Vorurteile und Mythen des Alltags

So täuscht uns unser Gehirn

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Das Gehirn täuscht den Menschen immer wieder - der Ursprung dafür liegt in der Evolution.

München - Schubladendenken und Vorurteile lenken uns im Alltag mehr, als wir galuben. Die tz geht diesem Phänomen einmal genauer nach und hilft Ihnen, dass Sie sich in Zukunft nicht mehr hinter das Licht führen lassen.

Haben Sie sich schon mal dabei ertappt, dass Sie Vorurteile haben? Dass Sie zum Beispiel einen schüchternen Kollegen gleich als unfähig abgeschrieben haben? Oder dass Sie zu schnell einem Mythos aufgesessen sind, ohne ihn selbst zu hinterfragen? Oder dass Sie Ihre eigene Meinung verworfen haben, weil alle um Sie rum anders denken? Schubladendenken und Vorurteile lenken uns im Alltag mehr, als wir galuben. Wir täuschen uns selbst! Und manchmal treffen wir so auch voreilig falsche Entscheidungen. Die tz geht diesem Phänomen einmal genauer nach – gemeinsam mit der Aktion „Umparken im Kopf“ (umparkenimkopf.de). Hinter dieser Kampagne steckt die Autofirma Opel, die seit 21. Februar unter anderem mit 11.000 Werbeplakaten in Deutschland mit provokanten Sprüchen Aufmerksamkeit erregt – und damit auch zum Nachdenken anregen will, ob das vermeintlich biedere Image von Opel gerechtfertigt ist. Auf den folgenden beiden Seiten können Sie mithilfe eines Profi-Tests herausfinden, wie offen Sie selbst sind und wie leicht Sie optischen Täuschungen erliegen. Außerdem klären wir Alltagsmythen auf. Über die Hintergründe spricht der Psychologe Michael Thiel im Interview.

Nina Bautz, Beate Winterer

Die 9 größten Irrtümer des Alltags

Unser Alltag ist voll von Irrtümern. Es lohnt sich, immer mal wieder zu hinterfragen, ob das, was man zu wissen glaubt, auch den Tatsachen entspricht. Hier sind 9 große Alltagsmythen:

1. Erkältungen kommen durch Kälte

Erkältungen werden vor allem durch Viren ausgelöst und nicht durch kalte Temperaturen. Allerdings kann kaltes Wetter die Widerstandsfähigkeit des Körpers reduzieren, da Abwehrzellen dann langsamer an die Infektionsherde gelangen.

2. Lesen im Dunkeln und bei schlechtem Licht verdirbt die Augen

Auch wenn Lesen bei dämmerigem Licht für die Augen besonders anstrengend ist, tragen sie keine bleibenden Schäden davon.

3. Schlafwandler darf man nicht wecken

Man sollte Schlafwandler keinesfalls abrupt aufwecken, da dies dazu führen kann, dass er sich erschreckt und zum Beispiel durch einen Sturz verletzt, also sanft vorhehen! Da sich Schlafwandler trotz offener Augen im Tiefschlaf befinden und Lichtquellen zur Orientierung folgen, kann es aber schnell gefährlich werden. Daher ist es am besten, einen Schlafwandler sanft wieder ins Bett zu geleiten.

4. Schneidet man Haare, wachsen sie schneller nach

Haare wachsen immer gleich schnell, egal ob sie regelmäßig abgeschnitten werden oder nicht. Bei frisch geschnittenen Haaren entsteht allerdings der Eindruck, als würden sie kräftiger nachwachsen. Der Grund: Haare verjüngen sich zum Ende hin. Schneidet man ein Haar

5. Holzbretter sind unhygienischer als Plastikbretter

Oft wird vermutet, dass sich in Holzschneidebrettern leichter Bakterien ansammeln können. Das Gegenteil ist allerdings der Fall. Da Holz wegen der darin enthaltenen Gerbsäuren antibakteriell wirkt, sind diese Bretter oft sogar hygienischer als Brettchen aus Plastik.

6. Der Fünf-Meter-Raum im Fußball ist fünf Meter breit

Eigentlich müsste man meinen, der Fünf-Meter-Raum direkt vor dem Torwart im Fußball ist exakt fünf Meter breit. Schließlich heißt er so. Der Bereich ist aber genau genommen 5,50 Meter breit. Der Grund dafür ist das nichtmetrische System im Fußball-Mutterland England. Danach ist der Bereich nämlich genau sechs Yards breit, also 5,50 Meter. Dies erklärt auch, warum Strafstöße vom 11-Meter-Punkt – also der doppelten Distanz – geschossen werden.

