fleisch – in dieses Licht sah sich der Händler gestellt. Zu unrecht, wie sich im Prozess vor dem Landshuter Landgericht im November 2006 zeigte: Berger habe einfaches Hirschfleisch als sehr teures Elchfleisch verkauft – an den Lieferanten einer schwedischen Möbelhauskette. Frischfleisch sei systematisch mit Tiekühlware verlängert worden. In kleinem Umfang seien dem Fleisch verbotene Zusatzstoffe beigemischt worden. Richter Alfons Gmelch betonte: „Ein Angriff auf die Gesundheit der Verbraucher hat nicht stattgefunden.“ Betrug ja, Gammel nein.

Bereits Bergers damaliger Anwalt Hartmut Finger sprach von einer „Hexenjagd“. Erst Schnappauf habe aus der Sache einen Skandal gemacht. Der Anwalt kündigte eine Schadenersatz-Klage auf zehn Millionen Euro an. Die Drohung macht Berger nun wahr. „Wir haben die Klage gut vorbereitet“, sagt sein neuer Anwalt Koller. Der Freistaat habe bis Oktober Zeit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Ein Anfrage der tz an das Umweltministerium blieb gestern unbeantwortet. Schnappauf selbst wechselte im November 2007 als Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) nach Berlin. Er wollte sich nach Angaben seines Sprechers nicht äußern. Auch Berger war für die tz nicht zu sprechen. Um sein Auskommen muss man sich übrigens keine Sorgen machen: Nach Angaben seines Anwalts lebt er in Österreich und betreibt Handel – mit Wildfleisch.

David Costanzo

Hat Minister Schnappauf bei Berger zu fest zugebissen?

Zunächst ging es im Januar 2006 nur um ein paar angeblich übel riechende Fleischproben aus einem Kühlhaus – nur wenige Tage später schien halb Bayern von einer unglaublichen Gammel-Affäre erfasst. Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) stand damals wegen früherer Fleisch-Skandale unter Druck – und weil seiner Behörde im Fall von Karl Heinz Berger schon seit Jahren Hinweise auf Schlampereien vorlagen. Schnell machten Vorwürfe von Spezl-Wirtschaft innerhalb der CSU die Runde. Die Opposition polterte! Schnappauf wollte seine Handlungsfähigkeit beweisen. Innerhalb weniger Tage deklarierte sein Ministerium 74 Berger-Proben als „nicht für den menschlichen Verzehr geeignet“. Schnappauf machte zwei Berger-Standorte dicht, versetzte zwei Amtstierärzte, richtete eine Sonderkommission und eine Telefon-Hotline für Hinweise ein. Und teilte mit: „Nach den bisherigen mikrobiologischen Untersuchungen besteht keine Gesundheitsgefahr.“ Dabei blieb es.

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