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So lebt der Mann mit den Armen eines Toten

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So sah der Patient vor dem Eingriff aus.
So sah der Patient vor dem Eingriff aus. © dpa

Sie sind dran! Es hat tatsächlich funktioniert.

Die Arme sind angewachsen. Landwirt Karl M. (54), der in der Nacht zum 26. Juli im Klinikum rechts der Isar in einer spektakulären 15-Stunden-Operation zwei komplette Arme eines toten Spenders erhielt, kann sein Glück noch gar nicht richtig fassen. Das Gewebe ist perfekt durchblutet. Unter der Haut an seinen neuen Oberarmen kribbelt es bereits. Ein Zeichen dafür, dass die Nerven schon etwa acht Zentimeter weit in die neuen Arme eingewachsen sind.

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„Dem Patient geht es sehr gut“, sagte der Leiter des Transplantationsteams Prof. Edgar Biemer (67) am Wochenende im Gespräch mit der tz. „Am kommenden Mittwoch wird er erstmals selbst öffentlich über die zurückliegenden Wochen und seine Erfahrungen berichten.“ Dann wird Karl M. auch berichten, wie ihm eine Häckselmaschine vor sechs Jahren bei einem grausamen Unfall beide Arme abriss, warum er mit Prothesen nicht zurecht kam und wie er sich zu dem sensationellen Eingriff entschloss.

Prof. Biemer, der offiziell schon seit zehn Monaten im Ruhestand ist und die weltweit erste Transplantation zweier Arme ohne Honorar durchführte, besucht seinen Patienten täglich zweimal. Gemeinsam mit seinen zwei engsten Mitarbeitern Dr. Christoph Höhnke (Oberarzt der Plastischen Chirurgie) und Dr. Manfred Stangl (Leiter der Transplantationsabteilung) kümmert sich der ehemalige Chefarzt intensiv um Karl M.

Der konnte inzwischen in ein ganz normales Zimmer auf der Transplantationsstation verlegt werden. Seine Wunden sind mittlerweile gut verheilt. Auch die Metallstangen, die anfangs noch aus den Armen ragten und die Knochen zusammenhielten, haben die Chirurgen inzwischen entfernt.

Der größte Erfolg des Eingriffs besteht nach Meinung der Ärzte darin, dass bis heute keinerlei Abstoßreaktionen aufgetreten sind. Obwohl die Chancen dafür über 60 Prozent lagen. Schließlich erhielt Karl M. mit den beiden je zwölf Kilogramm schweren Armen ein Viertel seiner Körpermasse verpflanzt. Doch er blieb von den gefürchteten Reaktionen, die zum Abnehmen der neuen Arme führen können, verschont. Durch eine neue Kombination vier verschiedener Mittel, die die Körperabwehr unterdrücken, konnte die gefürchtete Abstoßung verhindert werden. Mit jedem neuen Tag sinkt diese Gefahr weiter. Es traten nicht einmal Nebenwirkungen auf. Der Körper des Allgäuer Landwirts hat die neuen Arme so gut angenommen, dass die Mediziner die Dosis der Medikamente bis heute stark reduzieren konnten. Inzwischen erhält Karl M. sogar weniger Medikamente als ein Patient nach einer ganz normalen Nierenverpflanzung.

Langweilig wird es Karl M. in seinem Zimmer nicht. Jeden Tag stehen acht Stunden Training und Therapien auf dem Programm. Krankengymnastinnen bewegen die Gelenke, damit sie nicht versteifen. Mit täglichen Elektrostimulationen werden die verpflanzten Muskeln angeregt, damit sie sich nicht zurückbilden. Zweimal täglich cremen die Schwestern Karl M.s Arme mit einer Spezialsalbe ein, die einen Pilz-Wirkstoff enthält, der örtliche Abwehrreaktionen im Gewebe unterdrückt. Nach Meinung der Ärzte ist das vielleicht der Grund, warum der Patient die Arme so erstaunlich gut angenommen hat.

Wenn die Heilung weiterhin so gut verläuft, wird der Allgäuer seine neuen Arme in etwa einem Jahr bewegen können. Zuerst an den Ellenbogen, später auch an den Händen. Prof. Biemer: „Er ist optimistisch.“

Bis dahin spaziert Karl M. mit einem neuen Gestell durch die Gänge der Station und durch den Klinikgarten. An einem Korsett sind zwei Stützen angebracht, auf die Karl M. seine Arme lagert.

In seinem Zimmer muss der Landwirt zum Essen zwar noch gefüttert werden. Doch telefonieren oder die Schwester rufen kann er schon selbst. Techniker haben ihm dazu am Bett-Ende ein Gerät mit Tasten konstruiert, die er mit den Füßen bedienen kann. Außerdem erhält er regelmäßig Besuch von seiner Frau und den beiden Töchtern.

Ärzte und Pflegepersonal beschreiben Karl M. als extrem optimistisch, zuversichtlich, angenehm und dankbar. Ein sympathischer Mann, mit dem man jederzeit gern ein Bier trinken gehen würde. Schon im November könnte das so weit sein. Dann soll Karl M. entlassen werden.

Quelle: tz

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