7. Wer auffährt, hat Schuld

Aus juristischer Sicht hat im Straßenverkehr immer derjenige Schuld, der in fahrlässiger oder vorsätzlicher Weise gegen die Verkehrsregeln verstößt. Verursacht ein Vorausfahrender demnach einen Unfall, weil er ohne erkennbaren Grund eine Vollbremsung vollzieht, ist er in der Regel schuld

8. Stiere reagieren auf rote Farbe

Dem Stier ist die Farbe des Tuchs egal. Die Tiere können auf Grund fehlender Farbrezeptoren in den Augen nur schwarz-weiß sehen. Sie werden über die Bewegungen gereizt.

9. Hornissen sind giftiger als Bienen oder Wespen

Stark verbreitet ist die Vermutung, dass drei Hornissenstiche einen Menschen töten können – und sie deutlich giftiger seien als die der kleineren Bienen und Wespen. Genau genommen ist das Gift der Hornissen aber sogar weniger gefährlich als das von Bienen und Wespen, auch wenn ihre Stiche meist mehr schmerzen. Eine klassische Täuschung!

Selbsttäuschung und Vorurteil

Gute Ausrüstung ist nicht allles

Nico Grotz (26), Student aus Balingen

Nico Grotz (26), Student aus Balingen: Ich war im vergangenen Jahr zum Mountainbiken am Gardasee. Dort habe ich viele Leute mit der allerbesten Ausrüstung gesehen und dachte, die wären richtig gute Fahrer. Später habe ich dann gesehen, dass die meisten ihre teuren Räder gar nicht richtig nutzen können. Das hat mich sehr gewundert.

Der Schein der Reichen & Schönen

Tatjana F. (43), Kosmetikerin aus München

Tatjana F. (43), Kosmetikerin aus München: In München sieht man so viele Leute mit dicken Autos und tollen Klamotten. Früher dachte ich, das wären Menschen, die im Leben etwas erreicht haben. Vor einigen Jahren habe ich in meinem eigenen Bekanntenkreis erlebt, dass das oft nur Show ist. Inzwischen weiß ich, dass es mir besser geht als vielen, die reich wirken.

Selbstbetrug in der Beziehung

Martina Ittenbach (34), Praxismanagerin aus München

Martina Ittenbach (34), Praxismanagerin aus München: In früheren Beziehungen habe ich die Erfahrung gemacht, dass man sich vieles schönredet. Wenn es Probleme gab, dachte ich oft, dass alles wieder gut wird. Man müsste nur zusammen in den Urlaub fahren. Dabei habe ich längst gespürt, dass die Beziehung überhaupt nicht mehr passt. Das konnte ich erst Monate später zugeben.

Amateur-Fotos mit der Profi-Kamera

Jürgen Bergmoser (59), Lektor aus Polling

Jürgen Bergmoser (59), Lektor aus Polling: Ich habe jahrelang als Lektor für Kamera-Bücher gearbeitet und war der Meinung, dass Leute, die viel Geld für eine Kamera ausgeben, auch fotografieren können. Auf einer Messe hat sich irgendwann ein Kunde beschwert, dass seine 4500 Euro-Kamera so wenige Automatik-Programme besitzt. Das hat mein Bild sehr verändert.

Hier können Sie sich selbst testen

Unser Gehirn liebt Vorurteilen. Deshalb packt es die Daten, die von den Augen geliefert werden, einfach in die nächstbeste Schublade. Wenn die Schublade nicht richtig passt, entsteht eine optische Täuschung. Wir sehen das eine, unser Gehirn erwartet etwas anderes und erzeugt deshalb eine Realität, die es so nicht gibt. Sehen Sie anhand dieser optischen Täuschungen, wie Ihr Gehirn Sie hinters Licht führt.

1. Parkflächen

Antwort: Beide Parkflächen sind völlig gleich groß. Sie haben sogar die gleiche Form. Der Eindruck unterschiedlicher Größe entsteht dadurch, dass unser Gehirn versucht, die Flächen in einem dreidimensionalen Raum zu sehen. Dadurch wirkt die eine lang und schmal und die andere kurz und breit.

Frage: Welche von beiden Parkflächen ist Ihrer Meinung nach größer?

2. Die Karo-Illusion

Antwort: Die Linien auf dem Brett sind völlig gerade. Die Wahrnehmung im Gehirn lässt hier den Eindruck entstehen, als seien die Linien krumm.

Frage: Sind die Linien Ihrer Meinung nach gerade oder gekrümmt?

3. Rauten

Antwort: Die meisten Menschen werden vermuten, dass die oberste Raute die hellste ist. Doch wenn man ein wenig den Kontrast verändert, erkennt man, dass alle Rauten gleich hell sind. Unsere Augen sehen hier vor allem die große Veränderung im Kontrast zwischen den Rauten, aber nur schlecht den langsamen Übergang innerhalb der Rauten.

Frage: Wo in der Rauten-Pyramide befindet sich Ihrer Meinung nach die hellste Raute?

4. Ampel

Antwort: Auch wenn es für Viele so aussieht, in der Mitte der Ampeln befinden sich nur farbige Striche. Unsere Augen verbinden die Striche des Kreuzes lediglich zu einer Fläche.

Frage: Richten Sie Ihren Blick auf die Mitte einer der Ampelfarben. Wenn Sie genau hinsehen, vermuten Sie dann einen farbigen Kreis um das Kreuz in der Mitte?

Interview mit Psychologe Michael Thiel

Wie führt uns unser Gehirn hinters Licht – und wie entkommen wir der Selbsttäuschungsfalle? Die tz hat mit dem bekannten Psychologen Michael Thiel gesprochen.

Herr Thiel, haben Sie sich schon einmal getäuscht?

Psychologe Michael Thiel

Michael Thiel: Oh ja. Vor Jahren klemmte unsere Auto-Heckklappe. Meine Frau wollte helfen, aber ich meinte, ich könne das doch besser und versuchte es immer wieder. Aber dann hat sie es sofort geschafft. Ich werde nie wieder dem Vorurteil von Frauen und Technik unterliegen!

Unser Gehirn leitet uns also ziemlich oft fehl?

Thiel: Unser Gehirn ist nie objektiv. Es arbeitet so, dass wir mit unserem Leben möglichst zufrieden sind. Es bastelt die Welt zusammen, wie sie uns gefällt.

"Ursprung liegt in der Evolution: Wer schneller denkt, überlebt"

Zum Beispiel?

Thiel: Es gibt viele solcher Phänomene: Nach einem Urlaub erscheint er uns schön – auch wenn es geregnet hat und wir eine Baustelle vor der Tür hatten. Weil wir uns unterbewusst vor unserem eigenen Ärger und dem Spott der anderen schützen.

Das heißt, uns erscheint die eigene Meinung völlig rational, obwohl die Psyche die Gedanken vorher schon beeinflusst hat? 

Thiel: Ja. Wir glauben häufig, dass die Meinung der Mehrheit richtig ist – nur um dazuzugehören. Die Forschung beweist, dass schon Vierjährige sich nach Sicherheit und Geborgenheit sehnen und ihre Meinung deshalb ändern. Oder nehmen Sie den sogenannten Halo-Effekt: Halo ist griechisch und heißt Lichthof. Hierbei überstrahlt eine bestimmte Eigenschaft einer Person alle anderen Eigenschaften.

Wie geht das? 

Thiel: Wenn wir zum Beispiel oft attraktive Leute sehen, die erfolgreich sind, bewerten wir irgendwann attraktive Leute fähiger als unattraktive. Die Forschung bestätigt, dass hübschere Schüler bessere Noten bekommen.

Ohne dass der Lehrer das böse meint oder mit Absicht macht?

Thiel: So etwas geschieht unterbewusst. Unser Gehirn ist so konzipiert, dass es schnell Entscheidungen trifft, da hilft das Schubladendenken.

Warum? 

Thiel: Der Ursprung liegt in der Evolution. Wer schneller denkt, überlebt. Bevor wir ewig nachdenken, ob der Säbelzahntiger gefährlich ist, hat er uns schon angenagt.

"Wichtig ist das bewusste Denken und Analysieren"

Also ist Selbsttäuschung sinnvoll?

Thiel: Zu einem gewissen Grad ja. Aber es ist nicht gut, wenn zum Beispiel Vorurteile nie revidiert werden.

Wieso?

Thiel: Stellen Sie sich vor, Sie vertrauen darauf, dass Männer mit harten Gesichtszügen und im Anzug seriös sind. Dann werden Sie irgendwann vielleicht über den Tisch gezogen.

Und wie kann ich dem entgehen? 

Thiel: Wichtig ist das bewusste Denken und Analysieren. Vergleichen Sie vor einer Entscheidung, holen Sie sich Informationen ein, wägen Sie ab. Seien Sie selbstkritisch und ehrlich zu sich selbst. Nehmen Sie sich Bedenkzeit. Und fällen Sie keine Entscheidungen unter Stress. Gehen Sie um den Block oder schlafen Sie eine Nacht drüber. Gehen Sie auf die Meta-Ebene und sehen sich die Situation wie eine unbeteiligte Person an. Werden Sie offen, geben Sie neuem eine Chance.

"Schwimmen Sie auch mal gegen den Strom"

Das klingt gut. Aber wie kann ich selbstkritisch sein, wenn mein Unterbewusstsein vorgaukelt, dass meine Gedanken richtig sind? Das ist doch ein Teufelskreis!

Thiel: Den können Sie unterbrechen, wenn Sie auf Alarmzeichen achten. Wenn Sie sagen: ‚Das war oder ist immer so’, dann ist was faul. Oder wenn Sie von einem Merkmal auf die ganze Person schließen. Oder wenn Sie bei Kritik gleich innerlich abschalten und nicht richtig zuhören. Halten Sie sich immer vor Augen: Schwimmen Sie auch mal gegen den Strom. Das ist psychisch gesünder – und wird letztendlich belohnt, weil Sie als authentische Person anerkannt werden.

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